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Israelkritik oder Antisemitismus?

Finden an der Hochschule Hildesheim seit Jahren antisemitische Seminare statt?

Die Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Hildesheim steht in der Kritik in dem Seminar "Die soziale Lage der Jugendlichen in Palästina" antisemitisches Material zu verwenden. Dabei gehe es um "Folter in israelischen Gefängnissen und um angeblichen Organdiebstahl durch israelische Soldaten", wie der NDR berichtete [1].

Das israelische Außenministerium nannte die HAWK daraufhin eine "Hass-Fabrik" [2], so die Jerusalem Post. Abraham Cooper vom Simon Wiesenthal Center in Los Angeles verurteilte das "extrem antisemitische und anti-israelische Seminar".

Ein Kurzgutachten der Amadeu Antonio Stiftung bestätigt, dass das verwendete Material dazu dient, "Israel zu dämonisieren und in die Nähe der südafrikanischen Apartheidszeit oder gar des Nationalsozialismus in Deutschland zu rücken. Die Texte dienen somit nicht einer kritischen Auseinandersetzung. Sie spiegeln kein israelkritisches, sondern ein zutiefst israelfeindliches Geschichtsbild wider, das sich nicht scheut auf alte und neue antisemitische Ressentiments zu rekurrieren." Auch Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, kritisiert das Seminar.

Die Hochschule wehrt sich gegen die Vorwürfe mit dem Hinweis, dass im Mai die Ethikkommission der HAWK das Seminar geprüft habe und man zu dem Schluss gekommen sei, dass es keine Bedenken gegen die Fortführung des Seminars gebe. Die Kommission "sieht keinen Anhaltspunkt, dass in dieser Lehrveranstaltung antiisraelische oder antisemitische Inhalte in unzulässiger Weise propagiert werden".

Die promovierte Religionspädagogin Rebecca Seidler erhielt im Juni 2015 von Christa Paulini, der Dekanin der Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit, eine E-Mail mit der Anfrage, ob sie einen Lehrauftrag übernehmen könne. Dabei ginge es um zwei sehr gegensätzliche Seminare zu Israel und Palästina. Ibtissam Köhler biete sei Jahren das Seminar "Zur sozialen Lage der Jugendlichen in Palästina" an und eine erkrankte Dozentin hatte das Seminar "Jüdisches Leben in Deutschland und in Israel" angeboten. Das neue Seminar solle nun "Jüdische Soziale Arbeit in Deutschland und in Israel" thematisieren. Der Fokus solle ausdrücklich nicht mehr auf "jüdischem Leben" liegen.

Diese Gegenüberstellung irritierte Seidler jedoch. Auf Nachfrage, ob es sich nun um ein politisches Seminar zu den palästinensischen Autonomiegebieten und Israel handeln würde oder ob es um Theorien muslimischer und jüdischer sozialer Arbeit gehen solle - kurz: ob es um den Nahost-Konflikt oder um Soziale Arbeit gehe -, wollte die Dekanin nicht mehr schriftlich korrespondieren, sondern nur noch telefonieren.

Um sich Klarheit über die Ausrichtung der Seminare zu verschaffen, sichtete Seidler die Seminarmaterialien des "gegensätzlichen" Seminars. Ihre Erkenntnisse teilte sie daraufhin Paulini mit und fragte nach, ob der Dekanin bewusst sei, dass in dem Seminar Artikel aus verschwörungsideologischen Blogs verwendet werden würden und dass das meiste Material auch keinerlei Wissenschaftlichkeit aufweise.

Die Dekanin ihrerseits verwies darauf, dass man schon einmal "angeschwärzt" worden sei, "Israelhetze" zu betreiben. Sie lasse sich aber keinen Maulkorb verpassen, auch wenn es in Deutschland eine gewisse Mainstreamhaltung zu gewissen Themen geben würde. Die Kritik Seidlers beruhe auch vielmehr auf ihrer sensiblen Wahrnehmung - als Jüdin.

Nach weiterer Beschäftigung mit den Seminarmaterialien und der Abwehr jeglicher Kritik seitens der Fakultät, lehnte Seidler den Lehrauftrag ab und übermittelte die Seminarunterlagen an die Amadeu Antonio Stiftung mit der Bitte um ein unabhängiges Gutachten. Ganz ohne jüdische Befindlichkeit. Das Kurzgutachten von Jan Riebe fällt recht eindeutig aus:

… mit der durchgängigen extremen Einseitigkeit und der bewussten Auswahl unwissenschaftlicher Texte, der ebenfalls bewussten Ausblendung jeglicher anderer Meinungen und Geschichtsauffassungen, des Nichtthematisierens ungewünschter historischer Fakten, und des Fehlens von Texten zum eigentlichen Seminarthema ist ein in der Art aufgebautes Seminar aus meiner Sicht unvereinbar mit den demokratischen Grundsätzen einer Hochschule, sowie mit allen Belangen des Beutelsbacher Konsens und widerspricht jeglichem humanistischen Weltbild auf eklatante Weise. Es wird den Studierenden ein zutiefst antiisraelisches, in Teilen sogar antisemitisches Weltbild vermittelt - ohne erkennbare Graustellen. […] Die Situation in Israel/Palästina soll nicht kritisch diskutiert werden, sondern den Studierenden ein vorgefasstes Bild oktroyiert werden.

Kurzgutachten der Amadeu Antonio Stiftung

Das Kurzgutachten bestätigte Seidlers Annahme und bestärkte sie darin, gegen die im Seminar vermittelten Inhalte vorzugehen. Da die Hochschule weiterhin jegliche Kritik von sich wies, setzte sich Seidler mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland in Verbindung. Dieser richtete daraufhin ein Schreiben an den Ministerpräsidenten des Landes Niedersachsen Stephan Weil mit der Bitte, sich des Sachverhaltes anzunehmen. Tatsächlich tat sich in der Sache aber gar nichts. Zwar mag die Hochschule zur Stellungnahme aufgefordert worden sein, publik oder transparent gemacht wurde jedoch nichts. Und auch das kritisierte Seminar wurde im Wintersemester 2015/16 erneut angeboten.

Im Dezember 2015 übersendete Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, der Niedersächsischen Ministerin für Wissenschaft und Kultur Gabriele Heinen-Kljajic das Gutachten der Amadeu Antonio Stiftung und insistierte, dass das Seminar überprüft werden müsste und antisemitische Inhalte nicht weiter an einer staatlichen Hochschule unterrichtet werden dürften. Im Mai 2016 überprüfte dann die Ethikkommission der HAWK das Seminar und plädierte für dessen Fortsetzung.

Die Ethik-Kommission hat keine Bedenken gegen die Fortführung der Lehrveranstaltung "Die soziale Lage der Jugendlichen in Palästina". Sie sieht keinen Anhaltspunkt, dass in dieser Lehrveranstaltung antiisraelische oder antisemitische Inhalte in unzulässiger Weise [sic!] propagiert werden. Die Ethik-Kommission begrüßt, dass die Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit durch Intensivierung des Lehrenden- und Studierenden-Austausches mit israelischen Hochschulen den Studierenden ein realistisches Bild der Lage in Israel vermittelt.

Ethikkommission der HAWK

Der Ethikkommission gehören sieben Vertreter aller Statusgruppen der Hochschule an, darunter vier Professoren, ein Mitglied ist laut HAWK Jurist. Die Kommission wurde aufgrund der "Leitlinien zur Transparenz von Forschungsvorhaben" [3] eingerichtet, ist also vornehmlich zur "Orientierung bei sicherheitsrelevanten Projekten" gedacht. Ethikkommissionen kümmern sich demnach im Wesentlichen um militärisch relevante Forschung. Ein Feld, das an der HAWK wohl selten zu bearbeiten ist.

Es ist also mitnichten so, dass die Ethikkommission eine in Ethikfragen besonders geschulte Einrichtung wäre. Ganz im Gegenteil wie die Pressesprecherin der HAWK Sabine zu Klampen erklärt: "Da sie [die Mitglieder der Ethikkommission] Forschungs- und Lehrvorhaben aus allen Fakultäten prüfen, ist nicht jede Fachrichtung vertreten und auch nicht notwendig Expertise in spezifischen Themenbereichen notwendig. Vielmehr prüft die Kommission grundsätzlich, ob Forschungsvorhaben gegen Grundrechte oder Grundsätze der Forschungsethik verstoßen."

