Israelkritik oder Antisemitismus?

Die Reaktionen - "Antisemitismus ist der Hochschule fremd"

Die Präsidentin der HAWK Christiane Dienel nahm zu den Vorwürfen am 27. Juli öffentlich Stellung:

Kernpunkt der Kritik sind die dort [im Seminar] verwendeten Quellen, zu denen auch sehr israelkritische Materialien gehören. Ich habe daraufhin die Ethikkommission unserer Hochschule gebeten zu prüfen, ob diese, seit zehn Jahren an unserer Hochschule angebotene Lehrveranstaltung, gegen die Prinzipien wissenschaftlicher Lehre verstößt. Die Ethikkommission hat dies einstimmig verneint. Die kritisierten Quellen dienen im Seminar als Material zur kritischen Auseinandersetzung, sie sind selbstverständlich nicht Auffassung der Dozentin oder der Hochschule.

Christiane Dienel

Aus Sicht des Präsidiums handelt es sich bei dem Material demnach um sehr "israelkritische" Unterlagen. Dienel beklagte, dass die Hinweise seitens der Hochschule in der Berichterstattung ignoriert würden, wonach das Seminar "nur in Kombination mit einem Seminar aus israelischer Sicht belegt werden kann, um so die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Positionen im Konflikt zu erlernen". Auch bedeute die Verwendung "israelkritischer Quellen" nicht, dass "sich Lehrende diese Positionen zu Eigen machen, wie es die Berichterstattung unterstellt".

Dienel hebt hervor: "Antisemitismus ist der Hochschule fremd" und ergänzt: "… hier wird unsere Hochschule und diese Lehrveranstaltung zum Austragungsort des Palästina-Konflikts gemacht, und in der Art der Berichterstattung wird uns keinerlei Chance gelassen. Ziel ist offenbar, mit allen Mitteln zu verhindern, dass unterschiedliche Sichtweisen zu diesem Konflikt an unserer Hochschule zu Wort kommen dürfen. Es soll mit moralischem Druck und dem völlig unberechtigten Vorwurf des Antisemitismus erzwungen werden, dass den Kritikern nicht genehme Inhalte an unserer Hochschule verbannt werden". Der letzte Satz ergibt natürlich gar keinen Sinn, denn schließlich dient das Material doch "zur kritischen Auseinandersetzung" oder sind die Materialien jetzt doch "nicht genehme Inhalte"?

Die Jerusalem Post erhöhte daraufhin den Druck und titelte mit "Das ist keine Universität, das ist eine Hass-Fabrik", ein Zitat von Emmanuel Nahshon, dem Sprecher des israelischen Außenministeriums, der nicht gerade für seine zurückhaltende Art bekannt ist. Darüber hinaus wurde Abraham Cooper, der stellvertretende Leiter des in Los Angeles ansässigen Simon Wiesenthal Centers zitiert, dass diese extrem antisemitische und anti-israelische Veranstaltung sich nicht als Seminar an einer Universität präsentieren dürfe. Vor allem dieser Artikel entwickelte besondere Reichweite und wohl auch Wirkungsmächtigkeit.

Offenbar war für das Ministerium für Wissenschaft und Kultur die Situation zunehmend untragbar, so dass man sich entschied, im Einvernehmen mit der Hochschulleitung wie man betont, einen neuen Gutachter zu bestellen, der das Seminar untersuchen solle. Die Hochschule begrüßte diese Entscheidung entsprechend. "Die Vorwürfe treffen uns hart, und wir sind überzeugt, dass sie ungerechtfertigt und unhaltbar sind", so die Präsidentin. "Die Hochschule wird der einzuberufenden, unabhängigen Expertenkommission alle gewünschten Möglichkeiten zur Einsichtnahme geben und die Arbeit der Expertenkommission in jeder Hinsicht unterstützen."

Doch Dienel legt in der Sendung Shabbat Shalom des NDR noch einmal nach und verteidigt die Inhalte des Seminars. So sei der Antisemitismusvorwurf absolut abwegig, das Gutachten der Amadeu Antonio Stiftung sei "komplett unwissenschaftlich. Denn es versucht die Tendenz eines Seminars zu ermitteln, auf einer vollkommen unvollständigen Grundlage." Und auf die Kritik aus Israel weiß sie israelkritisch zu begegnen: "Hier geht es wirklich um das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit und um die Frage, wer darf in Deutschland bestimmen, was in deutschen Hochschulen gelehrt wird."

Mittlerweile hat die HAWK auch eine professionelle PR-Agentur eingeschaltet, um die Krisenkommunikation zu übernehmen. Die "Res Public Affairs. Corporate Affairs. GmbH" scheint vor allem in der Lokalpresse gute Arbeit geleistet zu haben. Norbert Mierzowsky von der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung (HAZ) hat sich von Beginn an klar auf Seiten der "Meinungsfreiheit" positioniert. In Unkenntnis des kritisierten Gegenstandes eine interessante Auslegung der Debatte.

Die unkritische und ungeprüfte Übernahme der Erklärungen der HAWK sind auch im weiteren Verlauf das Mittel der Wahl bei der HAZ. In einem Kommentar versteigt sich Mierzowsky dann zu der Behauptung, die Chancen für die HAWK stünden gut, das liege daran, "dass in diesem Staat die Meinungsfreiheit als Grundrecht geschützt wird. In diesem Fall in Hildesheim." Ein Argumentationsmuster, das noch häufiger zu hören sein wird. Als wäre Antisemitismus der Lackmustest der Meinungsfreiheit. Man wird ja noch sagen dürfen.

Aber damit das PR-Desaster vervollkommnet wird, teilt die Pressesprecherin auf Anfrage mit: "Bei der entfesselten öffentlichen Diskussion werden ganz überwiegend nur die verwendeten Materialien des Palästina-Seminars als Beleg für unseren angeblichen Antisemitismus herangezogen, was in etwa so wäre, als ob man einem Seminar des Zentrums für Antisemitismusforschung Antisemitismus vorwerfen würde, weil dort antisemitische Texte verwendet werden." Als würde es nicht mehr um ein Seminar "Zur sozialen Lage der Jugendlichen in Palästina" gehen, sondern um Antisemitismusforschung. Absurder kann man die Realität kaum verzerren.

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