Islamistischer Bilderstürmer vor Gericht

Ahmad Al Faqi Al Mahdi bei der Ero öffnung des Verfahrens. Bild: ICC-CPI

Erstmals urteilt der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag über die Zerstörung von Kulturgütern

Das Geständnis ließ nicht lange auf sich warten. Bereits in seinem Eingangsstatement bekannte sich Ahmad Al Faqi Al Mahdi schuldig: Ja, er hatte 2012 die Zerstörung von neun historischen Mausoleen im malischen Timbuktu angeführt. Deswegen steht er jetzt wegen Kriegsverbrechen in Den Haag vor dem Internationalen Strafgerichtshof. Die Lippen geschlossen, im dunklen Anzug mit Krawatte und nach hinten gekämmten Haar verfolgte Ahmad Al Faqi Al Mahdi den Prozessbeginn.

Mit "tiefem Bedauern und großem Schmerz" müsse er feststellen, dass "alle Anklagen, die mir vorgeworfen werden, richtig und korrekt sind", zeigte sich Ahmad Al Faqi Al Mahdi schuldbewusst. "Es tut mir sehr leid und ich bedaure all den Schaden, den ich verursacht habe."

Ein schnelles Schuldgeständnis, aber nicht weiter verwunderlich: Damals, als der Angeklagte als Chef der Moralpolizei der Islamistengruppe Ansar Dine in Timbuktu auf dem Höhepunkt seiner Macht war, damals hatte er freimütig Interviews gegeben und sich filmen lassen: Wie er und seine fanatischen Glaubensbrüder die historischen Lehmbauten mit der Spitzhacke einrissen, einmalige Zeugnisse aus dem 15. und 16. Jahrhundert, als Timbuktu ein kulturelles Zentrum der islamischen Welt war.

Funktionär des Gottesstaates

Dieses Filmmaterial liegt dem Gericht vor und wurde in Den Haag bereits vorgeführt. Insofern gab es für Ahmad Al Faqi Al Mahdi auch nicht viel zu bestreiten. 2012 hatte seine Gruppe, die islamistische Organisation Ansar Dine, die "Unterstützer des Glaubens", Timbuktu eingenommen. Verbündet mit "Al Qaida im islamischen Magreb" (AQIM), wollten die Dschihadisten im Norden Malis einen islamistischen Gottesstaat errichten.

Sie führten strenge Sittengesetze ein, ihr Glaubenseifer richtete sich gegen alles, was ihnen als unislamisch galt. So auch die historischen Mausoleen, die seit 1988 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören. Im Januar 2013 wurden die Islamisten dann von französischen und malischen Truppen im Rahmen der Operation Sérval wieder aus Timbuktu vertrieben.

Kämpfer von Ansar Dine in Timbuktu. Bild: Magharebia/CC BY 2.0

Zerstörte islamische Kultur

Die Bilanz ihrer Terrorherrschaft war verheerend: Die Bibliothek des Ahmed-Baba-Instituts in Timbuktu wurde in Brand gesteckt, 4000 der dortigen 40.000 Dokumente gingen verloren. Immerhin konnten einige Jahrhunderte alte Handschriften vor den islamistischen Bilderstürmern in Sicherheit gebracht werden. Andere unersetzliche Kulturgüter fielen der Herrschaft der Dschihadisten zum Opfer. Laut UNESCO wurden 14 der 16 Mausoleen attackiert oder zerstört.

Die Anklage in Den Haag wirft Ahmad Al Faqi Al Mahdi nun vor, für Angriffe auf 9 Mausoleen und die Tür einer Moschee zwischen dem 30. Juni und dem 11. Juli 2012 verantwortlich zu sein. "Die Mausoleen von Timbuktu spielten und spielen eine wichtige religiöse Rolle im Leben der Einwohner der Stadt", sagte die Den Haager Chefanklägerin Fatou Bensouda zum Prozessauftakt. "Es ist eine schwere Attacke auf die Identität einer Bevölkerung, ihrer Erinnerung und ihre Zukunft."