In diesem Fall hatte die Kommission die Aufgabe, "die Freiheit von Forschung und Lehre und höherwertige Rechtsgüter wie Menschenrechte und Verbot von Diskriminierung abzuwägen". Laut zu Klampen erhielt die Kommission vollständige Unterlagen. Was allerdings vollständig bedeutet, kann nicht überprüft werden, da die Hochschule das verwendete Seminarmaterial nicht öffentlich machen möchte, weil " eine Veröffentlichung der Materialien aus unserer Sicht die Debatte nur verschärfen" würde. Anschließend hatten die Mitglieder vier Wochen Zeit, das Material gründlich zu prüfen. Danach informierten die "Dekanin und die Studiendekanin der Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit in der folgenden Sitzung der Ethik-Kommission mündlich über die Veranstaltung und ihren Kontext". Die Dozentin des kritisierten Seminars war demnach nicht zugegen.

Die Stellungnahme der Kommission fällt überraschend kurz aus. Nachdenklich stimmt, dass jegliche Kritik zurückgewiesen wird, da es "keine Bedenken" gibt. Aufgrund dieser Reaktionen wandte sich Seidler an die Jüdische Allgemeine, die am 21. Juli 2016 unter dem plakativen Titel "Hass an der Hochschule" [4] erstmals über die Vorwürfe öffentlich berichtete. Daraufhin verbreiteten zahlreiche regionale wie überregionale Medien die Nachricht. Aber erst als die Jerusalem Post die Vorwürfe wiederholte [5] und damit internationale Aufmerksamkeit hergestellt wurde, kam Bewegung in die Angelegenheit.


Die Präsidentin der HAWK Christiane Dienel nahm zu den Vorwürfen am 27. Juli öffentlich Stellung:

Kernpunkt der Kritik sind die dort [im Seminar] verwendeten Quellen, zu denen auch sehr israelkritische Materialien gehören. Ich habe daraufhin die Ethikkommission unserer Hochschule gebeten zu prüfen, ob diese, seit zehn Jahren an unserer Hochschule angebotene Lehrveranstaltung, gegen die Prinzipien wissenschaftlicher Lehre verstößt. Die Ethikkommission hat dies einstimmig verneint. Die kritisierten Quellen dienen im Seminar als Material zur kritischen Auseinandersetzung, sie sind selbstverständlich nicht Auffassung der Dozentin oder der Hochschule.

Christiane Dienel [6]

Aus Sicht des Präsidiums handelt es sich bei dem Material demnach um sehr "israelkritische" Unterlagen. Dienel beklagte, dass die Hinweise seitens der Hochschule in der Berichterstattung ignoriert würden, wonach das Seminar "nur in Kombination mit einem Seminar aus israelischer Sicht belegt werden kann, um so die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Positionen im Konflikt zu erlernen". Auch bedeute die Verwendung "israelkritischer Quellen" nicht, dass "sich Lehrende diese Positionen zu Eigen machen, wie es die Berichterstattung unterstellt".

Dienel hebt hervor: "Antisemitismus ist der Hochschule fremd" und ergänzt: "… hier wird unsere Hochschule und diese Lehrveranstaltung zum Austragungsort des Palästina-Konflikts gemacht, und in der Art der Berichterstattung wird uns keinerlei Chance gelassen. Ziel ist offenbar, mit allen Mitteln zu verhindern, dass unterschiedliche Sichtweisen zu diesem Konflikt an unserer Hochschule zu Wort kommen dürfen. Es soll mit moralischem Druck und dem völlig unberechtigten Vorwurf des Antisemitismus erzwungen werden, dass den Kritikern nicht genehme Inhalte an unserer Hochschule verbannt werden". Der letzte Satz ergibt natürlich gar keinen Sinn, denn schließlich dient das Material doch "zur kritischen Auseinandersetzung" oder sind die Materialien jetzt doch "nicht genehme Inhalte"?

Die Jerusalem Post erhöhte daraufhin den Druck und titelte mit "Das ist keine Universität, das ist eine Hass-Fabrik" [7], ein Zitat von Emmanuel Nahshon, dem Sprecher des israelischen Außenministeriums, der nicht gerade für seine zurückhaltende Art bekannt ist. Darüber hinaus wurde Abraham Cooper, der stellvertretende Leiter des in Los Angeles ansässigen Simon Wiesenthal Centers zitiert, dass diese extrem antisemitische und anti-israelische Veranstaltung sich nicht als Seminar an einer Universität präsentieren dürfe. Vor allem dieser Artikel entwickelte besondere Reichweite und wohl auch Wirkungsmächtigkeit.

Offenbar war für das Ministerium für Wissenschaft und Kultur die Situation zunehmend untragbar, so dass man sich entschied, im Einvernehmen mit der Hochschulleitung wie man betont, einen neuen Gutachter zu bestellen, der das Seminar untersuchen solle. Die Hochschule begrüßte [8] diese Entscheidung entsprechend. "Die Vorwürfe treffen uns hart, und wir sind überzeugt, dass sie ungerechtfertigt und unhaltbar sind", so die Präsidentin. "Die Hochschule wird der einzuberufenden, unabhängigen Expertenkommission alle gewünschten Möglichkeiten zur Einsichtnahme geben und die Arbeit der Expertenkommission in jeder Hinsicht unterstützen."

Doch Dienel legt in der Sendung Shabbat Shalom des NDR noch einmal nach und verteidigt die Inhalte [9] des Seminars. So sei der Antisemitismusvorwurf absolut abwegig, das Gutachten der Amadeu Antonio Stiftung sei "komplett unwissenschaftlich. Denn es versucht die Tendenz eines Seminars zu ermitteln, auf einer vollkommen unvollständigen Grundlage." Und auf die Kritik aus Israel weiß sie israelkritisch zu begegnen: "Hier geht es wirklich um das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit und um die Frage, wer darf in Deutschland bestimmen, was in deutschen Hochschulen gelehrt wird."

Mittlerweile hat die HAWK auch eine professionelle PR-Agentur eingeschaltet, um die Krisenkommunikation zu übernehmen. Die "Res Public Affairs. Corporate Affairs. GmbH" scheint vor allem in der Lokalpresse gute Arbeit geleistet zu haben. Norbert Mierzowsky von der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung (HAZ) hat sich von Beginn an klar auf Seiten der "Meinungsfreiheit" positioniert. In Unkenntnis des kritisierten Gegenstandes eine interessante Auslegung der Debatte.

Die unkritische und ungeprüfte Übernahme der Erklärungen der HAWK sind auch im weiteren Verlauf das Mittel der Wahl bei der HAZ. In einem Kommentar versteigt sich Mierzowsky dann zu der Behauptung, die Chancen für die HAWK stünden gut, das liege daran, "dass in diesem Staat die Meinungsfreiheit als Grundrecht geschützt wird. In diesem Fall in Hildesheim." Ein Argumentationsmuster, das noch häufiger zu hören sein wird. Als wäre Antisemitismus der Lackmustest der Meinungsfreiheit. Man wird ja noch sagen dürfen.

Aber damit das PR-Desaster vervollkommnet wird, teilt die Pressesprecherin auf Anfrage mit: "Bei der entfesselten öffentlichen Diskussion werden ganz überwiegend nur die verwendeten Materialien des Palästina-Seminars als Beleg für unseren angeblichen Antisemitismus herangezogen, was in etwa so wäre, als ob man einem Seminar des Zentrums für Antisemitismusforschung Antisemitismus vorwerfen würde, weil dort antisemitische Texte verwendet werden." Als würde es nicht mehr um ein Seminar "Zur sozialen Lage der Jugendlichen in Palästina" gehen, sondern um Antisemitismusforschung. Absurder kann man die Realität kaum verzerren.


