Israel: Landwirtschaft im Trockenklima

Zionistische Siedlung als Kollektiverfahrung: Nahalal, 15 Kilometer westlich von Nazareth in der fruchtbaren Jesreelebene gelegen, ist Israels ältester Moschaw. Bild: ZeevStein, CC BY-SA 4.0

Trotz der verbreiteten Wasserknappheit im Nahen Osten setzt Israel auf eine Landwirtschaft, die insbesondere wasserintensive Kulturen hervorbringt - Teil 2

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen könnten 2050 weltweit 5 Milliarden Menschen von Wasserengpässen betroffen sein, Konflikte bei der Verteilung sind vorprogrammiert, die massive Wassernutzung in der Landwirtschaft begrenzt das Angebot für andere Bedürfnisse. Trotz dieser Aussichten gibt es Gegenden in der Welt, wo auch im Trockenklima wasserintensive Kulturen angebaut werden.

Ein besonderes Beispiel für diesen Fall ist Israel. Hier lassen sich Klimazonen vom Mittelmeerklima bis hin zu extremem Wüstenklima antreffen - Landwirtschaft gibt es in allen Bereichen. Das Land befindet sich in einem existentiellen Verteilungskampf um das knappe Gut Wasser, der die Region nicht zur Ruhe kommen lässt (Nahostkonflikt: Kampf um Wasser) und der nicht losgelöst von der hier praktizierten Landwirtschaft betrachtet werden kann.

Stellvertretend für andere wichtige Agrarprodukte darf hier die Mango stehen. In den 1970er Jahren fand der Exot seinen Weg in die israelische Landwirtschaft - er wird mittlerweile unter anderem am See Genezareth, im Jordantal oder in der Aravasenke angebaut. Heute erzielt die eigentlich aus dem tropischen Regenwald stammende Steinfrucht hier die weltweit höchsten Hektarerträge.

Im nördlichsten kommerziellen Mango-Anbaugebiet der Welt ernten die Landwirte auf vergleichbaren Flächen bis zu viermal mehr als die Mangobauern in den anderen Anbauzentren der Welt. 40% der in Israel angebauten Sorten wurden auch hier gezüchtet. Mittels Fertigation werden die Mangobäume im Substratanbau während der Bewässerung gleichzeitig gedüngt. Tröpfchenbewässerungssysteme stellen vor allem sicher, dass die Bäume die für ein optimales Wachstum notwendigen Eisenmengen aufnehmen.

Die Hälfte der Ernte von 40.000 Tonnen geht in den Export, vor allem nach Europa - in Israel ist man stolz darauf, die Frucht im Premium-Segment des Marktes etabliert zu haben. Die Produktionszahlen klingen im Vergleich zur jährlichen Weltproduktion von 40 Millionen Tonnen und den Resultaten der globalen Top-Produzenten bescheiden. Doch deren Erzeugnisse sind oftmals zu bedeutenden Teilen für den Binnenkonsum bestimmt, während die Israelis ihre Exportlogistik optimieren, um sofort essbare Früchte an den Kunden im Ausland zu bringen.

In Israel setzt man auf moderne Bewässerungstechnologien. Und obwohl diese mit einem Bruchteil des Wasserbedarfs herkömmlicher Bewässerungsanlagen auskommen, wird der Natur der angebauten Früchte entsprechend immer noch viel Wasser benötigt. Israels Wasserverbrauch schlug 2013 mit 2187 Millionen Kubikmetern zu Buche. Er liegt damit um 45% über dem natürlichen Wasserangebot vor Ort. Die Landwirtschaft ist mit 58% der größte Wasserverbraucher, gefolgt von den Haushalten des Landes (35%) und der Industrie (7%). Daneben liefert Israel im Rahmen bilateraler Verträge Wasser nach Jordanien, ins Westjordanland und in den Gazastreifen. Außerdem wird Wasser zur Renaturierung natürlicher Vorkommen eingespeist.

