Israel bereitet sich auf weitere Konflikte vor

Bild: U.S. Embassy Tel Aviv/CC BY-SA-2.0

Wer ist der Chef im Nahen Osten? Nach Haaretz wollte Israel weitere Angriffe starten, unterließ dies aber nach einem Telefongespräch von Netanjahu und Putin

Nach Israels Regierungschef Netanjahu hat die israelische Luftwaffe mit den Angriffen auf iranische und syrische Ziele in Syrien Teheran und Damaskus einen "schweren Schlag" versetzt. Dabei wurde allerdings auch ein israelisches Kampfflugzeug von den insgesamt acht eingesetzten von der syrischen Luftabwehr abgeschossen, die mit S-200 (SA-5), Buk-Systeme (SA-17), 2K12 "Kub" (SA-6) und S-125 Neva/Pechora (SA-3) gefeuert haben soll, andere sprechen von SA-5 und S-25 Berkut (SA-1). Dabei sollen mehr als 20 Raketen abgeschossen worden sein. Eine israelische F-16 soll durch ein Manöver einer Rakete entkommen sein. Das abgestürzte Flugzeug war angeblich nicht direkt getroffen worden, in Israel wird untersucht, ob die Piloten hätten anders handeln und damit die Maschine retten können.

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Bislang konnten israelische Flugzeuge ungefährdet in den syrischen Luftraum eindringen und nach Belieben Ziele bombardieren. Was Netanjahu als "schweren Schlag" sehen will, der die Hälfte der syrischen Luftabwehr zerstört haben soll, ist für Syrien, die Hisbollah und den Iran eine Kehrtwende. Die israelische Lufthoheit sei gebrochen worden, überdies hätten die Angriffe keine großen Schäden verursacht. Angeblich habe die syrische Luftabwehr die Angriffe abwehren können. Aus Iran kommt gar die Behauptung, Israel habe gar keine iranischen Ziele in Syrien angegriffen.

Nun sind iranische und syrische Medien nicht unbedingt vertrauenswürdig. Auffällig aber ist, dass das israelische Militär zwar ein Video veröffentlichte, dass den Abschuss der angeblich iranischen Drohne und die Bombardierung des mobilen Drohnenkommandos in Syrien zeigt. Videos von den angegriffenen 12 Zielen in Syrien fehlen aber. Das israelische Militär behauptet, einen Großteil der syrischen Luftabwehr zerstört zu haben, die aus russischen Systemen besteht. Israel wird von den USA unterstützt. Das ist wenig verwunderlich, weil die USA, die eine permanente militärische Präsenz in Syrien angekündigt haben, auch den Iran nach dem IS als den wichtigsten Gegner im Land ausgemacht haben. Sowohl Israel als auch die USA fürchten, dass der Iran militärische Stützpunkte in Syrien aufbaut und dass es eine direkte Landverbindung zwischen dem Iran über den Irak nach Syrien und dem Libanon gibt.

Israel hat auf das behauptete Eindringen der Drohne unverhältnismäßig reagiert. Man sieht sich gedeckt durch Washington, um den Konflikt mit dem Iran zu eskalieren. US-Verteidigungsminister Mattis betonte am Sonntag, Israel habe das "absolute Recht" der Selbstverteidigung. Hinter den Problemen im Nahen Osten stecke immer der Iran.

Nach Haaretz hatte Israel eigentlich vorgehabt, es nicht bei den Angriffen der acht Kampfflugzeuge auf syrische und iranische Ziele zu belassen, sondern mit weiteren Angriffen den Konflikt zu eskalieren. Nach einem Gespräch von Netanjahu mit Putin sei aber dann alles abgeblasen worden.

Dass Russland ungehalten war, hatte man der Erklärung des russischen Außenministeriums entnehmen können. Sie ging nicht auf die Drohne ein, sondern forderte die strikte Achtung der territorialen Integrität Syriens und erklärte, eine Gefährdung russischer Soldaten sei nicht akzeptabel. Die Bombardierung der Kommandozentrale für den Drohnenflug bei Palmyra gab wohl dafür den Ausschlag, denn hier sind auch russische Soldaten stationiert.

Die Ruhe nach dem Netanjahu-Putin-Telefonanruf zeigt wieder einmal, wer der wirkliche Chef im Nahen Osten ist. Während die USA der präsente Abwesende bleiben und die Suche nach einer kohärenten amerikanischen Außenpolitik weiter geht, diktiert Russland, wie die Dinge geschehen sollen.

Haaretz

Allerdings ist nach dem Abschuss des israelischen Kampflugzeugs klar geworden, dass Israel nicht nur Raketen aus dem Libanon oder vielleicht auch aus Syrien fürchten muss, sondern auch nicht mehr die Lufthoheit besitzt. Zumal Russland mit Truppen in Syrien präsent ist und dort sein Luftabwehrraketensystem S-400 stationiert hat.

