Islam und Homosexualität

Homosexualität ist seit Jahrhunderten ein Bestandteil islamischer Kultur und bis heute trotz Verfolgung in manchen Ländern überall präsent

Eine rituelle Hochzeit zwischen Männern sorgte in Marokko unlängst für Schlagzeilen und brachte die Beteiligten ins Gefängnis. Im heutigen, offiziellen Islam sind Homosexuelle nicht gerne gesehen, und sie können laut Gesetz bestraft werden, obwohl das mit der Lebensrealität wenig zu tun hat. Nicht umsonst sind Marokko und andere muslimische Länder beliebte Reiseziele von Westlern mit gleichgeschlechtlichen sexuellen Präferenzen.

In Saudi-Arabien treffen sich Homosexuelle beim Barbier, in Cafes, Restaurants oder nehmen ihren Date gleich mit Nachhause, wo man sich im Zimmer ungestört vergnügt, während die Eltern vor dem Fernseher sitzen. Was Sex betrifft, sieht die Realität in muslimischen Ländern völlig anders aus, als es sich die meisten wohl vorstellen würden. Gerade von Saudi-Arabien denkt man, die Repression von Homosexuellen sei so stark, dass sie sich zu Hause verkriechen müssen, um nicht in Gefahr zu laufen, gesteinigt zu werden.

Im 17., 18. und 19. Jahrhundert berichteten bereits Europäer, die den Nahen und Mittleren Osten bereisten, von unverblümten gleichgeschlechtlichen Sexualpraktiken. In einem Ausmaß, dass man annahm, alle Muslime seien von Natur aus bisexuell. In der ottomanischen Türkei trieb man schöne Knaben als Steuer ein und der Sultan hatte seine Lieblingsjünglinge. In den Badehäusern Istanbuls wurde nicht nur gewaschen. Die angestellten Hilfskräfte für Sauberkeit, die Tellaks, arbeiteten zugleich als Prostituierte. Über die männlichen Badehausaffären gibt es zahlreiche Dokumente über Preisstaffelung, wann, wie und wie oft man die Kunden zum Orgasmus brachte. Aus der Mitte des 18. Jahrhunderts sind eifersüchtige Fehden um die Jünglinge der Badehäuser bekannt. Nicht minder offenherzig ging es in anderen Landen zu. Viele werden sich noch an die mittlerweile altertümlichen Ausdrücke „Persisch“ und „Türkisch“ erinnern, die man vor Jahren noch als Synonym für Analverkehr benutzte.

Homosexualität ist seit Jahrhunderten ein Bestandteil islamischer Kultur und bis heute überall präsent. Wobei man sie jedoch nicht mit westlichen Vorstellungen verwechseln darf. Beziehungen zwischen Männern schließen nicht automatisch Beziehungen zu Frauen, Heirat und Familie aus. Bei Frauen ist es nicht anders. Niemand würde auf die Idee kommen, sich als Homosexueller zu bezeichnen, geschweige denn zu outen. Was für einen Sinn sollte das machen? Sich außerdem nur auf ein Geschlecht zu reduzieren, ist kontraproduktiv, limitiert es doch die Genussmöglichkeiten um die Hälfte.

Unter Männern gilt der aktive Mann nicht als homosexuell, im Gegensatz zum passiven Mann, der als Empfangender mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einfach schwul sein muss. Solches Aktiv-Passiv-Denken findet man in Europa noch beispielsweise in Italien. Zu Neapel gehören die feminili, eine alte Transvestitenzunft, die in einem eigenen Viertel wohnen. Zu ihrer Klientel zählten früher hauptsächlich Heteromänner. Noch vor 20 Jahren war es für Verheiratete nichts Anstößiges, unter Freunden augenzwinkernd zu erwähnen, gestern sei man bei den feminili gewesen. Heute hält man sich dagegen mehr bedeckt.