Offensichtlich gibt es immer noch Schwierigkeiten beim Erkennen von Antisemitismus. In der Vorstellung vieler Menschen existiert ausschließlich der klassische Antisemitismus, wie er sich vor allem im Nationalsozialismus gezeigt hat, also ein rassistischer Antisemitismus. Wenn man lediglich diese, heute kaum noch verbreitete, Form im Kopf hat, wird man tatsächlich auch wenig Antisemitismus entdecken, bzw. dann ständig eine Antisemitismuskeule und einen Maulkorb herbeiphantasieren, wenn sekundärer Antisemitismus oder israelbezogener Antisemitismus in Form des Antizionismus gemeint sind.

Im modernen Sprachgebrauch meint der Begriff Antisemitismus, die Gesamtheit judenfeindlicher Äußerungen, Tendenzen, Ressentiments, Haltungen und Handlungen unabhängig von ihren religiösen, rassistischen, sozialen oder sonstigen Motiven.

Wolfgang Benz

Wolfgang Benz macht vier Grundphänomene des Antisemitismus aus:

Erstens der christliche Antijudaismus, die religiös motivierte, aber auch kulturell, sozial und ökonomisch determinierte Form des Ressentiments gegen Juden vom Mittelalter bis zur Neuzeit. Zweitens der scheinbar wissenschaftlich, anthropologisch und biologistisch argumentierende Rassenantisemitismus, der im 19. Jahrhundert entstand und im Holocaust mündete. Die dritte Version des Vorbehalts, Judenfeindschaft nach dem Holocaust, ist aktuell. […] Dieses, das dritte, Phänomen der Judenfeindschaft, speist sich aus Gefühlen der Scham und Schuldabwehr: Nicht trotz, sondern wegen Auschwitz werden Ressentiments gegen Juden mobilisiert.

Wolfgang Benz

Das vierte Phänomen ist der Antizionismus. "Diese vier Grundphänomene - religiöser Antijudaismus, Rassenantisemitismus, sekundärer Antisemitismus und Antizionismus - bilden den Rahmen aller Betrachtung von Judenfeindschaft.

Und Benz ergänzt: "Nicht alles ist Antisemitismus, was als verbale Entgleisung, als unsensibles Verhalten, als Taktlosigkeit, als Ahnungslosigkeit gegenüber jüdischen Empfindungen und Empfindsamkeiten daher kommt. Aber vieles ist nicht so harmlos, wie es erscheinen soll."

Der sekundäre Antisemitismus wendet sich gegen "eine kritische Reflexion der Vergangenheit und die "Moralkeule" Auschwitz". Die "Paulskirchen-Rede" von Martin Walser kann hier exemplarisch herangezogen werden. Die Tabubrecher inszenieren sich als Kämpfer für die Meinungsfreiheit. Der sekundäre Antisemitismus sieht die "Juden als unangenehme Mahner und Erinnerer an die Verbrechen des NS […], die einer "Normalisierung" Deutschlands im Weg stünden und daher das "positive Nationalbewusstsein" stören".

Der Antisemitismus, der unter dem Deckmantel des Antizionismus bzw. der Israelkritik daher kommt, steht hier im Mittelpunkt. Samuel Salzborn nennt die Kernbestandteile des antizionistischen Antisemitismus [10], wie sie in der Arbeitsdefinition der Europäischen Union genannt sind:

Dieser Minimalkonsens wurde von Natan Sharansky zum so genannten 3-D-Test für Antisemitismus [11] vereinfacht, denn "der neue Antisemitismus ist viel subtiler. Während man den klassischen Antisemitismus als gegen die jüdische Religion oder das jüdische Volk gerichtet sieht, zielt der neue Antisemitismus angeblich gegen den jüdischen Staat. Da dieser Antisemitismus sich hinter der Fassade legitimer Israelkritik verstecken kann, ist er viel schwieriger aufzudecken."

Das erste D steht für Dämonisierung. Damit sind zum Beispiel "die Vergleiche von Israelis mit Nazis und der palästinensischen Flüchtlingslager mit Auschwitz" gemeint. Das zweite D ist der Test auf Doppelstandards. "Mit anderen Worten, erzeugt ähnliche Politik anderer Regierungen die gleiche Kritik, oder wird hier ein doppelter Standard eingesetzt?" Im hier diskutierten Zusammenhang wäre die Frage, ob z.B. der palästinensische Terror gleich energisch verdammt wird. Und das dritte D bezieht sich auf Delegitimierung. "Während die Kritik an israelischer Politik nicht antisemitisch sein muss, ist es immer antisemitisch, wenn das Existenzrecht Israels angezweifelt wird. Wenn andere Völker das Recht darauf haben, sicher in ihrem Heimatland zu leben, dann haben auch die jüdischen Menschen ein Recht darauf, sicher in ihrem Heimatland zu leben."

Der 3-D-Test ist kein wissenschaftlicher Test, sondern soll eine Richtung anzeigen helfen. Wäre das Seminarmaterial daraufhin geprüft worden, und wären einige der "Ds" aufgefallen, hätte eine tiefergehende Auseinandersetzung stattfinden müssen. Doch Monika Schwarz-Friesel warnt: "Obgleich die Wissenschaft relativ klar Auskunft darüber geben kann, ob eine Äußerung als antisemitisch einzustufen ist, verhallen ihre Erkenntnisse weitgehend ungehört. Weiterhin wird bei jedem "sprachlichen Delikt" nach einer Ausrede oder Umdeutung gesucht, gerieren sich Sprachproduzenten oft als Opfer einer angeblichen "Antisemitismus-Keule".


Im Kern dreht sich vieles um das Seminarmaterial, auch wenn die Hochschule darauf verweist, dass man anhand des Materials keine Rückschlüsse auf die Inhalte des Seminars ziehen könne und das Seminar eingebettet sei in ein Modul mit 12 Veranstaltungen und einem neuerdings verpflichtend zu belegenden Parallelseminar.

Bedeutet das dann auch, dass mögliche Studienabbrecher leider damit leben müssen, nur den "antisemitischen" Teil mitbekommen zu haben? Muss man in Geschichtsseminaren mit nationalsozialistischer Ideologie indoktriniert werden, um verschiedene Perspektiven der NS-Diktatur kennen zu lernen? Die Argumentation der HAWK steht hier auf dünnem Boden.

Und selbstverständlich kann man Dokumente heranziehen, um sie zu interpretieren. Das ist eine anerkannte Methode der empirischen Sozialforschung und nennt sich Artefakt- bzw. Dokumentenanalyse. Das sollte die studierte Historikerin Dienel durchaus wissen. Gelten Dokumente doch als "Objektivationen (Vergegenständlichungen) der Psyche des Urhebers". Ergänzt man dies mit der Erkenntnis, dass bei der Erhebung des Materials "die Subjektivität des Forschers" hereinspielt, lässt sich sehr wohl einiges zum verwendeten Material und zur Absicht der Auswahl sagen.

Mit der Analyse der verwendeten Materialien allein wird man allerdings keine "Wahrheiten" produzieren, sondern lediglich Hinweise liefern, die mit anderen Informationen ergänzt werden müssen. Aus den zahlreichen zusammentragbaren Informationen entsteht am Ende aber bestenfalls ein Gesamtbild, das durchaus zu einer realitätsangemessenen Einschätzung führen kann.

Telepolis liegen Seminarmaterialien aus verschiedenen Jahren vor, die von 2008 bis 2015 reichen. Vornehmlich handelt es sich jedoch um das Seminarmaterial des Sommersemesters 2015. Dazu gehört auch ein Teil des Seminarplans, der auf die Ausrichtung der jeweiligen Sitzungen hindeuten sollte.

So war am 22. Mai 2015 die "Nakba" Thema, also "die palästinensische Katastrophe" wie Flucht und Vertreibung von etwa 750.000 Palästinensern nach der Niederlage im arabisch-israelischen Krieg seitens der Palästinenser genannt werden. Im Plan steht: ""Die Gründungsväter des Staates Israels gingen über Leichen." Einer sagt es: Ilan Pappé, israelischer Historiker und Autor vieler kritischer Bücher zum israelisch-palästinensischen Konflikt, beschreibt und belegt in seinem neusten Buch, was jedem Palästinenser als die "Nakba", die Katastrophe, in schmerzlichem Bewusstsein ist: die systematische Vertreibung von einer Dreiviertel Million Palästinenser aus dem heutigen Gebiet Israels, etwa die Hälfte der damaligen palästinensischen ansässigen Gesamtbevölkerung."

