Israel und Hamas: Der Krieg geht weiter

Unruhen in Lod, Israel, 11. Mai. Bild: Israel Police/CC BY-SA 3.0

2.300 Raketen wurden laut IDF innerhalb einer Woche von islamistischen Milizen Richtung Israel gefeuert. In Gaza beklagt man weit über 100 Tote durch israelische Angriffe. Die Konflikte innerhalb Israels und an den Grenzen häufen sich

Der Krieg geht weiter. Zweihundert Raketen wurden innerhalb von 12 Stunden, von Freitagabend sieben Uhr bis Samstagmorgen sieben Uhr, von Milizen in Gaza auf israelisches Territorium abgefeuert; 30 weitere Raketen landeten innerhalb des Gazastreifens, 100 Raketen wurden laut IDF abgefangen. Ziele waren Wohngebiete wie auch strategische Ziele.

Israelische Luftangriffe gingen ebenfalls weiter. Nach Darstellung der IDF (Israel Defense Forces) zielen sie auf Kommandozentralen, Raketenabschussanlagen und Terroristen. Die Gegenseite, in der Hauptsache werden hier die Hamas und der islamische Dschihad genannt, wirft dem israelischen Militär vor, dass es mit diesen Angriffen den Tod von Zivilisten in Kauf nimmt.

(Ergänzung: Wobei anzumerken ist, dass dies auch für die Raketenangriffe der Hamas gilt: Auf die Frage, wie denn die Hamas bei ihren Raketenangriffen Kinder und Jugendliche schütze, bezeichnet Hamas-Sprecher Fawzi Barhum diese als "legitime Ziele": Sie seien "Soldaten ohne Uniform", so Barhum: "In einigen Jahren werden sie unseren Jugendlichen gegenüberstehen und sie töten." - siehe: Spiel mit dem Feuer.)

Wie schon in der Vergangenheit macht die IDF geltend, dass man darauf achte, das Leben von Zivilisten zu schonen, dass aber die Militanten ihre Kommandozentralen und ihre militärischen Positionen inmitten von Wohngebieten platziert haben.

Dies ist ein langwieriger Streit, der auch aus anderen Kriegen bekannt ist, etwa in Syrien, und dort von syrischer und russischer Seite als Argument verwendet wurde, um Luftangriffe auf Ziele in Gebiete zu rechtfertigen, die unter der Kontrolle von islamistischen und dschihadistischen Milizen standen.

Ungleiche Opferbilanz

Die zwischenzeitliche Opferbilanz sieht laut Tagesschau, die sich auf Behörden in Gaza und Informationen aus Israel beruft, so aus: "Im Gazastreifen starben bisher 126 Menschen durch die israelischen Angriffe. Mehr als 900 wurden verletzt. (…) Seit Beginn der Kämpfe am Montag starben auf israelischer Seite acht Menschen, Hunderte wurden verletzt."

Laut der israelischen Zeitung Ha'aretz, die sich ebenfalls auf Angaben der Gesundheitsbehörde in Gaza beruft, sind 31 Kinder unter den Opfern. Auch Israel meldete in den vergangenen Tagen den Tod eines Kindes durch Granaten-Beschuss. ("Während die Todeszahlen im palästinensischen Gebiet gemeinhin mehr als zehnmal höher sind, wird in der Berichterstattung ein unmittelbareres Bild von den Opfern auf israelischer Seite vermittelt" - Nahost-Krieg: Ungleiche Opferbilanz, verminte Debatte.)

(Ergänzung: Anzufügen ist hier, dass das Raketenabwehrsystem Iron Dome, "Eiserne Kuppel", schlimmeres verhütet, da viele Hamas-Raketen auf Wohngebiete zielen.)

Ziele

Bemühungen um eine möglichst rasche Beendigung des Krieges soll es in Hintergrundgesprächen geben. Sie haben derzeit nach Einschätzung von Beobachtern aber wenig Chancen. Wie die Bereitwilligkeit dazu aufseiten der Hamas und der islamistischen Milizen im Gazastreifen aussieht, ist unklar, offizielle und verlässlich Aussagen gibt es dazu noch nicht.