Auch unter muslimischen Männern hat sich diese Tradition bis in die Gegenwart erhalten. Umso unverständlicher ist die Bestrafung für gleichgeschlechtlichen Sexualverkehr in manchen Ländern. In Saudi-Arabien, Mauretanien, im Sudan, Iran und Jemen droht sogar die Todesstrafe. Dasselbe galt auch für Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban und im Irak unter Saddam Hussein, der noch 2001 eine spezielle Anordnung dazu erließ. Besonders rigide unter diesen Ländern ist der Iran, der nicht davor zurückschreckt, auch Jugendliche hinzurichten. Seit der islamischen Revolution 1979 soll der Iran bis 4000 Menschen exekutiert haben, die homosexueller Handlungen beschuldigt waren.

In Saudi-Arabien wird die Todesstrafe selten angewandt, Behörden versuchen mit alternativen Bestrafungen, wie Geldbußen, Auspeitschung und Gefängnis über die Runden zu kommen. Was letztendlich nicht viel besser ist, aber immerhin nicht der Tod. In anderen muslimischen Nationen wie Bahrain, Katar, Algerien oder den Malediven sind ebenfalls Geld- und Gefängnisstrafen, sowie körperliche Züchtigungen vorgesehen. In Ländern wie der Türkei, Jordanien, Indonesien, Ägypten oder Mali ist gleichgeschlechtlicher Sexualverkehr nicht gesetzlich verboten. Wobei dies in Ägypten allerdings unter einen Verstoß gegen die öffentliche Moral kann.

In Marokko, Tunesien oder Syrien steht Homosexualität unter Strafe, wird jedoch nur in den seltensten Fällen verfolgt. Entweder geht es dann um organisierte männliche Prostitution oder um Päderastie, die in den letzten Jahren in Touristenzentren populärer wurde. Manchmal geraten westliche Besucher in Konflikt mit der Polizei, weil sie im Überschwang der Urlaubsgefühle vergessen, dass sie nicht zuhause sind. Sie halten sich nicht an den lokalen Code, der vor allen Dingen Diskretion meint und wie ein Vorhang funktioniert, hinter dem (fast) alles möglich ist.

Es ist eine Mentalitätsfrage: Die einen müssen ihre Gefühlswelt nach Außen tragen, hinaus in die ganze Welt, auf dass es jeder weiß. Für die anderen ist und bleibt es Privatsache. Man tut und genießt, was man will, ist glücklich und zufrieden. Welchen Sinn macht es dann, dem Nachbarn, der ganzen Straße, womöglich der ganzen Stadt zu erzählen, was man im Schlafzimmer treibt?

Im Koran wird nur indirekt darüber gesprochen. Zurückgeführt wird Homosexualität im Koran auf die Ereignisse von Sodom und Gomorra. Davor hat die gleichgeschlechtliche Liebe nicht existiert. Etwas, für das es im jüdischen und christlichen Glauben keine Entsprechung gibt.

Hier zwei, von insgesamt fünf Passagen, die in Bezug auf männliche und weibliche Homosexualität stets zitiert werden.

Und (Wir entsandten) Lot, da er zu seinem Volke sprach: „Wollt ihr eine Schandtat begehen, wie sie keiner in der Welt vor euch je begangen hat? Ihr naht Männern in Begierde anstatt Frauen. Ja, ihr seid ein ausschweifendes Volk. Da war die Antwort seines Volkes nichts anderes, als dass sie sprachen: „Treibt sie hinaus aus eurer Stadt, denn sie sind Leute, die sich reinsprechen möchten“. Sodann erretteten Wir ihn und die Seinen, ausgenommen sein Weib; sie gehörte zu denen, die zurückblieben. Und Wir ließen einen gewaltigen Regen über sie niedergehen. Nun sieh, wie das Ende der Sünder war!

7:80-84

Hier in Abwandlung eine zweite Stelle mit demselben Sujet.