"Einer sagt es", ist nicht gerade die Formulierung distanzierter, kritischer Auseinandersetzung mit dem Material, wie es die HAWK behauptet. Vielmehr wird hier bereits angedeutet, dass es ein Verbot gibt, Israel zu kritisieren und nur Ilan Pappe sich traut, mutig die Wahrheit auszusprechen. Bereits im Seminarplan finden sich also antisemitische Ressentiments. Dabei gehört Ilan Pappe zu den sogenannten Neuen Historikern in Israel, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Gründungsmythos Israels als solchen zu entlarven. Von einem Mangel an "Israelkritik" kann bei den Neuen Historikern ganz sicher nicht gesprochen werden und von einem, der es wagt, etwas zu sagen, sicherlich auch nicht. Unerwähnt bleibt im Seminartext ebenfalls, dass genauso viele Juden aus arabischen Gebieten infolge des Krieges vertrieben wurden.

Am 5. und am 12. Juni 2015 sind die Checkpoints und "die Mauer" Thema des Seminars. Ibtissam Köhler schreibt: "Die gesamte israelische Öffentlichkeit ist für die Trennmauer. Sie weiß gar nicht, was sie da unterstützt. Man muss sich an Ort und Stelle begeben, um all die Folgen dieses Projekts zu verstehen. Diese Mauer hat nichts mit Sicherheit zu tun. Sie wird der israelischen Öffentlichkeit als so genannter \"Sicherheitszaun\" verkauft. Das Land der Palästinenser wird zu einer Insel, die nur von israelischem Gebiet umgeben ist. Diese Schandmauer ist nicht nur ein Instrument der Regierung, um Palästinenser zu enteignen, nicht nur ein Instrument des Terrors, das als Verteidigung gegen den Terrorismus getarnt ist, und nicht nur ein Instrument der Siedler, das als Sicherheitsmaßnahme ausgegeben wird."

Hierbei handelt es sich nicht um die Wiedergabe einer Sichtweise, die es im Seminar zu reflektieren gilt, sondern um die Beschreibung des Sitzungsthemas. Wie die Ethikkommission hier keine Bedenken haben kann, ist erstaunlich. Die Mauer scheint demnach auch seitens der Ethikkommission als Terrorinstrument des Staates Israel verstanden zu werden und hat offensichtlich nichts mit den Selbstmordanschlägen palästinensischer "Märtyrer" zu tun. Auch ist "die Mauer" zu einem großen Teil eben genau nicht "eine Mauer", sondern eine Sperranalage, ein Metallzaun mit Gräben. Das allerdings ist natürlich weitaus unspektakulärer als die betonverstärkten Abschnitte. An dieser Sicherheitsanlage gäbe es sicherlich genug zu kritisieren, dass es sich um ein Terrorinstrument handelt, ist hingegen antiisraelische Propaganda.

Köhler schreibt über die Checkpoints: "Die Palästinenser müssen lange Warteschlangen an den israelischen Kontrollpunkten auf sich nehmen, wobei selbst Alte, Kranke, Studenten, Geistliche stundenlang zurückgehalten und gedemütigt werden. Die Folgen: Tod - Kranke (z.B. Dialyse-patienten) werden nicht rechtzeitig behandelt und sterben, Kinder werden am Straßenrand geboren und sterben."

"Wenn die Rede davon ist, dass Israel mit dem Abwehrzaun gegen palästinensisches Territorium "das größte KZ der Welt" errichte, wenn das Schicksal schwangerer Frauen beklagt wird, die bei stundenlangen Grenzkontrollen des israelischen Militärs leiden müssen, wenn die Wahrnehmung auf das individuelle Leid palästinensischer Familien reduziert, der Terror palästinensischer Guerillas und Selbstmordattentäter gegen ebenso unschuldige israelische Familien in den Straßen von Tel Aviv oder Jerusalem ausgeblendet wird, dann ist die Vermutung einseitiger Parteinahme wohl berechtigt," so Wolfgang Benz in dem Klassiker "Was ist Antisemitismus?"

Auch alle weiteren Sitzungsbeschreibungen zeugen nicht im Geringsten davon, dass es im Seminar darum gehen würde, das Material kritisch zu hinterfragen. Vielmehr deutet der Seminarplan unmissverständlich an, dass der Lehrbeauftragten die nötige wissenschaftliche Distanz zum Gegenstand fehlt.

Das Seminarmaterial selbst, Telepolis liegen über 80 Dateien vor, reicht von Zeitungsartikeln über Flyer bis hin zu Webseiten und Blogbeiträgen. Von den 82 Dateien stammen 16 von der Webseite "Palästina Portal". Zehn sind dem "Schulmaterial" des "Deutsch-Palästinensischen Frauenvereins" [12] entnommen. Sechs weitere stammen von Pro-Palästinensischen Webseiten wie www.filastin.at [13] oder dem International Solidarity Movement. Bei etwa 45 Dateien fehlen die Quellenangaben und auch nach Recherche bleibt die Herkunft von etwa 30 Dateien vollkommen unklar. Quellenangaben gibt es hingegen bei den seriösen Medien wie Haaretz, Frankfurter Rundschau oder Spiegel.

Alle Dateien sind ausnahmslos unwissenschaftlich. Es findet sich keine wissenschaftliche Literatur, keine Journalbeiträge, nichts was den Stand der Forschung widergeben würde. Prinzipiell wäre es sicherlich legitim, auch einseitiges und sogar israelfeindliches Material zu verwenden, so es denn als solches eingeordnet, kritisiert und reflektiert wird. Dazu bedürfte es aber richtigstellender Literatur. Die fehlt aber vollständig. Die Behauptung der HAWK, die Dozentin hätte sich die Meinung und Perspektive des Materials nicht zu eigen gemacht und das Material hätte lediglich als Ausgangspunkt der kritischen Diskussion gedient, kann angesichts der fehlenden korrigierenden Perspektive in den Unterlagen in den Bereich der Rechtfertigungen verabschiedet werden.

Selbstverständlich sind nicht alle Dateien antisemitisch und auch nicht israelfeindlich. Gerade die Zeitungsartikel beschäftigen sich teils mit legitimer Kritik israelischer (Militär)Politik. Was im Übrigen den absurden Maulkorb-Behauptungen zuwider läuft. Allerdings sind das auch nur 14 Artikel. Die überwiegende Mehrzahl stammt aus weitaus weniger seriösen Quellen, was unter anderem in dem verschwörungsideologischen rechten Blog "Schall und Rauch" kulminiert.

Antisemitisch wird es dann, wenn Ludwig Watzal herangezogen wird mit "Berühmte jüdische Persönlichkeiten haben gesagt". Watzal, der immer wieder beim antisemitischen Querfront-Magazin Compact [14] als Autor tätig ist, hat eine dubiose Zitatensammlung zusammengestellt, die nicht ansatzweise verifizierbar ist, da auch sie komplett ohne Quellenangaben daher kommt. Auch sind die meisten Zitate nicht recherchierbar. Welche Funktion soll diese Sammlung für das Seminar erfüllen? Welches Lernziel mag damit erreicht werden?

Das fragt man sich auch bei den drei Gedichten von Erich Fried. In "Bezwinger der Wüste" weiß Fried den antisemitischen Turn lyrisch zu verpacken: "Bevor die Juden die Wüste bezwingen können müssen sie hier die Wüste erst selber machen." In "Freiheit und Selbstbestimmung für die Palästinenser" wird der antisemitische Topos noch erweitert: "Die Juden sind aufgerufen, sich laut gegen die Verbrechen zu wenden, die in ihrer aller Namen begangen werden." Und der Terror müsse aufhören. Selbstverständlich meint Fried den Terror der Juden. Nicht den der Israelis und ganz sicher auch nicht den der Islamisten der Hamas. Und in "Die Abwesend-Anwesenden" wird dann noch die Gleichsetzung mit dem Naziregime vollzogen. Was können junge Studierende über die soziale Lage der Jugendlichen in Palästina aus Gedichten von Erich Fried lernen?

