Islamische Prinzipien haben vor Finanzkrise geschützt

Bisher spielte das Islamische Bankensystem auf den internationalen Finanzmärkten nur eine untergeordnete Rolle. Das könnte sich nun ändern

Im Iran lachte man sich ins Fäustchen vor Schadenfreude. „Seht nur, diejenigen, die uns wegen der Atomenergie in die Krise stürzen wollten, werden nun von Gott mit einer Rezession bestraft“, sagte Ayatollah Ahmed Khatami beim Freitagsgebet in Teheran. Andere geistliche Würdenträger gingen sogar soweit, das Ende der westlichen, liberalen Demokratie und des Kapitalismus auszurufen.

Angesichts fallender Ölpreise, ruderte man allerdings wieder zurück. „Man sollte nicht sagen, sie werden von einem Wunder Gottes bestraft“, meinte Ex-Präsident Hashemi Rafsanjani: „Die sinkenden Ölpreise fügen uns großen Schaden zu.“ Man sollte in Alarmbereitschaft sein, um die nächste negative Welle dieses Tsunamis aufzuhalten.

Der anfängliche Hohn einiger iranischer Würdenträger war nicht ohne Grund gekommen. Im Gegensatz zu den Börsen der benachbarten arabischen Golfstaaten überstand die Islamische Republik unbeschädigt die Auswirkungen der internationalen Finanzkrise. Offiziell wurde dafür eine unabhängige, nationale Ökonomie verantwortlich gemacht, die die Islamische Republik seit ihrer Gründung 1979 vorangetrieben hätte. Sicherlich nur die Hälfte der Wahrheit. Letztendlich waren es die von den USA und dem UN-Sicherheitsrat implementierten Sanktionen, die den Iran vom internationalen Finanzmarkt abkoppelten und ihn so ironischerweise vor Schaden bewahrten. Zumindest was die Börse betrifft. Das Bankensystem wäre auch ohne Sanktionen stabil geblieben.

Im Iran, wie auch im Sudan oder in Pakistan, sind Geldinstitute verpflichtet, nach islamischen Prinzipien zu arbeiten. Dieses auf der Scharia basierende System bewahrte auch alle anderen islamischen Banken im Mittleren Osten und auch in Europa vor großen Verlusten. Kreditgeschäfte, Hypotheken, Optionen, Futures, Derivate oder Zertifikate – all diese Bankgeschäfte, die die Krise in den USA auslösten und wie eine Flutwelle nach Europa überschwappen ließ, sind beim Islamic Banking verboten.

„Wir sind nicht von Bonds und Aktien abhängig“, versichert Adnan Ahmed Yousef, Vorsitzender der Union Arabischer Banken. „Wir sind auch nicht, wie die meisten normalen Banken Europas und der USA daran beteiligt, Schulden zu kaufen und verkaufen.“ Die Islamischen Banken seien so vor den Effekten der globalen Finanzkrise, die seiner Meinung noch mindestens zwei Jahre andauern wird, verschont geblieben.

Ein Scharia-Expertenbeirat überwacht und prüft in der Bank was verboten (haram) und was erlaubt (halal) ist. Der Beirat interpretiert dazu den Koran, die Aussprüche („Hadiths“) und die Lebensgeschichte („Sunnah“) des Propheten. Die fast 1400 Jahre alten Texte auf moderne Kompatibilität hin zu prüfen, ist für die islamischen Rechtsgelehrten nicht immer so einfach und die Interpretationen sind von Fall zu Fall verschieden. Mittlerweile existiert jedoch eine sehr unfangreiche Literatur zum Recht des islamischen Finanzsystems.

Zinsen (riba) dürfen nicht erhoben und auch keine kurzfristigen, risikoreichen Geschäfte (maysir, gharar) gemacht werden. Zudem keine Beteiligung am Glücksspiel, Alkohol, Schweinfleisch, Tabak und Prostitution. Idealerweise basiert „Islamic Banking“ auf dem religiös motivierten „Handeltreiben“, wobei es einen gerechten Austausch geben sollte, wie es in einem Ausspruch (hadith) des Propheten Mohammed heißt: „Gold für Gold, Silber für Silber, Weizen für Weizen, Gerste für Gerste, Datteln für Datteln, Salz für Salz, gleiches für Gleiches, Hand zu Hand, in gleichen Teilen; und jeder Zuwachs ist „Riba“ (Zins, Wucher).

Mit islamischen Banken hätte es die Hypothekenkrise in den USA, mit der alles anfing, in der Form nicht gegeben. Statt Geld zu verleihen, hätten die islamischen Banken das Haus ganz oder zu 80 Prozent gekauft. Der Kunde zahlt dann, wie bei einem normalen Kredit auch, jeden Monat seine Raten bis zur vollkommen Tilgung. Natürlich bekommt die Bank am Ende mehr, als sie gezahlt hat, was allerdings nicht als Zinsen verstanden wird, sondern als Ausgleich für die Wertsteigerung.

