Israelisches Geheimkommando im Libanon

Vermutlich suchten die als Libanesen verkleideten israelischen Soldaten nach ihren entführten Kameraden, im Libanon wurde die Position der Hisbollah durch den Krieg gestärkt

Nach dem Waffenstillstand am 14. August im Libanon steht die israelische Regierung unter Premierminister Ehud Olmert unter starkem, innenpolitischem Druck (Mit heißer Nadel gestrickte UN-Mission). Nach einem Monat Krieg konnten keine der anvisierten Ziele erfüllt werden. Die beiden am 12. Juli von Hisbollah entführten israelischen Soldaten sind noch immer in Gefangenschaft, Hisbollah ist nicht zerschlagen und die libanesische Armee patrouilliert die Grenze, was Israel immer abgelehnt hatte. Am vergangenen Wochenende versuchte die israelische Armee aus der militärischen Niederlage doch noch einen Sieg zu machen. Ein Geheimkommando suchte im Nordlibanon nach den entführten Soldaten und nach einem hohen Hisbollah-Funktionär.

Es könnte nicht besser in einem Drehbuch eines Hollywood-Action-Film stehen. Am frühen Samstagmorgen setzen israelische Hubschrauber zwei Humvees mit Soldaten in der Nähe der Stadt Baalbek, im Norden Libanons ab. Auf die beiden Militärfahrzeugen sind libanesische Flaggen aufgemalt und die Spezialeinsatztruppe trägt libanesische Armeeuniformen. Gleichzeitig führt die israelische Luftwaffe Ablenkungsangriffe durch. Apache-Helikopter schießen Raketen auf einige, kleinere Brücken und andere logistisch unwichtigen Ziele. F-16 Kampflugzeuge, sowie unbemannte Drohnen, kreisen in niedriger Höhe. Die vermeintlichen libanesischen Truppen fahren unterdessen in Richtung Budai weiter, einer vom Landepunkt etwa 20 Kilometer entfernten Stadt. An einem unerwarteten Checkpoint der Hisbollah beteuern die israelischen Soldaten auf Arabisch, dass sie doch alle gemeinsam auf einer Seite stehen. Fast können sie unbehelligt weiter fahren, als ein Hisbollah-Kämpfer aufgrund eines arabischen Aussprachefehlers Verdacht schöpft und Alarm schlägt. Plötzlich sind die Israelis von Milizionären mit Kalaschnikows umringt. Der Kampf dauert über zwei Stunden. Drei Mitglieder der Hisbollah sterben, auf Seiten der Israelis wurden nach eigenen Angaben „wie durch ein Wunder nur ein Mann getötet und 10 verletzt“. Hisbollah spricht dagegen von acht toten israelischen Soldaten.

Nicht zum ersten Mal schickte Israel ein Sonderkommando in die Gegend von Baalbek, das eine Hochburg der schiitischen Miliz ist. Am 2. August stürmten israelische Soldaten das Dar al-Hikma Krankenhaus, durchsuchten das Gebäude und entführten fünf angebliche Hisbollah-Mitglieder. Zur Sicherung des Geländes hatte die Luftunterstützung das umliegende Gebiet bombardiert und 15 Zivilisten getötet. Was die israelischen Soldaten damals im Krankenhaus suchten, darüber ist offiziell nichts bekannt. Man kann jedoch davon ausgehen, in dem verlassenen Hospital wurden entweder ihre entführten Kameraden vermutetet oder die Unterkunft eines Hisbollah-Funktionärs, wenn nicht sogar die von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah.

Am vergangenen Wochenende soll der Einsatz in Bodai Sheik Mohammed Yazbek gegolten haben, wenn es nach Aussagen der Hisbollah geht. Yazbek ist ein Mitglied des Shoura-Rats der Miliz und im Libanon offizieller Vertreter von Ayatollah Khameini, dem religiösen Oberhaupt des Iran. Sheik Yazbek kommt aus Bodai, hat dort Schulen und Moscheen gestiftet, wohnt aber selbst nicht in der Stadt. Am Freitag war der Sheik zum letzten Mal in Baalbek gesehen worden, bevor er zur Beerdigung von getöteten Hisbollah-Kämpfern in den Süden abgereist war.

Wahrscheinlicher als eine Entführung von Yazbek ist eher, die israelischen Soldaten suchten in einer der Schulen oder Moscheen von Sheik Yazbek ihre gefangenen Kameraden. Sonst kann man sich kaum vorstellen, dass Israel den Waffenstillstand bricht und damit neue Kampfhandlungen riskiert. Ihre noch im Südlibanon stationierten Truppen wären ein leichtes Ziel der Hisbollah, gleichzeitig auch die zurückgekehrten Bewohner Nordisraels für die Katjuscha-Raketen der schiitischen Miliz.

Eine Befreiung der beiden entführten Soldaten würde die militärische Niederlage in einen moralischen Sieg verwandeln. Die Regierung unter Premierminister Ehuds Olmert hätte sich ihrer Kritiker entledigt und würde weiter unangefochten im Amt bleiben. Offiziell rechtfertigte Israel den Kommandoeinsatz in Baalbek als Maßnahme gegen syrische Waffenlieferungen für Hisbollah, was somit keinen Bruch der Waffenstillstandsbedingungen bedeutet, wie sie die UN-Resolution 1701 vorschreibt.

