Israelkritik oder Antisemitismus?

Das Seminar - Was die Israelis den Palästinensern alles antun

Christopher Lodders hat das inkriminierte Seminar gleich zweimal besucht. Der Sozialpädagoge, der für seine herausragenden Leistungen im Studium von der HAWK mit einem Landesstipendium belohnt wurde, nahm im Sommersemester 2010 und im Wintersemester 2010/2011 an der Veranstaltung teil. Sein Urteil will so gar nicht zu den Stellungnahmen der HAWK passen:

Ich habe dieses Seminar besucht, sogar zweimal. Das Seminar war antisemitisch, antizionistisch, unreflektiert, distanzlos, unwissenschaftlich und emotional belastet. Der Dozentin war es nicht möglich eine kritische, möglichst objektive Wissensvermittlung zu gewährleisten oder gar eine Diskussion zuzulassen. Als Studienleistung sollte ich beispielsweise ein Referat über die Foltermethoden der Israelis darstellen. Als ich Foltermethoden beider Seiten darstellte, wurde sie laut und hat die Leistung vorzeitig abgebrochen.

Ich denke so ein Seminar mit diesen Inhalten hat an einer Hochschule und generell nirgends etwas zu suchen. Es propagiert eindeutig ein israelfeindliches, antisemitisches Bild.

Christopher Lodders

Lodders und weitere Studierende beschwerten sich damals beim Dekanat. Die "grundsätzliche Taktik der Fakultät" war jedoch "ignorieren oder abwimmeln", so der Sozialpädagoge. Auch die Behauptung, die Seminare "Zur sozialen Lage der Jugendlichen in Palästina" und das damals empfohlene Parallelseminar "Jüdisches Leben in Deutschland und Israel" würden, als Einheit betrachtet, ein kritisches Bild aus unterschiedlichen Perspektiven herstellen, hält Lodders für Unsinn. "Die Seminare haben komplett unterschiedliche Grundlagen."

Ebenso war es nicht verpflichtend, beide Seminare gleichzeitig zu belegen, diese Forderung gab es erst später und selbst dann wurde diese nicht konsequent umgesetzt. Außerdem wurde beim Seminar "Jüdisches Leben" der Nahostkonflikt beispielsweise "überhaupt nur in einer einzigen Seminarsitzung" thematisiert, wie Alan Posener berichtet.

Und auch der Behauptung der HAWK, der "Organraub" sei in den Seminaren von Köhler kein Thema gewesen, widerspricht Lodders. "Das Thema wurde behandelt im Kontext, was die Israelis den Palästinensern alles antun, was Deutschland zulässt oder auch die EU. Ich kann grundsätzlich sagen, dass vieles thematisiert wurde, es aber bloße Behauptungen waren ohne Beweise, Argumente, inhaltliche Tiefe. Es waren bloße Erwähnungen und eine ständige Wiederholung. Höchstens mal unterlegt mit fragwürdigen Bildern oder auch Texten."

Lodders zeigt dann noch, dass es auch anders geht. "Ich möchte jedoch nicht behaupten, dass die Dozentin per se eine Antisemitin ist. Sie stammt aus Palästina und ist somit natürlich emotional voreingenommen. Man kann das auch positiv sehen, da sie weiß, wovon sie redet, wenn denn eine kritische und reflexive Auseinandersetzung stattgefunden hätte."

Kritik kam aber nicht nur vereinzelt von Studierenden, die sich ans Dekanat wandten. Gegen Ende eines jeden Semesters werden Lehrevaluationen der Veranstaltungen ausgeteilt und die Studierenden geben Bewertungen der besuchten Seminare ab. Im Falle der Seminare von Ibtissam Köhler wurde immer wieder auf die "mangelnde Wissenschaftlichkeit im Seminar" hingewiesen, wie aus dem Dekanatsumfeld zu hören ist.

Damit nicht genug hat auch die Sozialpädagogin Hemda Bottenberg, die bis zu ihrer Erkrankung das Seminar zum jüdischen Leben in Deutschland und Israel abhielt, immer wieder gegen das Seminar von Köhler protestiert, wie aus einem Artikel der Welt hervorgeht. Bottenberg wurde beständig von Köhler angegangen und regelrecht angefeindet. Sie sei eine Agentin des Mossad, wie alle Israelis in Deutschland, sei ihr von Köhler vorgeworfen wurden, heißt es aus ihrem privaten Umfeld.

Die ständigen Auseinandersetzungen hätten ihr dermaßen zugesetzt, dass die HAWK sie psychisch krank gemacht habe. Beschwerden bei der Dekanin Paulini wurden abgeschmettert. Präsidium und Dekanat taten diesen Protest als "Streit unter Frauen" ab. Wie viele Hinweise benötigt eine Hochschulleitung, um Kritik ernst zu nehmen? Wie viel Ignoranz kann sich die Führungsebene einer staatlichen Hochschule leisten?

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