In "Der Zionismus und Theodor Herzls Judenstaat", einer Zusammenstellung von Abschnitten aus Karen Armstrongs "Jerusalem - Die heilige Stadt", findet sich die bedenkenswerte Stelle: "Während der Periode des britischen Mandats gelang es den Zionisten, sich im Land festzusetzen und einen jüdischen Staat zu bilden. Jerusalem behielt seine religiöse und strategische Bedeutung, und sowohl Juden wie Araber und die internationale Gemeinschaft wetteiferten um den Besitz der Stadt. 1967 war es schließlich soweit; dank militärischer und diplomatischer Manöver wurde Jerusalem die Hauptstadt des jüdischen Staates Israel." Eine pejorative Beschreibung von Juden, die zugleich die Realität des Sechs-Tage-Krieges ignoriert.

Am Ende ihrer Rezension zu Ilan Pappes "Ethnische Säuberung" fragt sich Viktoria Waltz, "ob dieser schleichende Genozid an den Palästinensern je aufgehört hat." Und der Leser fragt sich, was diese Rezension in einem Hochschulseminar zu suchen hat. Zumal sich Waltz auf ihrer Webseite alle Mühe gibt, antiisraelische Ressentiments [15] zu bedienen.

Unter dem Titel "40 Jahre Entrechtung, Landraub, Vertreibung" wird ein Flyer verschiedener Pro-Palästinensischer Organisationen in das Seminar eingebracht. Darauf befinden sich mittlerweile recht berühmte Landkarten, die den "Verlust palästinensischen Landes 1946 - 2000" darstellen sollen. Problem ist nur, dass es sich bei den Landkarten um antiisraelische Propaganda handelt, wie in den Artikeln "Ein Poker mit falschen Karten" [16] oder "Antizionistischer Kartentrick" [17] erläutert wird. Das wiederum wird im gesamten Unterrichtsmaterial nicht richtig gestellt.

Die im Seminarmaterial befindlichen Landkarten sind eine Fälschung und dienen lediglich antiisraelischer Propaganda.

Unter dem Titel "Nurit Peled-Elhanan über Kinder, Bildung, Rassismus und Mord" erfahren die Seminarteilnehmer folgendes: "Ich möchte meine Worte der Erinnerung an die palästinensischen Kindern widmen, die regelmäßig kaltblütig ermordet werden, nicht wegen eines menschlichen Fehlers und nicht wegen technischer Irrtümer, wie das in den Medien unterstellt wird, sondern in Erfüllung korrekter Verfahren, Kinder, für deren systematische routinemäßige Ermordung niemand schuldig gesprochen wurde." Die Ritualmordlegende im neuen Gewand.

Die Rufe "Kindermörder Israel", die auf verschiedenen Demonstrationen immer wieder zu hören sind, werden so an der HAWK, durch den Rahmen Hochschule, wissenschaftlich geadelt. Damit nicht genug. "Die Kinder in Israel werden innerhalb einer unnachgiebig rassistischen Weltanschauung erzogen. Die rassistische Weltanschauung stoppt nicht an den Checkpoints, sondern regiert alle menschlichen Beziehungen in diesem Land." Nicht nur, dass Juden palästinensische Kinder systematisch ermorden, alle Juden sind auch noch Rassisten.

Die Präsidentin der HAWK fasst [18] beim NDR zusammen: "Wir konnten sehen, dass diese Lehrveranstaltung zwar durchaus Positionen vermittelt, die sagen wir mal kritisch zur Politik Israels in den besetzten Gebieten sind und das unter der Thematik der Menschenrechte, dass aber der Antisemitismusvorwurf absolut abwegig ist."

Bei "Zahlen und Fakten zu palästinensischen Flüchtlingen" wird ein Flyer der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft verwendet, so als gäbe es keine seriösen Quellen. Die Quellen sind auch das große Problem, das die HAWK noch zu erklären haben wird. Zum Beispiel welche Rolle das Palästina Portal bei der Materialauswahl gespielt hat.

Das Palästina Portal, betrieben von Erhard Arendt, hat weder etwas mit Wissenschaftlichkeit zu tun, noch mit der Binnenperspektive von Palästinensern. Vielmehr ist es ein pro-palästinensisches Portal mit obsessiver antiisraelischer Hetze und antisemitischer Propaganda. So müsse das Verhalten des israelischen Besatzungsregimes erklärt werden durch "Böses, einfach Böses, sadistisches Böses".

Zu den Vorgängen an der HAWK, hat man selbstverständlich auch eine Meinung: "Wie die Israel-Lobby die Freiheit der Wissenschaft bekämpft." Damit nicht genug hat man sogleich eine "Sonderseite" [19] eingerichtet, um über die "Jagdaktion gegen die Palästinenserin Ibtissam Köhler" aufzuklären. Unter einer "Jagdaktion" der "Israel-Lobby" macht man es beim Palästina Portal nicht. Es ist der Duktus der Verleumdung und der Duktus radikalen Fanatismus, der keine Differenzen kennt. Es ist die Seite, von der Köhler einen großen Teil ihres Seminarmaterials bezogen hat bzw. die einzige Seite, die dieses Material noch vorhält.

Die "Hauptakteure dieser Jagdgesellschaft" sind laut Arendt unter anderem das "Simon-Wiesenthal Center, der Zentralrat der Juden in Deutschland", "die israelische Botschaft" oder die "Amadeu-Antonio-Stiftung mit einer fragwürdigen Annett Kahane (Ex-Stasi-Spitzel)", eine Formulierung, die man ansonsten eher bei besorgten Bürgern und Rechtsextremisten liest. Der "Israel-Lobby" wird auf dem Portal viel Aufmerksamkeit gewidmet. Es wird geraunt von Jagdaktionen, die an die Stasi oder Nazis erinnern, es werden anti-israelische und antisemitische Bilder bemüht, mit dem immer gleichen symbolischen Gehalt. Die Juden sind mächtig und können alle anderen mit der Antisemitismuskeule zum Schweigen bringen. Natürlich nur nicht das Palästina Portal, ein wehrhaftes Dorf gibt es ja immer.

Das Palästina Portal strotzt vor antiisraelischer und antisemitischer Propaganda.

Es finden sich Seiten mit umfangreichen Dossiers der "falschen Freunde Israels", die teils mit Bildkollagen entwürdigt werden sollen. Arn Strohmeyer meint auf dem Portal, ohne Kenntnis der Sachlage, einen langen Kommentar [20] schreiben zu müssen. "Man kennt das inquisitorische Vorgehensmuster der Zionisten und der Israel-Lobby seit Jahren: jeden Hauch von Kritik an der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern mit dem Totschlagargument des Antisemitismus-Vorwurfes zu unterbinden."

Kennt Strohmeyer das Seminarmaterial? Oder will er einfach per Ferndiagnose nur antisemitische Ressentiments bedienen? Da befindet er sich allerdings in guter Gesellschaft. Evelin Hecht-Galinski, in der Selbstbeschreibung "Tochter von…", ist ebenfalls der Meinung ohne jegliche Kenntnis der Sachlage auf dem dezidiert "antizionistischen" Onlineportal "Neue Rheinische Zeitung" kommentieren [21] zu müssen. Dabei dient ihr der aktuelle Fall an der HAWK lediglich als Aufhänger, um die immer gleichen Tiraden los zu werden und gleichzeitig pejorativ zu urteilen.

Hecht-Galinski, die keine Berührungsängste mit Antisemiten hat, solange ihre Botschaft vom völkermordenden Israel Verbreitung findet, kennt das Seminarmaterial nicht, weiß aber, dass es niemals antisemitisch sein kann. Denn in der Welt der Arendt, Strohmeyers und Hecht-Galinskis gibt es keine Antisemiten mehr, sondern nur noch mutige Israelkritiker.

Die mächtige, gewalttätige US-Israel-Lobby bringt alle zum Schweigen, denn Israelkritik ist laut Palästina Portal nicht erlaubt.

So kann Strohmeyer verkünden: "Der Fall an der HAWK ist nach vielen anderen ähnlichen Vorfällen ein Musterbeispiel dafür, dass hier der Anti-Antisemitismus politisch missbraucht und ideologisch instrumentalisiert wird. Der ganze Skandal, der sich permanent wiederholt, hat - genau betrachtet - zwei Seiten: einmal die Israels sowie seiner zionistischen Anhänger und andererseits die der Deutschen, die dieses Spiel zumeist brav und devot mitmachen und nicht den Mut haben, sich unter Berufung auf die eigene Verfassung mit Zivilcourage gegen solchen unverfrorenen Druck zu wehren."