Was die israelische Seite anbelangt, so werden meist, wie auch im genannten Tagesschau-Bericht, Aussagen zitiert, die darauf hinauslaufen, dass die israelische Regierung und die Militärführung zuerst militärische Ziele erreichen will, um Sicherheit vor weiteren Angriffen zu bekommen.

"Die Armee reagierte basierend auf vorbereiteten Angriffsplänen und davon liegen noch verschiedene Phasen vor uns", sagte Israels Generalstabschef Aviv Kochavi gestern bei einem Truppenbesuch im Grenzgebiet zum Gazastreifen. "Wir schlagen mit beachtlicher Härte zu." Es sei gelungen Hamas und den Islamischen Dschihad in ihrer Fähigkeit Waffen zu produzieren, erheblich zurückzuwerfen, so dass es lange dauern würde, bis diese sich davon erholt hätten.

Tagesschau

Wie schon in der Vergangenheit gehören Tunnels im Gazastreifen zu den Zielen. Und wie immer gibt es Fragen, die in der öffentlichen Darstellung der Kriegsparteien nicht angesprochen werden. Woher kommt die enorme Zahl an Raketen, wie ist es den Milizen in Gaza möglich weiterhin so viele Raketen abzufeuern trotz der gezielten israelischen Angriffe, trotz der legendären israelischen Geheimdienstarbeit? Weil die Abschussorte so gut versteckt sind?

Etwa 2.300 Raketen sollen seit vergangenen Montag Richtung Israel abgefeuert worden sein, 380 blieben im Gazastreifen, etwa 1.000, die auf Wohngebiete in Israel zusteuerten, wurden vom Abwehrsystem Iron Dome abgefangen, berichtet die Times of Israel, gestützt auf IDF-Angaben.

Neuartiges Vorgehen der Hamas, Irans Beitrag

Hier gibt es ein größeres Problem, worauf der Autor Seth Franzmann von der Jerusalem Post aufmerksam macht: Dass die Abwehrfähigkeit des Iron Domes an seine Grenzen stößt. In den vergangenen zehn Jahren habe der Iron Dome rund 2.500 Raketen abgefangen, seit das System 2011 in Betrieb genommen wurde. Nun habe das System in nur 96 Stunden so viele wie in mehreren Jahren abgefangen. "That's big."

Für Franzmann hat Iran einen maßgeblichen Anteil an der Aufrüstung wie auch an der Strategie der Hamas, sichtbar würden neue militärische Ziele, ein neuartiges Vorgehen und Drohnentechnik, bei allem spiele Iran eine starke Rolle.

Die Tatsache, dass die Hamas die Iron-Dome-Batterien "ins Visier genommen" hat, stützt sich auf Behauptungen, wonach sie versucht hat, Israels Verteidigungskapazitäten zu überwältigen, indem sie bis zu 130 Raketen in verschiedenen Sperrfeuern auf Ashkelon abgefeuert hat. Die Hamas hat in der Vergangenheit Raketen mit großer Reichweite eingesetzt, aber es war anscheinend nicht üblich, sie taktisch in Massen einzusetzen, um Ziele mehr als nur planlos anzugreifen.

Seth Franzmann, Jerusalem Post

Dieser Konflikt, so Franzman, unterschiede sich von den vorangegangenen, der Raketenbeschuss der Hamas erfolge nicht als Reaktion auf die Angriffe der IDF, sondern sie sei treibende Kraft. Als Beleg dafür zitiert er strategische Angriffe der Hamas auf Flughäfen und Versuche, Fabriken zu treffen - und er zitiert vom iranischen TV-Sender Press TV:

Wir haben eine Salve von Sejjil-Raketen auf den Luftwaffenstützpunkt Hatzerim abgefeuert, von dem aus die Kampfflugzeuge der Besatzung flogen, um Zivilisten in Gaza zu bombardieren", sagten die Ezzedine al-Qassam-Brigaden, der militärische Flügel der Hamas, in einer Erklärung am Donnerstagabend, laut palästinensischen Medien und Press TV (…) "Die Gruppe sagte, sie habe auch eine chemische Fabrik im Kibbuz Nahal Oz in der Negev-Wüste mit Shehab-Selbstmorddrohnen angegriffen", teilt Press TV mit. Dies ist eine große Sache und scheint das Modell als Grundlage zu haben, wie die Houthis seinerzeit Drohnen verwendet haben, um die saudi-arabische Öl-Infrastruktur zu treffen.

Seth Franzmann, Jerusalem Post

Zu diesen Problemen hinzukommt, dass die Situation an der Grenze Israels zum Libanon brenzlig werden kann. An der Grenze zu Jordanien soll es einen Menschenauflauf gegeben haben. An der libanesisch-israelischen "blauen" Grenze versammelten sich aufgebrachte Menschen, die gegen die israelischen Angriffe protestierten. Es kam zu Auseinandersetzungen, bei denen angeblich ein Mitglied der Hisbollah getötet wurde. Inwieweit dieser Vorfall eine Auswirkung auf Entscheidungen der schiitischen Miliz hat, sich in irgendeiner Weise am Konflikt zu beteiligen, ist völlig unklar. Angedeutet wird damit aber die Möglichkeit einer Ausweitung des Krieges.

Zu diesem finsteren Szenario gehört auch, dass mittlerweile auch Fatah-Milizen aus dem Westjordanland Raketen auf israelisches Territorium feuern.

Eskalationen zwischen jüdischen und arabischen Israelis

Große Sorgen, was die Bemühungen zur Deeskalation des neu aufgeflammten Konflikts zwischen Israel und Palästinensern betrifft, bereitet die Situation in israelischen Städten und Orten im Norden bei Haifa, wo das Zusammenleben zwischen jüdischen und arabischen Israelis bislang gut funktionierte. Nun mehren sich die Berichte über brutale Akte, Auseinandersetzungen und Angst.

Das sind schlechte Aussichten für friedliche Lösungen. Momentan dominiert in der öffentlichen Debatte über die Vorgänge in Israel und den Palästinensergebieten starke Polarisierungen, wie das derzeit auf vielen Felder üblich geworden ist. Der Nahostkonflikt liefert dazu viel Material.

Die Rolle der Ultra-Rechten

Seit die Linke in Israel im Sinkflug abgetaucht ist und kaum noch Einfluss hat, um eine friedliche Gestaltung der Politik zu forcieren oder zu unterstützen, haben harte unversöhnliche Stimmen der Rechten das Sagen und sehr viel Einfluss. Das zeigt sich - nach den Ereignissen, die zur Eskalation führten - auch bei den darauf folgenden, gegenwärtigen Auseinandersetzungen in den israelischen Städten. Geht es nach dem von der Regierung bestellten Polizeichef Kobi Shabtai, so haben die extremistischen Rechten von Lehava einen maßgeblichen Anteil an der derzeitigen "Intifada" in den israelischen Städten. Sie hätten sie provoziert.

Netanjahu, der mit dem politischen Ableger dieser Bewegung koalieren will, sieht das anders. Die Tagesschau zitiert ihn so:

Was in Israels Städten passiert, ist besorgniserregend. Gruppen von Randalierern aus der arabischen Gesellschaft verletzen Juden, nur weil sie Juden sind", so Natanyahu. "Ich sage ausdrücklich, dass es nicht die gesamte arabische Gesellschaft ist, nicht mal die Mehrheit aber eine beachtliche Minderheit, die Gewalt ausübt und unser Lebensmodell zwischen Arabern und Juden gefährdet, das wir über die Jahre aufgebaut haben. Das muss enden.

Tagesschau

Und die USA? Vertreter sind in Hintergrundgesprächen aktiv. Nach außen gab es eine eindeutige Rückendeckung für Israel. (Thomas Pany)