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Wie die Jerusalem Post berichtet, fürchtet Israel einen militärischen Konflikt und baut seine Flugabwehr im Norden des Landes aus. Israel besitzt gegen Kurzstreckenraketen den erfolgreich erprobten "Iron Dome". Mit Arrow sollen Kurz- und Mittelstreckenaketen abgewehrt werden - letztes Jahr wurde unter realen Bedingungen eine syrische S-200-Abwehrrakete getroffen - und mit dem im letzten Jahr als einsatzbereit erklärten David's Sling, abgeleitet von David und Goliath, von Rafael Advanced Defense Systems und Raytheon, können mit einer Reichweite von 300 km Flugzeuge, taktische und Mittel- sowie Langstreckenraketen abgewehrt werden.

Zudem verfügt Israel über amerikanische Patriot-Raketenabwehrsysteme. Damit wurde im April 2017 eine Drohne aus Syrien abgeschossen (Israelisches Militär schoss gestern Abend eine syrische Drohne über den Golan-Höhen ab, im Monat davor eine Mini-Drohne. Eine Patriot-Rakete kostet 3 Millionen US-Dollar, eine Mini-Drohne vielleicht 200 (Mit Patriot-Kanonen auf Drohnen-Spatzen schießen). Im September war wieder eine Drohne mit einer Patriot-Rakete auf den Golan-Höhen abgeschossen worden.

Auf Anweisung des israelischen Verteidigungsministers Avigdor Lieberman wird bei der Armee eine Einheit mit Boden-Boden-Präzisionsraketen des Typs EXTRA aufgebaut. Sie haben eine Reichweite von 150 km und sollen jedes Ziel innerhalb von 5 Minuten zerstören können. Später sollen weiter reichende Raketen des Typs Predator Hawk zum Arsenal kommen, die den ganzen Libanon und große Teile Syriens abdecken können. Sie sind aber noch in der Entwicklung.

In Medien wird diese Entscheidung, Bodentruppen mit Raketen auszustatten, als "revolutionär" bezeichnet. Auch Kriegsschiffe und die Luftwaffe sollen mit den Raketen ausgerüstet werden. Die Sorge besteht, dass die Hisbollah im Libanon bald über 1000 Präzisionsraketen verfügen könnten. Aus dem Iran soll die Technik kommen, herkömmliche Raketen zu Präzisionsraketen umbauen zu können.

Der Vorfall, dass eine israelische F-16 durch die syrische Flugabwehr zum Absturz gebracht wurde, verstärkte die Entscheidung, sich nicht mehr einzig auf die Luftwaffe verlassen zu wollen. Die besseren Luftabwehrsysteme erfordern nach dem israelischen Verteidigungsminister auch Boden-Boden-Raketen, die eben innerhalb von Minuten einsetzbar sind.

Im Fall von Syrien hätten sie auch den Vorteil, dass israelische Flugzeuge nicht in den syrischen Luftraum eindringen müssen und hier auch durch die russischen Luftabwehrsysteme wie S-400 gefährdet wären oder in Konflikt mit russischen Kampfflugzeugen geraten würden. Ynet schreibt, man schießt dann einfach eine Präzisionsrakete in sicherer Entfernung von der Grenze auf ein syrisches Ziel und vermeidet damit Probleme. Ein Raketenabschusssystem könne 8 Raketen auf einmal und in einer Stunde 40 Raketen abschießen. 10 solcher Systeme könnten also Ziele im Libanon oder in Syrien mit 400 Raketen innerhalb einer Stunde bombardieren. Natürlich bleibt es dennoch ein kriegerischer Akt und eine Verletzung der territorialen Integrität.

Bild: IDF

In Israel geht man davon aus, dass der Iran sich militärisch in Syrien weiter festsetzen will, und auch, dass Israel weiter angegriffen werden wird. Dabei wird die Grenzüberquerung der Drohne bereits als militärischer Angriff gewertet. Beunruhigend ist, dass die iranische Drohne angeblich ein neuer Typ ist, der bislang den israelischen Streitkräften nicht bekannt war und schlechter zu entdecken sein soll. Die Drohne würde ähnlich wie die modernste amerikanische Spionagedrohne RQ-170 Sentinel aussehen, die vom Iran 2011 im iranischen Luftraum knapp hinter der Grenze zu Afghanistan gekapert wurde. Iran hat verlauten lassen, man sei imstande gewesen, die amerikanische Drohne zu rekonstruieren, 2016 wurde bekannt gegeben, es sei eine Drohne mit dem Namen Saegheh auf der Grundlage der RQ-170 Sentinel gebaut worden.

Nach einem Foto sah sie noch sehr nach einem Prototypen aus. Sie könne mit vier Präzisionsraketen ausgestattet werden. Auf den Bildern von der abgeschossenen Drohne sind keine zu sehen. Ein israelischer Offizier wird zitiert, der sagte: "Wir wissen nicht, was der Auftrag der iranischen Drohne war. Es ist ihre fortgeschrittenste Drohne und wir erwarteten nicht, dass unser Radar ihr Eindringen auf unser Territorium entdecken würde." (Florian Rötzer)

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