Leider ist Strohmeyer gar nicht in der Lage, irgendetwas zu dem Fall an der HAWK beizutragen, weil er ganz offensichtlich überhaupt nichts darüber weiß. Das spielt aber auch gar keine Rolle bei seiner von Küchentischpsychologie triefenden "Analyse". Der konkrete Fall ist ihm egal. Ebenso wie ihm das Schicksal von Köhler oder der HAWK vollkommen egal ist. Ihm geht es ausschließlich darum, einen neuen Aufhänger zu haben, um seine antiisraelischen und antisemitischen Vorstellungen an seine Leserschaft zu bringen.

Mut zur Wahrheit ist wohl nicht nur der Schlachtruf am rechten Rand der Gesellschaft, sondern auch bei den tapferen Deutschen, die sich trauen, gegen die "Israel-Lobby" zu bestehen. Dabei ist kaum etwas absurder als der von überzeugten Antisemiten immer wieder wiederholte verschwörerische Vorwurf, man dürfe ja nichts gegen Israel sagen. Die Linguistin Monika Schwarz-Friesel von der TU Berlin erklärt in der Zeit: "Die Medien kritisieren kaum ein Land so oft wie Israel" [22]. Das hingegen ficht einen Strohmeyer oder Arendt nicht an.

Die allmächtigen Juden, bringen die Welt zum Schweigen. Beim Palästina Portal weiß man, wer der Feind ist.

"Politisch gesehen bedeutet das, was auch Ilan Pappe schon vor Jahren beschrieben hat: Wenn Israel wirklich dazu bereit wäre, sein so schwer mit Verbrechen belastetes Verhältnis zu den Palästinensern aufzuarbeiten (von 1948 an und schon davor!), dann würde es die zionistischen Gründungsmythen und damit die Grundlagen des Staates Israel in Frage stellen - mit dem Ergebnis, dass die Palästinenser und nicht die Israelis in diesem Konflikt die wirklichen Opfer sind."

Genau darum geht es. Es geht um die Deutungshoheit, wer Opfer ist und wer Täter. Und das beschreibt auch ziemlich präzise die Auswahl des Materials, das Köhler verwendet hat. Beim Palästina Portal ist die Welt einfach strukturiert. Da gibt es gute und böse Menschen. Und die kann man sogar nach Religion und Staatsangehörigkeit trennen. Wer dort nach Material für ein Hochschulseminar sucht, wird genau das bekommen, wofür das Portal steht, einseitige antiisraelische Propaganda, die nicht selten in überraschend plumpen Antisemitismus daher kommt.

Die friedliebenden Palästinenser werden laut Palästina Portal von den hinterhältigen Juden in den Rücken geschossen: "Das sadistische Böse".

Das im Seminar verwendete Material dient ausschließlich dem Zweck, Israel und häufig auch verallgemeinernd "die Juden" zu dämonisieren und Israel zu delegetimieren. Dabei hat ein Großteil des Materials keinen Bezug zum Seminarthema.

Völlig ausgeblendet wird die Rolle der Palästinenser. Haben Hamas, PLO und Fatah keinen Einfluss auf die soziale Lage der Jugendlichen in Palästina? Warum gibt es dazu kein Seminarmaterial? Welchen Beitrag zur sozialen Lage leistet der Islam? Wie sieht es mit den Menschenrechten in den von der Hamas kontrollierten Gebieten aus? Alles Fragen, die die Seminarteilnehmer niemals beantwortet bekommen. Und die Ethikkommission sowie die Hochschulführung sehen hier keine Bedenken.


Christopher Lodders hat das inkriminierte Seminar gleich zweimal besucht. Der Sozialpädagoge, der für seine herausragenden Leistungen im Studium von der HAWK mit einem Landesstipendium belohnt wurde, nahm im Sommersemester 2010 und im Wintersemester 2010/2011 an der Veranstaltung teil. Sein Urteil will so gar nicht zu den Stellungnahmen der HAWK passen:

Ich habe dieses Seminar besucht, sogar zweimal. Das Seminar war antisemitisch, antizionistisch, unreflektiert, distanzlos, unwissenschaftlich und emotional belastet. Der Dozentin war es nicht möglich eine kritische, möglichst objektive Wissensvermittlung zu gewährleisten oder gar eine Diskussion zuzulassen. Als Studienleistung sollte ich beispielsweise ein Referat über die Foltermethoden der Israelis darstellen. Als ich Foltermethoden beider Seiten darstellte, wurde sie laut und hat die Leistung vorzeitig abgebrochen.

Ich denke so ein Seminar mit diesen Inhalten hat an einer Hochschule und generell nirgends etwas zu suchen. Es propagiert eindeutig ein israelfeindliches, antisemitisches Bild.

Christopher Lodders

Lodders und weitere Studierende beschwerten sich damals beim Dekanat. Die "grundsätzliche Taktik der Fakultät" war jedoch "ignorieren oder abwimmeln", so der Sozialpädagoge. Auch die Behauptung, die Seminare "Zur sozialen Lage der Jugendlichen in Palästina" und das damals empfohlene Parallelseminar "Jüdisches Leben in Deutschland und Israel" würden, als Einheit betrachtet, ein kritisches Bild aus unterschiedlichen Perspektiven herstellen, hält Lodders für Unsinn. "Die Seminare haben komplett unterschiedliche Grundlagen."

Ebenso war es nicht verpflichtend, beide Seminare gleichzeitig zu belegen, diese Forderung gab es erst später und selbst dann wurde diese nicht konsequent umgesetzt. Außerdem wurde beim Seminar "Jüdisches Leben" der Nahostkonflikt beispielsweise "überhaupt nur in einer einzigen Seminarsitzung" thematisiert, wie Alan Posener berichtet [23].

Und auch der Behauptung der HAWK, der "Organraub" sei in den Seminaren von Köhler kein Thema gewesen, widerspricht Lodders. "Das Thema wurde behandelt im Kontext, was die Israelis den Palästinensern alles antun, was Deutschland zulässt oder auch die EU. Ich kann grundsätzlich sagen, dass vieles thematisiert wurde, es aber bloße Behauptungen waren ohne Beweise, Argumente, inhaltliche Tiefe. Es waren bloße Erwähnungen und eine ständige Wiederholung. Höchstens mal unterlegt mit fragwürdigen Bildern oder auch Texten."

Lodders zeigt dann noch, dass es auch anders geht. "Ich möchte jedoch nicht behaupten, dass die Dozentin per se eine Antisemitin ist. Sie stammt aus Palästina und ist somit natürlich emotional voreingenommen. Man kann das auch positiv sehen, da sie weiß, wovon sie redet, wenn denn eine kritische und reflexive Auseinandersetzung stattgefunden hätte."

Kritik kam aber nicht nur vereinzelt von Studierenden, die sich ans Dekanat wandten. Gegen Ende eines jeden Semesters werden Lehrevaluationen der Veranstaltungen ausgeteilt und die Studierenden geben Bewertungen der besuchten Seminare ab. Im Falle der Seminare von Ibtissam Köhler wurde immer wieder auf die "mangelnde Wissenschaftlichkeit im Seminar" hingewiesen, wie aus dem Dekanatsumfeld zu hören ist.

Damit nicht genug hat auch die Sozialpädagogin Hemda Bottenberg, die bis zu ihrer Erkrankung das Seminar zum jüdischen Leben in Deutschland und Israel abhielt, immer wieder gegen das Seminar von Köhler protestiert, wie aus einem Artikel [24] der Welt hervorgeht. Bottenberg wurde beständig von Köhler angegangen und regelrecht angefeindet. Sie sei eine Agentin des Mossad, wie alle Israelis in Deutschland, sei ihr von Köhler vorgeworfen wurden, heißt es aus ihrem privaten Umfeld.

