Israelische Regierung will Massenimmigration europäischer Juden

Nach den Anschlägen in Paris und Kopenhagen fordert Premier Netanjahu die Juden auf, in ihre Heimat zu kommen

Nach der Schießerei auf ein Café in Kopenhagen am Samstagnachmittag setzte der bei einem Feuwerwechsel mit der Polizei erschossene dänische Moslem seine Anschlagserie fort und ermordete kurz vor Mitternacht Dan Uzan, der eine Synagoge bewachte, in der gerade Bat-Mitzwa-Feier begangen wurde. Der 22-jährige mutmaßliche Täter mit palästinensischem Hintergrund war ein auch wegen Gewalttaten bekannter Krimineller, der erst vor zwei Wochen aus dem Gefängnis entlassen worden war. Festgenommen wurden auch zwei weitere Männer, die beschuldigt werden, den mutmaßlichen Täter unterstützt zu haben.

Schon nach dem Anschlag auf einen jüdischen Supermarkt in Paris, der parallel zum Angriff auf Charlie Hebdo erfolgte, rief der israelische Regierungschef Netanjahu die europäischen Juden dazu auf, nach Israel auszuwandern. Auch am Sonntag sagte er zu den Juden Europas und auf der ganzen Welt, dass Israel auf sie mit offenen Armen warte: "Wir sagen zu den Juden, zu unseren Brüdern und Schwestern: Israel ist eure Heimat. Wir bereiten uns auf die Aufnahme einer Massenimmigration aus Europa vor und rufen dazu auf." Wieder seien in Europa Juden ermordet worden, weil sie Juden sind.

Das Kabinett beschloss am Sonntag gleich einen mit 180 Millionen NIS (40,5 Millionen Euro) ausgestatteten Einwanderungsplan, der als erster Schritt für weitere Initiativen gilt. Weitere Maßnahmen können aber erst nach der Wahl im März beschlossen werden. Man will länderspezifische Antworten auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von europäischen Juden entwickeln. Zunächst sollten nur französischsprachige Juden in Frankreich und Belgien angesprochen werden, nun werden auch Juden aus der Ukraine angeworben, was aber auch Kritik hervorrief. Man will die Einwanderung bewerben, u.a. durch Einwanderungsmessen, und spezielle Hilfen für Juden aus Notgebieten bereitstellen. Mit Websites in französischer und ukrainischer Sprache sollen Informationen über Einwanderungsmöglichkeiten verbreitet werden.

Israel versucht seit langem, mehr Juden dazu zu bringen, nach Israel zu kommen, weil man Sorge hat, von der arabischen Bevölkerung schon allein zahlenmäßig übertroffen zu werden. Das würde Israel als den jüdischen Staat gefährden, fürchten rechte Politiker (Israel: die arabische "demographische Zeitbombe" doch nur ein Mythos?).

Die dänischen Juden haben das Angebot von Netanjahu abgelehnt, berichtet Ynet. Jair Melchior, der oberste Rabbi Dänemarks, meinte: "Terror ist kein Grund, nach Isrel zu gehen." Und der französische Premier Manuel Valls bittet die Juden, im Land zu bleiben. Am Samstag waren auf einem jüdischen Friedhof mehrere hundert Gräber beschmiert worden. Valls kritisierte Netanjahu. Auch wenn er sich im Wahlkampf befinde, berechtige dies noch nicht solche Äußerungen: "Der Platz für französische Juden ist Frankreich."

Befeuert wird die Debatte allerdings durch den israelischen Journalisten Zvika Klein, der mit einer Kippa mehrere Stunden durch Paris und Vororte zog und das Verhalten der Menschen dokumentiert hatte. Am Sonntag veröffentlichte er seinen Bericht und sagte, er sei sich manchmal wie in Ramallah vorgekommen:

"Welcome to Paris 2015, where soldiers are walking every street that houses a Jewish institution, and where keffiyeh-wearing men and veiled women speak Arabic on every street corner. Walking down one Parisian suburb, I was asked what I doing there. In modern-day Paris, you see, Jews are barred from entering certain areas." (Florian Rötzer)