Israels Agrarsektor hat sich in ein durchindustrialisiertes Exportunternehmen verwandelt, das auf Ausfuhren nach Europa spezialisiert ist. Die bestehen vor allem aus oftmals wasserintensiven Produkten: Früchten (Orangen, Mango, Avocado, Weintrauben), Gemüse (Paprika, Tomaten, Kartoffeln, Melonen, Süßkartoffeln), Schnittblumen und Kräutern. Außerdem gibt es Platz für Nischen: Die Bewässerung mit Salzwasser hat beispielsweise gerade im Süden des Landes Queller (Salicornia) zum Exportschlager gemacht. Insgesamt 16% der landwirtschaftlichen Produktion ging 2015 in den direkten Export. 38% verblieben für den Binnenkonsum im Land - der Rest wurde industriell weiterverarbeitet.

2014 waren insgesamt 52.000 Menschen in der landwirtschaftlichen Produktion beschäftigt, das entspricht 1.2% der verfügbaren Arbeitskräfte. 29.000 von ihnen sind Ausländer, meist Wanderarbeiter aus Thailand - oder Palästinenser aus der West Bank. Israelis selber stellen die restlichen 23.000 Beschäftigten. Die kooperativen Strukturen von Kibbuz und Moschaw bestimmen das Bild, aus ihnen kommen 80% des landwirtschaftlichen Ertrags.

Weitere 4,6% der Erwerbsbevölkerung haben in den an den Sektor angeschlossenen Industrien Arbeit gefunden. Das Agrarwesen erwirtschaftet 2.3% des Bruttoinlandsprodukts und 4% des Exportvolumens des Landes, mit seit Jahren rückläufiger Tendenz, andere Industriezweige gewinnen zunehmend an Bedeutung.

Die Landwirtschaft hat für die israelische Gesellschaft neben der wirtschaftlichen vor allem eine ideologische Bedeutung: Seit langem hegt man hier das Ideal einer autarken Agrarindustrie, auch wenn der Nachdruck in den vergangenen Jahren zu Gunsten von ergänzenden Importen nachgelassen hat. Und es gehört nach israelischem Selbstverständnis zum Mythos von Pionieren der Grenze, dass Arbeitsplätze an der Peripherie geschaffen werden, weit von den urbanen Zentren entfernt.

EU-Importe israelischer Agrarerzeugnisse 2016, Gesamtvolumen: rund 1 Milliarde Euro, und damit gut die Hälfte der israelischen Gesamtausfuhren in dieser Sparte. Bild: Bernd Schröder, nach Daten der Europäischen Kommission.

Acht Kilometer westlich von Be'er Sheva liegt der Kibbuz Chazerim. Hier, mitten in der Wüste Negev, befindet sich die Heimstätte eines der weltweit größten Herstellers künstlicher Bewässerungssysteme: Netafim. Chazerim war einer der ersten Kibbuzim, dessen Bewohner nach anderen Einkunftsquellen neben der traditionellen Landwirtschaft suchten. 1965 gründeten sie Netafim. Seitdem wird hier ein Sortiment von Sprinklern bis hin zu Mikro-Emittern, aber auch Erntemanagement-Technologien, wie Kontroll- und Überwachungssysteme, Dosiereinrichtungen und die dazugehörige Software konzipiert, hergestellt und vertrieben. Jahresumsatz 2015: 822 Millionen US-Dollar.

Das ausgerechnet hier technologische Lösungen rund um Bewässerungsprobleme erdacht werden, ist kein Zufall. Netafim ist untrennbar mit dem Namen des Wasseringenieurs Simcha Blass verbunden. 1946 hatte er die erste Wasserpipeline in die Negev-Wüste geplant. Die Röhren dazu stammten aus London - sie dienten im Zweiten Weltkrieg zum Feuerlöschen nach deutschen Bombenangriffen. Diese Pipeline hatte erst die Errichtung von 11 neuen jüdischen Siedlungen in der Negev ermöglicht, eine Aktion, die in der Jom-Kippur-Nacht von 1946 durchgezogen wurde - und die die Vereinten Nationen schließlich dazu brachte, den überwiegenden Teil der Negev in den neu zu gründenden jüdischen Staat zu integrieren. Die neue Wasserader wurde prompt zum Angriffsziel der ägyptischen Armee im ersten arabisch-israelischen Krieg von 1948/9.