Die ständigen Auseinandersetzungen hätten ihr dermaßen zugesetzt, dass die HAWK sie psychisch krank gemacht habe. Beschwerden bei der Dekanin Paulini wurden abgeschmettert. Präsidium und Dekanat taten diesen Protest als "Streit unter Frauen" ab. Wie viele Hinweise benötigt eine Hochschulleitung, um Kritik ernst zu nehmen? Wie viel Ignoranz kann sich die Führungsebene einer staatlichen Hochschule leisten?


Antijudaisten/Antisemiten wollen - im doppelten Sinne des Wortes - "überzeugen", indem sie durch - vorgebliche - "Sachinformationen" den "Wissensstand" ihrer Leser/Hörer verbessern, und die wollen "überreden", indem sie starke Emotionen auslösen. Durch Appelle an Verstand und Gefühle versuchen sie Einfluß auf Einstellungen und Meinungen zu nehmen. Dabei sind die Faktoren "Gefühl" und "Stimmung", wie Individual- und Sozialpsychologie nachgewiesen haben, besonders geeignet, eine Veränderung (bzw. Verfestigung) von Einstellungen, Werturteilen und Verhaltensweisen zu bewirken.

Unabhängig davon, ob antijüdische Texte und Textzusammenhänge durch die Darstellungsart "Argumentieren" (wie pseudowissenschaftliche Abhandlungen), "Erzählen" (wie die sog. Ritualmordlegenden) oder "Beschreiben" (wie abwertende Brauchtumsschilderungen) dominiert werden, ob es sich um schriftliche oder mündliche Rede handelt, ob in Texten "die Juden" primär thematisiert sind oder ob Passagen (z.B. in Predigten oder in Romanen) historische "Judenbilder" nur "nebenbei" vermitteln - alle sind sie insofern persuasiv orientiert, als sie die Adressaten in bestimmter Weise beeinflussen wollen und auf Konsens zwischen Schreiber/Sprecher und Leser/Zuhörer zielen.

Nicoline Hortzitz

Was Nicoline Hortzitz in "Die Sprache der Judenfeindschaft" schreibt, scheint eine präzise Darstellung von Sinn und Zweck des Seminars "Zur sozialen Lage der Jugendlichen in Palästina" zu sein. Die gesamte Materialauswahl zielt darauf ab, Gefühle gegen Juden zu schüren. Es geht nicht um Wissensvermittlung, es geht nicht um kontroverse, kritische Diskussionen, sondern es geht um die Manipulation von Einstellungen junger Studierender.

Besonders deutlich wird dies an den aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten, die komplett ohne Kontext aneinandergereiht werden. Die Zitate haben so keinerlei erklärungswert. Auch die Gedichte von Erich Fried können nicht der Wissensvermittlung dienen. Der einzige Sinn besteht darin "berühmte Persönlichkeiten", am besten noch Juden, als Kronzeugen heranzuziehen. Verbunden mit Bildpräsentationen und subjektiven Leidensgeschichten, mit Horrorvisionen des "Organraubs" und monströsen Geschichten einer "entmenschlichten Gesellschaft" sollen so negative Gefühle gegen Juden entfacht werden. Es geht nicht darum Inhalte zu vermitteln, geschweige denn kontrovers und kritisch zu diskutieren, sondern es geht darum zu überzeugen, zu überreden, zu beeinflussen und letztlich zu vereinnahmen.

Das Seminar ist nicht in jedem einzelnen Detail antisemitisch. Es reicht von Mainstream-Israelkritik bekannter Tageszeitungen über israelfeindliche Positionen von politischen Organisationen hin zu antisemitischen Stereotypen und Ressentiments von obskuren Webseiten. Es ist das Gesamtbild, dass aus einem Hochschulseminar "Zur sozialen Lage Jugendlicher in Palästina" ein Seminar macht, das antiisraelische und teils antisemitische Bilder vermittelt. Klassisch könnte man auch sagen, hier werden die "Gerüchte über Juden" gestreut.

Der extreme Anti-Israelismus, der heute die vorherrschende Manifestationsvariante für antisemitische Vorurteilsbekundung ist, hat nichts mit Israel-Kritik gemein. Anti-Israelismus ist eine feindselige Einstellung gegenüber dem jüdischen Staat und einfach nur destruktiv. Mit geradezu verbissenem Eifer wird Israel verteufelt und verdammt, diffamiert und stigmatisiert.

Legitime und konstruktive Kritik an israelischer Politik, wie sie verantwortungsbewusst oft genug vorgetragen wird, artikuliert sich ohne Dämonisierung und grob einseitige Schuldzuweisungen. Anti-Israelismus zeichnet sich hingegen dadurch aus, dass Israel maßlos übertrieben als Verbrecher- und Apartheidstaat diffamiert und seine Militäraktionen nicht mit normalen Standards bewertet werden.

Monika Schwarz Friesel

Mittlerweile hat die HAWK das Seminarkonzept überarbeiten lassen. Das "Palästina-Seminar" wird es in der bisherigen Form nicht mehr geben. Gegenüber dem Hildesheimer "Kehrwieder" räumt [25] Dienel ein: "Es war nicht das wissenschaftlichste unserer Seminare." Und auch in der HAZ stellt Dienel nun fest, dass nach Sichtung des Seminarkonzepts die Wissenschaftlichkeit als mangelhaft zu bewerten sei.

Als Grund für die Neugestaltung werden allerdings nicht die Kritik und die damit verbundene Überprüfung der Materialien angegeben, sondern der Selbstschutz. "Hier verweist Studiendekanin Prof. Dr. Anna Friedrich auf Drohungen aus unterschiedlichsten Quellen", wie es in der entsprechenden Pressemitteilung heißt. Drohungen wird es gegeben haben, ebenso wie der Zentralrat der Juden, die Journalisten, die sich in diesem Fall positioniert haben, Rebecca Seidler und viele andere mit Beleidigungen und Drohungen überzogen werden.

Antisemitismus ist eben kein rein sprachliches Phänomen, sondern in seiner letzten Konsequenz immer tödlich. Am Ende steht der Vernichtungswunsch. Dessen sollte man sich bewusst sein, wenn man mit Antisemitismusvorwürfen konfrontiert wird. Der Vorwurf sollte nicht dazu führen, sich sofort in die Opferrolle zu begeben und von mächtigen jüdischen Kreisen zu fabulieren, die es auf einen abgesehen haben, sondern es sollte der Vorwurf ernst genommen werden und - der Sache angemessen - geprüft werden. Wenn man sich selbst dazu nicht im Stande fühlt, holt man sich eben die notwendige Expertise ein. Es wäre nie zum Eklat gekommen, wenn die Hochschulleitung die jahrelangen Beschwerden ernst genommen und das Seminar aufrichtig geprüft hätte und nicht mit der Augenwischerei der dafür gar nicht qualifizierten Ethikkommission.

Die Präsidentin zeigt sich jedoch fortwährend uneinsichtig und wenig kritikfähig. Der Antisemitismusvorwurf sei auch weiterhin unhaltbar: "Wir lassen uns auch durch solche Hass-Kampagnen nicht den Mund verbieten." Vielmehr sei man ins "Visier von Kritikern geraten, die offensichtlich einen internationalen Konflikt an der Hildesheimer Hochschule austragen möchten", so die HAZ in ihrer Ausgabe vom 10. August. Auf die Idee, dass das kritisierte Seminar den Konflikt an die Hochschule getragen hat, kommt Dienel leider nicht. Vielmehr schürten "Kritiker" eine "Hass-Kampagne - auch so kann man versuchen, jegliche inhaltliche Kritik zu delegitimieren.

Vermutlich bedarf es des neuen Gutachtens, um endlich Einsicht bei den Beteiligten walten zu lassen. Dafür vorgesehen ist nun das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin. Ob das eine gute Wahl des Ministeriums war, bleibt abzuwarten. Das Zentrum hat in den letzten Jahren seine Ausrichtung geändert. Wie Anetta Kahane in einem Kommentar [26] für die Frankfurter Rundschau schrieb, betrachte man dort die jüdische Perspektive als zu "subjektiv und irgendwie übertrieben".

