Israelischer Generalstabschef: "Eine der moralischsten Armeen der Welt"

Neue Vorwürfe gegen israelische Armee, die u.a. Jugendliche als menschliche Schutzschilde verwendet haben soll

Nachdem die israelische Regierung die praktisch seit Beginn des Gaza-Kriegs erhobenen Vorwürfe gegen das Militär, Kriegsverbrechen und Vergehen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben, lange Zeit wegschieben konnte, ist das seit der Veröffentlichung von Aussagen israelischer Soldaten kaum mehr möglich. Die in Zeitungen wie Haaretz veröffentlichten Berichte haben belegt, dass exzessive Gewalt ausgeübt und Zivilisten zum Ziel von Angriffen wurden (Israelische Soldaten berichten von Kriegsgräueln an Zivilisten im Gazakrieg). Unverdrossen versichert die israelische Armee auch in einer heute veröffentlichten Mitteilung weiter, sie sei "eine der moralischsten Armee der Welt".

Israelischer Soldat mit palästinensichem Jugendlichen als "menschlichem Schutzshild". Alle Bilder sind Screenshots der vom Guardian veröffentlichten Dokuvideos

In einem Kommentar in der Zeitung Haaretz heißt es, es sei Zeit, die Beschuldigungen zu glauben, dass Kriegsverbrechen begangen wurden. Herausgehoben wird Generalstabschef Gabi Ashkenazi, der sagte, er habe Schwierigkeiten, den Berichten zu glauben, da doch die israelischen Truppen IDF eine moralische Armee seien, andererseits müsse er den Soldaten doch Glauben schenken, weil sie keinen Grund zu lügen hätten. Obgleich der Generalstabschef wie andere bei den IDF seit langem aus unterschiedlichen Quellen wie den Vereinten Nationen, dem Roten Kreuz oder Amnesty International von den Vorwürfen wüssten, so Haaretz, tue er jetzt nach den Zeugenaussagen der Soldaten, als höre er zum ersten Mal davon. Das entspreche der verbreiteten Haltung der Israelis, die Vorwürfe zu leugnen, weil sie auf den Aussagen von Palästinensern beruhten. Von denen meine man zu wissen, dass sie lügen, wirft Haaetz den für den Kriegseinsatz verantwortlichen vor.

Soldaten T-Shirt. Bild: al-arabiya

Veröffentlicht wurden nun auch Bilder von T-Shirts, die sich Soldaten verschiedener Einheiten bestellt und auch getragen hatten. Die israelische Armee hat sie daraufhin als inakzeptal bezeichnet. Auf einem der Bilder der T-Shirts ist eine schwangere Palästinenserin mit dem Text zu sehen: "1 Shot 2 Kills". Auf einem anderen T-Shirt ist eine palästinensische Mutter mit ihrem toten Baby und dem Text "Better use Durex" zu sehen. Ein Soldat kommentierte, dass man diese T-Shirts "im Haus, beim Joggen, in der Armee" trage, nicht wenn man in die Öffentlichkeit gehe.

Das israelische Militär war aufgrund der Zeugenaussagen genötigt, eine Untersuchung über die Vorwürfe einzuleiten, zumal gleichzeitig von den Vereinten Nationen gesagt wurde, Israel habe mit großer Wahrscheinlichkeit Kriegsverbrechen begangen. Der britische Guardian hat nun drei Videodokumentationen veröffentlicht, in denen die israelische Armee weiter belastet wird. So sollen auch Palästinenser dazu gezwungen worden sein, als menschliche Schutzschilde für israelische Soldaten zu dienen, darunter auch ein 14-jähriger Junge.

Israelischer Soldat mit palästinenssichem Jugendlichen als "menschlichem Schutzschild" bei der Kontrolle eines Hauses

Des Weiteren wird den IDF vorgeworfen, gezielt Krankenhäuser und Ambulanzen beschossen zu haben. Dabei wird auch auf einen aktuellen Bericht der Ärzte für Menschenrechte Israel hingewiesen, nach dem wiederholt gegen die medizinische Ethik und den Moralkodex der Armee verstoßen und humanitäre Rechte worden seien. Man habe die Rettung und Behandlung von Verletzten verhindert, Ärzte und Rettungskräfte angegriffen und die Evakuierung von schwer Kranken oder Verletzten aus dem Gazastreifen verhindert.

Überdies versucht der Guardian mit Zeugenaussagen zu belegen, dass mit israelischen Drohnen auch Zivilisten angegriffen worden seien. So sei eine sechsköpfige Familie in ihrem Hof durch den Beschuss einer Kampfdrohne getötet worden. Angeblich liefern die Kameras in den Drohnen so gute Bilder, dass sich Zivilisten von Bewaffneten schon unterscheiden ließen.

Israelische Drohne

Der Generalstabschef erklärte, die Armee sei eine der "moralischsten Armeen der Welt". Wenn es "vereinzelte Vorfälle" gegeben haben sollte, werde man diese untersuchen. Der Krieg sei in einer "sehr komplexen Atmosphäre" geführt worden. Man habe alles getan, um Zivilisten zu schützen. Beispielsweise habe man Flugblätter abgworfen, um sie vor bestimmten Gebieten zu warnen: "Aber in einer Umgebung wie dieser ist es unvermeidbar, dass Schaden für Zivilisten entstehen."

Zerstörung durch Bombardierung im Gazastreifen

Eben dies wird der israelischen Armee auch vorgeworfen, dass sie in einem dicht besiedelten Gebiet durch ihre Angriffe den Tod von Zivilisten in Kauf nehmen musste. Die Armee begegnet dem Vorwurf, nicht gemäß den Genfer Konventionen zwischen militärischen und zivilen Zielen unterschieden zu haben, etwa mit der Behauptung, dass "99 Prozent der Luftangriffe ihre Ziele genau getroffen" hätten. Wenn diese unglaubwürdig erscheinende Behauptung tatsächlich zutreffen sollte, dann hätte sich die Armee damit keine Rechtfertigung verschafft, sondern müsste sich erst recht fragen lassen, warum dann so viele Zivilisten getötet und verletzt sowie Krankenhäuser oder Schulen bombardiert wurden.

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