Später revolutionierte Blass gemeinsam mit seinem Sohn Yeshayahu die Tröpfchenbewässerung. Das erste auf Blass' neuen Plastikemittern beruhende Bewässerungssystem wurde 1959 vorgestellt. Später tat er sich mit dem Kibbuz Chazerim zusammen, Netafim patentierte in der Folge den ersten praktischen Emitter für die Tröpfchenbewässerung.

Chazerim (hier 1958) war einer der Kibbuzim, die im Rahmen der Operation "11 Punkte in der Negev" gegründet wurde. Die Israelis wollten die Weltöffentlichkeit mit dieser Aktion vor vollendete Tatsachen stellen und die Negev als Teil des zu gründenden Staates Israel verstanden wissen. Bei der Aktion mit im Boot: der Wasserversorger Mekorot. Bild: Ba'Asor Le'Israel. Masada Publishing, Jerusalem, 1958, gemeinfrei

Netafim ist nur eins der mehr als 160 Technologieunternehmen des israelischen Wassersektors, bei deren Arbeit sich alles um Wassereffizienz, rechnergestützte Bewässerungssysteme, Abwassernutzung sowie Meerwasserentsalzung dreht. Der internationale Wassermarkt verspricht gute Geschäfte: 450 Milliarden US-Dollar bei jährlichen Wachstumsraten um 7-8%. Israel ist aufgrund seines Know-how gut positioniert: Allein die weltweit zur Tröpfchenbewässerung eingesetzte Technologie stammt mittlerweile zu mehr als 50% aus Israel.

Eins der wichtigsten Unternehmen der Meerwasserentsalzungsbranche ist IDE Technologies. Neben den Meerwasserentsalzungsanlagen an der israelischen Mittelmeerküste hat der Marktführer bei großen Anlagen bereits rund 400 Anlagen in 40 Ländern gebaut, unter anderem Chinas größte Anlage in Tianjin. Desalitech wiederum will die Umkehrosmose-Entsalzung mit ihrer patentierten hydrostatischen, geschlossenen Kreislauftechnologie (CCD) voranbringen.

Unweit von Tel Aviv, in Beit Dagan, befindet sich der Sitz der Agricultural Research Organization (ARO), auch als Volcani Agriculture Institute bekannt. Es hat seine Wurzeln in einer von der Jewish Agency 1921 in Rehovot gegründeten Experimentalstation, die von Yitzhak Elazari Volcani geleitet wurde, dem Namensgeber des heutigen Instituts und Begründer der modernen israelischen Landwirtschaft. Er war Verfechter eines zionistischen Modells, das große Farmen und die Mechanisierung der Landwirtschaft ablehnte und intensiv genutzte Kleinfarmen favorisierte, die ein Abwandern jüdischer Arbeitskräfte in die Städte und damit eine arabische Dominanz des ländlichen Raums verhindern sollte.

Heute ist das Institut ein Forschungszentrum, das für das Ministerium für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung die wissenschaftliche Forschung vorantreibt. Und auch hier fühlt man sich der Stärkung der ländlichen Gemeinden an der Peripherie verbunden. Eine sich daraus ableitende Aufgabe ist die Entwicklung und Anpassung von Feldfrüchten für die neu besiedelten Gebiete.

Ein bedeutender Teil der Arbeit am Institut ist die Pflanzenzucht. Es gibt zahlreiche Kontakte zu den damit befassten Unternehmen, die in Israel eine langjährige Tradition haben.

Als einer der ersten großen Zuchterfolge galt die 1936 eingeführte Beit Alpha-Gurke. Oder die in den 1950er Jahren kommerziell etablierten Ha'Ogen-und Ananas Yoqne'am-Melonen, denen in den 1970er Jahren die Galia-Melone folgte. Weitere Produkte sorgen regelmäßig für Schlagzeilen, zum Beispiel die vom Saatgutunternehmen Zeraim Gedera Syngenta kreierte Cannon, eine Paprikasorte, die im Klima der Aravasenke gedeihen kann. Oder Black Galaxy, eine von Seeds Technology entwickelte schwarze Tomate, bei der aus Heidelbeeren extrahierte Anthocyanine für die Schwarzfärbung der Außenhaut sorgen.