Angeklagter übt sich in Reue

Der Angeklagte sei direkt involviert gewesen als Mitglied von Ansar Dine, so Fatou Bensouda weiter. Er habe die Reihefolge der Zerstörung von Nord nach Süd festgelegt und die Befehle gegeben. "Historische Monumente und religiöse Gebäude anzugreifen, ist ein Kriegsverbrechen", sagte sie. "Das sind schwere Verbrechen, die verurteilt werden müssen." Zerstört worden sei nicht nur das kulturelle Erbe Timbuktus, sondern "in weiterem Sinne kulturelles Erbe von Mali, ganz Afrika und der ganzen Welt", so die Chefanklägerin.

Ahmad Al Faqi Al Mahdi widersprach dem nicht. Anders als mancher andere Angeklagte in Den Haag akzeptierte er das Gericht, an das ihn die Behörden des Niger am 26. September 2015 ausgeliefert hatten. Er rufe alle Muslime in der Welt auf, nicht solche Verbrechen zu begehen, sagte er: "Das war das erste und das letzte Vergehen, das ich je begangen habe. Ich bitte Sie um Verzeihung und hoffe, Sie sehen mich als Sohn, der vom Weg abgekommen ist."

Weitere Verbrechen?

Doch ob die Zerstörung von Kulturgütern wirklich sein einziges Vergehen war, daran müssen Zweifel bleiben. Denn immerhin war Ahmad Al Faqi Al Mahdi der Chef der Moralpolizei, war also dafür zuständig, die Bevölkerung mit rigiden religiösen Sittengesetzen zu terrorisieren. Laut der Anklage in Den Haag war er nicht nur Chef der "Hisbah", wie die Moralpolizei hieß, sondern arbeitete eng mit den Anführern der zwei bewaffneten Ansar-Dine-Gruppen zusammen. Außerdem war er beim Aufbau islamistischer Staatstrukturen beteiligt und auch bei der Durchsetzung von Urteilen des Islamischen Gerichts von Timbuktu.

Was er in diesen Funktionen sonst noch getan hat, darüber verlor Al Mahdi vor dem Haager Gericht kein Wort. Genau daran setzt auch die Kritik von Menschenrechtsorganisationen an dem Verfahren an: Der Angeklagte müsse auch wegen anderer Verbrechen angeklagt werden. Der Internationale Gerichtshof hat deswegen klargestellt, dass weitere Verfahren möglich sind, wenn entsprechende Beweise vorliegen (FAZ, 23.08.2016, S. 5).

Erstes Gerichtsverfahren dieser Art

Doch auch wenn sich der Prozess nur mit Kulturgütern beschäftigt - er ist trotzdem historisch. Zwar ist die Zerstörung von Kulturgütern nach Artikel 8 des Römisches Statut des Internationalen Strafgerichtshofs, Absatz 2b, Nummer ix ein Kriegsverbrechen. Darunter fallen "vorsätzliche Angriffe auf Gebäude, die dem Gottesdienst, der Erziehung, der Kunst, der Wissenschaft oder der Wohltätigkeit gewidmet sind, auf geschichtliche Denkmäler, Krankenhäuser und Sammelplätze für Kranke und Verwundete, sofern es nicht militärische Ziele sind". Aber dieser Prozess ist der erste seiner Art und von daher richtungsweisend.

Die UNESCO begrüßte den Prozess. "Dieser erste Prozess vor einem internationalen Gericht wegen der Zerstörung historischer Monumente und Gebäude sendet ein starkes Signal aus, dass die Internationale Gemeinschaft verpflichtet ist sicherzustellen, dass diese Art von Verbrechen konsequent verfolgt wird, nicht nur in Mali, sondern überall auf der Welt", so die UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokova. Denn die Zerstörung historischer Überreste durch Dschihadisten hat rasant zugenommen, seit die Taliban in Afghanistan 2001 die Buddha-Statuen bei Bamiyan sprengten. Zuletzt hat der Islamische Staat im Irak und Syrien gewütet. Nachdem er auch die syrische Antikenmetropole Palmyra eingenommen und teilweise zerstört hatte, diskutiert die Fachwelt, wie archäologische Zeugnisse besser geschützt werden können.