Der UN-Generalsekretär, Kofi Annan, zeigte sich von der Waffenschmuggelversion wenig beeindruckt und rügte Israel wegen „des Bruches des Waffenstillstands“. Der libanesische Verteidigungsminister Elia Murr warnte vor weiteren israelischen Aktionen, die nur zu einem Gegenschlag der Hisbollah führten. „Wenn sich Israel nicht strikt an den Waffenstillstand hält“, sagte Murr, „sehe ich mich gezwungen, dem Kabinett zu empfehlen, die Stationierung der libanesischen Armee im Süden zu stoppen.“ Gleichzeitig erklärte der Verteidigungsminister jedoch auch, jeder weitere Raketenangriff auf Israel würde als Vaterlandsverrat angesehen und die dafür Verantwortlichen kämen vor ein Militärgericht.

Elias Murr ist bekanntermaßen ein pro-syrischer Politiker, der den Widerstand der Hisbollah unterstützt. Sein Verhalten zeigt, wie zufrieden man im Libanon, ganz abgesehen von den Schäden natürlich, mit dem politischen Ausgang des Kriegs ist. Die vorher so zerstrittenen pro- und anti-syrischen Fronten sind erst einmal geklärt. Die libanesische Regierung besitzt nun das, was sie seit Antritt 2005 immer gefordert hatte, nämlich volle Autorität über das gesamte Staatsgebiet. Die Jahre, in denen der Südlibanon als Territorium der Hisbollah für die libanesische Armee gesperrt war, sind vorbei. Für Hisbollah bedeutet dies keine Niederlage. Sie wird vorerst nicht entwaffnet und sehr wahrscheinlich nach einem von ihr geforderten „nationalen Dialog“ in die libanesische Armee integriert.

Selbst Walid Jumblatt, der vom ersten Kriegstag an Hisbollah vehement kritisiert hatte, sprach vor wenigen Tagen von einer „zu leicht verwundbaren nationalen Armee“. In nur wenigen Stunden, so erklärte der Drusenführer, wäre sie bei einem Angriff der Israelis überrollt. Nach der dritten israelischen Invasion liegt nichts näher, als das libanesische Militär entsprechend aufzurüsten und zu trainieren. Und wer könnte dies besser als die Ausbilder von Hisbollah?

Ganz in diese Richtung kann man ein Statement von Premierminister Fuad Siniora interpretieren, als er im Laufe des Krieges davon sprach, dass die „Waffen der Hisbollah der libanesischen Armee gehören“. Von einer anstehenden Vernichtung des militärischen Abschreckungspotentials der schiitischen Miliz kann keine Rede sein. Sollte Hisbollah tatsächlich in die libanesische Armee integriert werden und darin eine Führungsrolle übernehmen, werden der Libanon und die „Partei Gottes“ eine noch stärkere, potentielle Bedrohung für Israel.

Man kann nachvollziehen, warum Hisbollah so freimütig die Stationierung der nationalen Armee begrüßt. Ihre Waffenlager, ihr Bunkersystem und ihre politische Position innerhalb der libanesischen Gesellschaft beleiben unangetastet. Man zieht mit der Regierung gemeinsam an einem Strang.

Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah hat sein Wort wieder einmal gehalten. In einer seiner TV-Ansprachen während des Krieges hatte er versprochen, den „Sieg dem ganzen libanesischen Volk und allen politischen Gruppen zu schenken“. Fürs erste sieht es ganz danach aus. Seine Truppen boten der stärksten regionalen Militärmacht in der Region erfolgreich Paroli, was auch Premierminister Fuad Siniora und seine Regierung in eine stärkere Position gegenüber Israel bringt, wie sie die Libanon bisher nie hatte. Trotz aller Kriegsschäden hat Nasrallah selbst bei seinen Kritikern Pluspunkte geholt. Jeder weiß, dass der Generalsekretär bewusst auf eine Eskalierung des Konflikts verzichtete.

Hisbollah hat nicht alle militärischen Mittel eingesetzt, über die sie verfügt. Die Langstreckenraketen vom Typ Zelal 2 iranischer Bauart, von denen die israelische Armee zwischen 30 und 100 irgendwo in den libanesischen Bergen vermutet, wurden nicht angetastet. Sie sind 3,5 Tonnen schwer und mit einer Reichweite von 200 Kilometern können sie bis zu 600 Kilogramm Sprengstoff bis tief in den Süden Israels transportieren. Nasrallah hatte Israel, wenige Tage nach Beginn des Konfliktes, angeboten, sobald es mit der Bombardierung ziviler Ziele aufhöre, würde Hisbollah im Gegenzug sofort den Beschuss Nordisraels einstellen. Als ein „deutliches Zeichen von Schwäche“, wurde dieses Angebot vom israelischen Verteidigungsminister Amir Perez interpretiert. Damals hatte er, wie alle anderen israelischen Offiziellen, noch an einen schnellen Sieg geglaubt.

Zusammen mit den USA sei der Angriffsplan ausgearbeitet worden, schrieb vor wenigen Tagen wenigstens der amerikanische Journalist Seymour Hersh im „The New Yorker“ (Die Hisbollah). Der Pulitzerpreisträger beruft sich dabei, wie so oft bei seinen Artikeln, auf Geheimdienstquellen. Der Libanon sollte angeblich als praktisches Planspiel für einen Angriff der USA auf den Iran herhalten. Ob das nun alles der Wahrheit entspricht oder nicht, in jedem Falle entpuppte sich die israelische Invasion des Libanon als militärisches und menschliches Fiasko. Über 1000 Menschen mussten auf beiden Seiten sterben und mehr als 4000 wurden verwundet. Für die Betroffenen spielt es keine Rolle, ob es ein Planspiel war oder nicht.

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