Am Institut werden auch Werkzeuge auf molekularer und auf Genombasis entwickelt, die die Zuchtprogramme verbessern sollen. In Israel ist des Weiteren die Entwicklung genetisch modifizierter Organismen (GMO) zu Forschungszwecken gestattet, jedoch nicht deren Kommerzialisierung in der heimischen Landwirtschaft. Auf der anderen Seite dürfen GMO in Israel eingeführt und in der Nahrungsmittel- und Arzneimittelproduktion verwendet werden. Israels religiöse Kaschrut-Behörde hat unterdessen festgestellt, dass GMO nicht das Kosher-Zertifikat von Nahrungsmitteln beeinträchtigen, da sie lediglich in Kleinstmengen zugesetzt würden.

Das Volcani Agriculture Institute bezieht unter anderem aus den USA und der Europäischen Union Fördergelder. Kern fast aller heute am Institut ansässiger Forschungsschwerpunkte ist die allgegenwärtige Wasserknappheit: Landwirtschaft im ariden Klima auf kargen Böden, Bewässerung mit recyceltem Wasser und Brackwasser, Süßwasser-Aquakultur, Tier- und Pflanzenzucht mit dem Ziel, besser an widrige Umweltbedingungen angepasste Organismen zu schaffen. Das Institut ist weltweit bekannt für seine Arbeiten zur Nahrungsmittelsicherheit unter ariden, semiariden und Wüstenbedingungen.

Tröpfchenbewässerung. Bild: Borisshin, CC BY-SA 4.0

2015 wurde eigens dafür das Gilat Center for Arid and Semi-Arid Agricultural Research eröffnet. Hier, unmittelbar in der Negev-Wüste, werden Lösungen zur Bewältigung sich global bemerkbar machender Krisen gesucht: Klimawandel, Wasserverfügbarkeit- und Qualität, Desertifikation, Bodenverschlechterung. In einer Pflanzen-Genbank werden außerdem heimische Pflanzen gesammelt und bewahrt.

Aus den landwirtschaftlichen Fakultäten der Universitäten des Landes kommen ebenfalls Beiträge für Verbesserungen auf dem Agrarsektor. Weitere regionale Forschungszentren arbeiten eng mit dem Volcani Agriculture Institute zusammen. Sie sollen die Landwirtschaften vor Ort durch die Optimierung geeigneter Feldfrüchte und die Etablierung neuer Technologien in die Gewinnzone bringen. Ein Verdienst der Forschung: heute stammt mehr als die Hälfte des in der Landwirtschaft genutzten Wassers aus Recyclinganlagen.

Ein weiteres Ziel ist die Entwicklung einer Präzisionslandwirtschaft, die sich moderner Technologien bedient. Um etwa den Bewässerungszustand der Anbauflächen zu kartieren, kommt die Thermografie zum Einsatz. Wärmebildkameras erfassen den jeweils vorliegenden aktuellen Wassergehalt der Pflanzen, der sich dem bloßen Auge entzieht. Der Einsatz von Netzgeweben verschiedener Farben zum Überspannen von Anbauflächen gestattet des Weiteren eine verbesserte Wachstumskontrolle.

Die Israelis haben technologische Spitzenlösungen als Zukunftsträger ihrer Landwirtschaft identifiziert und agieren dementsprechend. Seit Mitte der 2000er Jahre fließen 17% der staatlichen Haushaltsmittel für die Landwirtschaft in die Forschung. So soll letztendlich auch die ganzjährige Binnenversorgung mit frischen Produkten sichergestellt werden, zu vernünftigen Preisen. Denn die Entwicklung der Lebenshaltungskosten in den vergangenen Jahren wird in der israelischen Gesellschaft zunehmend als Trend mit dem Zeug zum sozialen Sprengstoff wahrgenommen. (Bernd Schröder)

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