Natürlich ist die HAWK Hildesheim keine Hass-Fabrik. Wer diesen Vorwurf teilt, begeht den gleichen Fehler, der Köhler vorgehalten wird: zu geringe Distanz zum Gegenstand, keine Differenzierungen. Aus einem Seminar mit antiisraelischen und antisemitischen Inhalten, welches von einer Lehrbeauftragten gehalten wird, ist es unredlich, auf alle anderen Lehrbeauftragten, wissenschaftlichen Mitarbeiter, Professorinnen und Professoren zu schließen.

Mehr als bedenklich hingegen sind die Reaktionen der Hochschulleitung. Weder die Dekanin der Fakultät Soziale Arbeit Paulini noch die Präsidentin der HAWK Dienel zeigen sich kritikfähig, sondern reagieren trotzig und verrennen sich in Behauptungen, die noch als Bumerang zurückkommen werden. Erschütternd ist die Stellungnahme der Ethikkommission, die keine Bedenken zu entdecken vermochte. Und nicht zu vergessen, das Material lag Dienel und Paulini ebenfalls vor.

Dass Ibtissam Köhler, als emotional involvierte Person mit "palästinensischen Wurzeln", die nötige Distanz, die für ein wissenschaftliches Seminar unabdingbar wäre, vermissen lässt, lässt sich soziologisch verstehen und erklären - ohne es zu rechtfertigen. Der Skandal ist also nicht, dass eine Lehrbeauftragte unwissenschaftliches, ideologisches Material in ein Seminar einbringt, das dürfte an deutschen Hochschulen trauriger Alltag sein. Zumal die Expertise der Lehrbeauftragten offensichtlich in ihrem politischen Engagement und nicht in ihrer wissenschaftlichen Arbeit begründet lag, auch das dürfte häufig vorkommen.

Es wird erst dann zum Skandal, wenn immer wieder auf diese Unwissenschaftlichkeit und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Form des (alltäglichen) Antisemitismus hingewiesen wird und die Hochschulleitung nichts dagegen unternimmt. Es wird dann zum Skandal, wenn die Ethikkommission, sowie die Dekanin und Präsidentin, solche in der Sache inakzeptablen Stellungnahmen abgeben.

Man kann nur vermuten, was die Verantwortlichen dazu getrieben hat. Im besten Falle hat man sich schlichtweg aus falsch verstandener Solidarität über wissenschaftliche, humanistische und demokratische Standards hinweggesetzt. Nicht weniger wahrscheinlich ist allerdings, dass es an der Hochschule Hildesheim, wie in weiten Teilen der Bevölkerung, einen latenten Antisemitismus gibt, der hier seinen Ausdruck im israelbezogenen Antisemitismus findet, getarnt als Israelkritik.

Natürlich wird man nicht gleich zum Antisemiten, wenn man sich einzelner antisemitischer Vorurteile und Ressentiments bedient. Die Präsidentin sagt [27] von sich zum Beispiel, sie sei eine "echte Israel-Freundin", die ihren Kindern sogar "jüdische Vornamen" gegeben habe. Das muss man gar nicht anzweifeln. In der eigenen autobiografischen Erzählung, im Selbstbild, hat man nichts gegen Juden. Ja in der Selbstwahrnehmung geht es nicht einmal um Juden, nicht einmal wirklich um Israel. Vielmehr geht es um die Ungerechtigkeiten, die Israel vermeintlich repräsentiert, man sorge sich lediglich um die Menschenrechte.

Man weiß eben nicht einmal, dass man sich damit antisemitischer Klischees bedient, denn diese Vorurteile, Stereotypen, Rassismen, das ganze Muster der Menschenfeindlichkeit ist tief verankert im deutschen Habitus. Es wirkt so nicht nur unbewusst, sondern gänzlich ungewusst, weshalb man sich auch mit der vollsten Überzeugung der eigenen Redlichkeit den gefühlten Anfeindungen widersetzen kann. Die Kritik [28] vermag nicht zu greifen, weil man sich keiner Schuld bewusst ist. Es gehe doch schließlich überhaupt nicht um Juden und Israel wird man ja wohl noch kritisieren dürfen. Auch gegen den Mainstream. Dass dies die Wiederholung der Argumentationen der Hohmann- und Möllemann-Affäre sind, gehört wohl ebenso zum deutschen Habitus.

Daraus jedoch einen individuellen Vorwurf zu erheben, vermag zwar kurzfristig Befriedigung verschaffen, ändert aber langfristig gar nichts. Es sollte also nicht darum gehen, den Involvierten der HAWK und schon gar nicht der gesamten Hochschule Antisemitismus vorzuwerfen, sondern die verwendeten Materialien und Argumentationsmuster daraufhin zu prüfen, diese zu reflektieren und zu kritisieren und daraus zu lernen. Dies sollte Aufgabe aufgeklärter, dem Humanismus verpflichteter Bildung sein. Nicht die Abwehr, sondern die Annahme der Kritik muss im Mittelpunkt stehen. Gleichzeitig gilt aber auch, wenn die Personen in den entsprechenden Positionen dazu nicht in der Lage sind, warum auch immer, dann müssen eben fähigere Personen die Positionen besetzen.

Am 15. September um 18.30 Uhr wird in der Üstra-Remise in Hannover eine Podiumsdiskussion unter anderem mit der Präsidentin der HAWK stattfinden. "Wo beginnt israelbezogener Antisemitismus?" [29]


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[1] http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/HAWK-Seminar-wird-Antisemitismus-vorgeworfen,hildesheim666.html
[2] http://www.jpost.com/Diaspora/Israel-slams-German-university-for-claim-it-harvests-Palestinian-organs-462712
[3] http://www.mwk.niedersachsen.de/aktuelles/presseinformationen/leitlinien-garantieren-transparenz-in-der-forschung-131196.html
[4] http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/26107
[5] http://www.jpost.com/Diaspora/German-Universitys-course-claims-Israel-harvests-Palestinian-organs-462234
[6] http://www.hawk-hhg.de/aktuell/default_214161.php
[7] http://www.jpost.com/Diaspora/Israel-slams-German-university-for-claim-it-harvests-Palestinian-organs-462712
[8] http://www.hawk-hhg.de/aktuell/default_214161.php
[9] http://www.ndr.de/info/podcast4076.html
[10] http://www.hagalil.com/2013/06/israelkritik-oder-antisemitismus
[11] http://www.hagalil.com/antisemitismus/europa/sharansky.htm
[12] http://www.dpfv.org/Inhaltsangabe.pdf
[13] http://www.filastin.at
[14] http://www.heise.de/tp/features/Mut-zum-Antisemitismus-3256917.html
[15] http://www.zionismus-israel-raumplanung.blogspot.de
[16] http://juedischerundschau.de/ein-poker-mit-falschen-karten-135910050/
[17] https://lizaswelt.net/2015/10/01/antizionistischer-kartentrick/
[18] http://www.ardmediathek.de/radio/Campus-Karriere-Deutschlandfunk/Hildesheimer-Hochschule-streicht-Seminar/Deutschlandfunk/Audio-Podcast?bcastId=21601056&documentId=37015052
[19] http://www.palaestina-portal.eu/Honestly_Concerned/2016_Hochschule_fuer_angewandte_Wissenschaft_und_Kunst_Hildesheim.htm
[20] http://www.palaestina-portal.eu/Stimmen_deutsch/Strohmeyer_Arn_Wie%20die%20Israel-Lobby%20die%20Freiheit%20der%20Wissenschaft%20bekaempft.htm
[21] http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=23025
[22] http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-08/israel-medien-kritik
[23] http://www.welt.de/politik/deutschland/article157518886/Wenn-Israel-Hass-zum-Lernziel-an-einer-Hochschule-wird.html
[24] http://www.welt.de/politik/deutschland/article157518886/Wenn-Israel-Hass-zum-Lernziel-an-einer-Hochschule-wird.html
[25] http://www.e-pages.dk/kehrwieder/42/
[26] http://www.fr-online.de/meinung/kolumne-die-deutsche-suendengemeinschaft,1472602,29719014.html
[27] http://www.welt.de/politik/deutschland/article157518886/Wenn-Israel-Hass-zum-Lernziel-an-einer-Hochschule-wird.html
[28] http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/aas-israelfeindschaft.pdf
[29] https://www.facebook.com/PodiumIsraelAntisemitismus/