Naht ihr, unter allen Geschöpfen, Männern, Und lasset eure Frauen, die euer Herr für euch geschaffen hat? Nein, ihr seid ein Volk, das die Schranken überschreitet“. Sie sprachen: „Wenn du nicht ablässest, o Lot, so wirst du gewiss der Verbannten einer sein“. Er sprach: „Ich verabscheue euer Treiben. Mein Herr, rette mich und die Meinen vor dem, was sie tun. So erretteten Wir ihn und die Seinen allesamt, Bis auf ein altes Weib unter denen, die zurückblieben. Dann vernichteten Wir die andern. Und Wir ließen einen Regen auf sie nieder regnen; und schlimm war der Regen den Gewarnten.

26:165

Ein exaktes Strafmaß wird im Koran nicht definiert, nur dass derartiges Verhalten bestraft werden soll. Würde man beispielsweise die Strafe für Ehebruch dafür übernehmen, wären es 100 Peitschenhiebe. Auch in diesem Fall sind es die Hadithe, die Aussprüche des Propheten, die als Grundlage einer harschen Bestrafung dienen. Sie wurden 200 Jahre nach dem Tod des Propheten gesammelt und sind nicht zuverlässig.

Hier ebenfalls zwei Beispiele, die eine deutliche Sprache sprechen. Einmal Homosexualität als Verhalten wider Gott:

Wenn ein Mann einen anderen Mann besteigt, wackelt der Thron Gottes.

Und ein Spruch, der bei vielen bereits bekannt sein dürfte:

Töte denjenigen, der es tut, und töte den anderen, der es geschehen lässt.

Die unterschiedliche juristische Umsetzung in muslimischen Ländern liegt zum einen an verschiedenen islamischen Rechtschulen, zum anderen an nationalen Entwicklungen. Wie wir gesehen haben, reicht die Palette von Todesstrafe bis Straffreiheit. Dran sieht man schon, wie dehnbar angeblich unumstößlichen, heiligen Grundprinzipien sind, wenn der Willen und die Bereitschaft dazu da sind.

Nehmen wir jetzt ein konservatives Extrembeispiel: Yusuf Al-Qaradawi ist ein ägyptischer Islamgelehrter, bekannt von seiner Sendung auf dem arabischsprachigen Sender Al Dschasira und der Webseite IslamOnline. Hier seine Stellungnahme zum Problem Homosexualität im Islam:

Die Juristen des Islam haben unterschiedliche Meinungen bezüglich der Bestrafung dieser scheußlichen Praxis. Sollte es die gleiche Bestrafung wie für Ehebruch sein, oder sollten beide, die aktiven, wie passiven Beteiligten sterben? Obwohl solche Bestrafungen grausam erscheinen, wurden sie in Erwägung gezogen, um die Reinheit der islamischen Gesellschaft zu gewährleisten und sie von diesen perversen Elementen sauber zu halten.

Yusuf Al-Qaradawi

Al-Qaradawi ist ein Fossil aus dem Elfenbeinturm islamischer Jurisprudenz, der offensichtlich seit langen Jahrzehnten jeglichen Kontakt mit der Außenwelt verloren hat. Würde man ihm in muslimischen Ländern die Gelegenheit zur puristischen Säuberung geben, müssten vermutlich Millionen von Menschen aus Afrika, dem Mittleren Osten und Asien fürchten, hingerichtet oder zumindest ausgepeitscht werden. Was für eine bigotte Absurdität.

Aber die Tage eines Yusuf Al-Qaradawi sind gezählt. Im Fernsehen, aber vor allen Dingen im Internet kann man bestens beobachten, wie sehr sich die Welt der Muslime in nur wenigen Jahren veränderte. In der Anonymität des Cyperspace wird über alles diskutiert, nachgedacht und der Realität angepasste Sichtweisen gefordert Mit den immer gleichen Parolen geben sich die Menschen, vor allen Dingen junge, nicht mehr zufrieden. Ihre Lebenswelt verlangt mehr. Das ist in Politik so, wie auch in der Religion oder beim Thema Sex. Wer sich nicht vorwärts bewegt, bleibt zurück.