Ein anderer entscheidender Faktor der Krise sei der Bankhandel mit nicht vorhandenem Vermögen gewesen, erklärt Steven Amos von der Islamic Bank of Britain, die seit Beginn der Finanzkrise einen „signifikanten Zuwachs an nicht-muslimischen Kunden“ ausmachen konnte. „Die konventionellen Banken wussten oft nicht, was sie da kauften, ob es dafür ein echtes, reales Vermögen oder Einlagen dafür gibt. Wir als islamische Bank dagegen, müssen zuerst die Einlagen besitzen bevor wir damit Geschäfte machen können“. Außerdem konnte und dürfte seine Bank kein Geld an andere Institute verleihen. Kredite in Milliardenhöhe, die nicht gedeckt waren, hatten Kredit- und Investmentbanken, darunter auch die bekannten Lehmann Brothers in New York, zu Fall gebracht und eine Kettenreaktion ausgelöst.

In Großbritannien gibt es heute fünf Islamische Banken und weitere 20 bekannte Großbanken, die islamische Abteilungen eröffnet haben, was bei einer jährlichen Wachstumsrate von 15 Prozent verständlich ist „Das gesamte islamische Anlagevermögen von 300 Instituten weltweit übersteigt heute mehr als 1 Billion Dollar“, meint Mohammed Kamal von der Bank of Malaysia. „Fünf Mal soviel, wie noch vor fünf Jahren, Tendenz steigend.“ Schließlich gäbe es 1.5 Milliarden Muslime in der ganzen Welt, wenn man davon nur zwei oder drei Prozent als Kunden betrachte, habe man ein großes Zielpublikum“.

Das islamische Bankwesen ist eine im Vergleich zur westlichen 400 Jahre alten Bankgeschichte relativ jung (Zinsen verboten: Das islamische Bankensystem). 1963 und 1971 gab es in Ägypten Banken, die ohne Zinsen arbeiteten, sich aber nicht ausdrücklich als islamische Banken bezeichneten. 1974 wurde dann die Islamic Development Bank von arabischen Regierungen (heute 55 Mitgliedsländer) gegründet. Nach Scharia-Prinzipien wurden und werden Projekte in ökonomisch rückständigen Mitgliedsländern gefördert. Ende der 70er Jahre gab es dann in Dubai („Dubai Islamic Bank“), Kuwait (Kuwait Finance House) und im Sudan (Faisal Islamic Bank) erste ausgesprochen „islamische Banken“.

In den 80er Jahren erfolgte mit der Gründung der Bank Islam Malaysia die Ausweitung des Konzepts nach Asien. Seit Beginn der 90er sind islamische Banken rund um die Erde zu finden. Hintergrund der Entwicklung ist zum einen der sich seit den 70er Jahren entwickelte Wohlstand im Mittleren Osten und die seit einigen Jahren wachsende religiöse Rückbesinnung auf den Islam in allen arabischen Ländern. Seit 1999 gibt es zwei Islamische Market Indices (DJIM und FTSE), vergleichbar mit dem amerikanischen Dow Jones oder dem deutschen DAX. In diese Indices werden nur Firmen aufgenommen, deren Scharia-Kompatibilität geprüft wurde. Wer etwas mit Alkohol, Tabak oder Schweinfleisch zu tun hat oder seinen Gewinn durch „Zinsen“ erzielt, wird nicht aufgenommen bzw. gegebenenfalls ausgeschlossen. Außerdem muss jede Firma ein niedriges Schuldenniveau (absolutes Maximum 33 %) haben.

Dieses „Vorwarnsystem“ ist ein wichtiger Bestandteil der Strategie der Risikovermeidung. Vergleichbares hätte man sich für Banken in den USA und Europa gewünscht.

Der Boom von islamischen Banken ist in den Ländern am Golf direkt mit dem Bauboom verknüpft. Investitionen in Immobilien erzielten in den letzten Jahren stets hohe Gewinne und stellen eine liquide Absicherung der islamischen Fonds dar. „Das islamische Bankwesen, das in den letzten 18 Monaten kaum von der Krise berührt wurde“, sagt Danie Marx von der Europäischen Islamischen Investment Bank , „könnte in einer zweiten Welle getroffen werden.“ Bei den zurzeit sinkenden Ölpreisen könnte ein Liquiditätsproblem entstehen oder auch einfach die Werte der Immobilien senken. Denn der Boom im Bausektor könne nicht unaufhaltsam weiter gehen.

Erste Anzeichen für einen Rückgang gibt es tatsächlich schon. Laut der internationalen Consulting Agentur Collier International stiegen die Immobilienpreise in Dubai im zweiten Quartal nur um 16 Prozent. Im ersten Quartal waren es noch 42 Prozent. Von einer Rezession im islamischen Banksektor will der Finanzminister Bahrains, Scheich Ahmed al Khalifa nichts wissen. Anstatt im Ausland zu investieren, habe man zu Recht in die arabische Golf Region investiert und das überaus erfolgreich. „Daran wird sich auch in den nächsten Jahren nichts ändern.“

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