Islamfeindlichkeit ist salonfähig geworden

Nach einer Bertelsmann-Umfrage ist die Abwehr von Muslimen unter Deutschen weitverbreitet, ein Viertel will keine mehr ins Land lassen

Die Umfrage wurde von Emnid im November 2014, also kurz nach Beginn der ersten Pegida-Umzüge, durchgeführt. Befragt wurden 937 nichtmuslimische Deutsche über 16 Jahre. 2012 wurden ähnliche Fragen im Rahmen des Religionsmonitors gestellt, was die Möglichkeit eröffnet, Veränderungen der Einstellungen zu erkennen.

Schon 2012 waren 53 Prozent der Befragten der Meinung, der Islam sei sehr oder eher bedrohlich, 2014 waren es bereits 57. Dass der Islam nicht in die westliche Welt passe, sagen bereits 61 Prozent, 2012 waren es noch 52 Prozent.

Hintergrund dürfte das Erstarken des Islamischen Staats in Syrien und im Irak sein und dessen äußerst brutales und inhumanes Vorgehen. Massaker, Köpfungen oder Exekutionen werden in Bildern und Videos zelebriert und machen deutlich, dass die salafistischen Islamisten jenseits jeder Moral stehen. Das Massaker in Paris dürfte die Islamfendlichkeit weiter stärken.

Allerdings gehört in Deutschland nicht einmal 1 Prozent der Muslime zu den radikalen Islamisten, kaum vorstellbar, dass viele Deutsche Islamisten schon einmal begegnet sind. Die überwiegende Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime, das geht aus einer Befragung des Religionsmonitors aus dem Jahr 2012 hervor, sind zwar religiöser als Angehörige anderer Religionen, aber sie sind unabhängig von der Intensität ihres Glaubens in der Regel offen für andere Religionen und stimmen den gesellschaftlichen Grundwerten zu. 90 Prozent sagen, die Demokratie sei eine gute Regierungsform, 93 Prozent meinen, man müsse allen Religionen gegenüber offen sein. Im Vergleich mit Muslimen, die in der Türkei leben, haben sich die deutschen Muslime der Gesellschaft eher angepasst und sind, beispielsweise gegenüber Homosexuellen, deutlich toleranter.

90 Prozent haben in der Freizeit Kontakte mit Menschen anderen Glaubens, 60 Prozent sogar mehr als mit Muslimen. Allerdings haben 8 Prozent nur muslimische Freizeitkontakte. Das ist jedoch deutlich weniger als bei den nichtmuslimischen Deutschen, von denen 63 Prozent keine Kontakte mit Muslimen haben. Ein Drittel etwa hat Kontakte mit Muslimen, in Ostdeutschland sind es nur 10 Prozent. Das sei auch eine Folge davon, dass eine Minderheit eher Gelegenheiten hat, mit Vertretern der Mehrheit in Kontakt zu treten: "Bei einem Anteil von 5 Prozent an der Gesamtbevölkerung - und nur 2 Prozent in Ostdeutschland - ist die Wahrscheinlichkeit, überhaupt auf Muslime zu treffen, schlichtweg gering."

Wer keinen Kontakt mit Muslimen hat, empfindet diese mit 66 Prozent deutlich häufiger als bedrohlich, als diejenigen mit Kontakten (43 Prozent). 71 Prozent sagen, dass der Islam nicht in die westliche Welt passt, bei den anderen sind es 42 Prozent, 29 Prozent ohne Kontakte wollen Muslime nicht mehr ins Land lassen, bei den anderen sind es 15 Prozent. Vorurteile können, so schreiben die Autoren, durch persönlichen Kontakt abgebaut werden, es bleibt aber der Fakt, dass auch mit Kontakten die Deutschen trotzdem eine relativ hohe Ablehnung zeigen. Nach den Autoren müssen die Kontakte "eine bestimmte Qualität aufweisen, um positiv auf das Bild des Islam bzw. der Muslime einwirken zu können". Es gibt allerdings auch die Möglichkeit, dass Kontakte negative Folgen haben können. Zudem werden Muslime im Bekanntenkreis nicht primär als solche wahrgenommen, was Vorurteile intakt ließe.

Islamfeindlichkeit ist keine gesellschaftliche Randerscheinung, sondern findet sich in der Mitte der Gesellschaft. Islamfeindlichkeit als salonfähiger Trend kann zur Legitimation diskriminieren-der und ausgrenzender Verhaltensweisen gegenüber einer Minderheit genutzt werden.

Bertelsmann-Bericht

Jüngere Menschen fühlen sich vom Islam mit 30 Prozent deutlich weniger bedroht, aber der Altersgruppe 25-39 Jahre sind es aber schon wie bei den Älteren 60 Prozent. Bildung jedenfalls scheint vor Islamophobie nicht zu schützen. Erst ein abgeschlossenes Hochschulstudium wirke sich "geringfügig positiv" aus. Es scheint aber den Zusammenhang zu geben, dass Menschen, die mit ihrem Leben unzufrieden sind, sich deutlich stärker vom Islam bedroht fühlen. Erstaunliche 40 Prozent aller Befragten meinen, sie würden sich durch die Anwesenheit von Muslimen wie Fremde im eigenen Land fühlen. Hier unterscheiden sich Ost- von Westdeutschen nicht. Das drückt eine starke Abneigung gegen Muslime aus. Allerdings wurde nicht die Frage gestellt, ob Menschen mit anderen Religionen oder aus anderen Ländern als ähnlich bedrohlich empfunden werden, also ob die Muslime nur stellvertretend für "die Ausländer" sind, die man hier nicht haben will. (Florian Rötzer)

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