Fatwas über Jungfräulichkeit und die zeitliche begrenzte Ehe sind moderne Zeichen der Zeit, die bei der jungen Generation willkommen sind. Ob derartige Maßnahmen allerdings den Niedergang des Islam als umfassendes Lebensprinzip retten können, steht zu bezweifeln. Mittelfristig vielleicht Ja, aber auf Dauer sicherlich nicht. Selbst, wenn er eine 380 Grad-Wende machen würde.

Sicherlich wird noch eine Weile vergehen, bis Homosexualität in allen muslimischen Ländern nicht mehr auf dem gesetzlichen Index steht. An dieser Stelle sollte man erwähnen, Homosexualität steht nicht nur in muslimischen Ländern unter Strafe. In Afrika sind das unter anderem Kenia, Angola, Uganda, Mozambique oder auch die Urlaubsparadiese Mauritius und die Seychellen, wo Geld- und Gefängnisstrafen warten. In Asien steht sie in Singapur, Indien oder auch Nepal unter Strafe. In Südamerika zwar alleine Guyana, aber in Nord- und Mittelamerika sind es wieder einen ganze Reihe von Ländern. Dazu zählen die Reggae-Insel Jamaika, andere Urlaubsorte wie Belize und Barbados, sowie Panama (in der Öffentlichkeit verboten) und Nicaragua. In Ozeanien sind es die Cook Inseln, die Solomon Inseln oder auch Papua Neuguinea. So erübrigt sich zu sagen, das Verbot von Homosexualität ist nichts Islam Spezifisches. Alle Religionen, alle Gesellschaften brauchen ihre Sündenböcke, ihre bösen, unmoralischen Buben.

Für die offizielle Rehabilitierung von Homosexuellen sammelt sich mittlerweile so etwas wie eine muslimische Schwulenbewegung, die den schwulen Dschihad führt. Bitte nicht zu verwechseln mit einer schwulen Guerilla. Es gibt schwule Imame, die bisher allerdings nur in westlichen Ländern praktizieren. Der Diskurs ist jedoch bereits eröffnet. Sie müssen sich logischerweise auf einen inner-islamischen, einen system-immanenten Dialog einlassen.

Die Sodom-und-Gomorra Passage im Koran bezieht sich ihrer Meinung nach tatsächlich nur auf historische Vorkommnisse, nicht auf Homosexualität an sich und überhaupt. Ein schwerwiegendes Missverständnis in ihren Augen, was durch ein fehlendes Strafmaß im Koran bekräftigt wird. Bei einem angeblich so schweren Vergehen, hätte doch Gott in seiner unermesslichen Allwissenheit nicht die dazu gehörige Strafe vergessen. Der Regen, der hernieder gesandt wird, sagt wenig aus und wäre zudem eine kollektive Bestrafung. Ihn mit Steinen gleichzusetzen, sei mehr als nur abwegig.

Aus dem sich oft widersprechenden Hadith-Universum zitiert man folgenden Ausspruch, der Prophet Mohammed nachgesagt wird:

Derjenige, der liebt und keusch bleibt und seine Geheimnisse für sich behält und stirbt, stirbt als Märtyrer.

Ein Zitat, das alles möglich macht und sehr gut zur Barmherzigkeit des Islams oder auch zur Gleichheit aller vor Gott passt. Alles erinnert an die schwule Priesterbewegung innerhalb der katholischen Kirche. Bisher auch nur ein Sisyphus-Kampf.

Schwule Muslime verstehen sich nicht als Widerspruch zum Islam, sondern zu popularistischen Vorurteilen. Und sie spüren, im wahrsten Sinn des Wortes, am eigenen Körper nur zu gut, wie sehr der homoerotische Teil der Geschichte islamischer Kultur noch lebendig ist. Ihre sexuellen Präferenzen gehören zum Lebensalltag. Die homoerotische Praxis ist unter Muslimen wesentlich weiter verbreitet als in westlichen Nationen. Ein Fakt, den konservative Kleriker gerne vergessen, wenn sie den Westen als homosexuelles Sündenbabel verteufeln.

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