Ist Laborfleisch das neue Gemüse für Unbelehrbare?

Wissenschaftler gehen der Frage nach, ob die In-vitro-Produktion von essbarem Fleisch in naher Zukunft ökonomisch lohnenswert sein kann

Gestern ging in Norwegen eine weitgehend unbeachtete Tagung zuende: das Erste Internationale In Vitro Fleisch Symposium. Von Mittwoch bis Freitag debattierten internationale Forscher Fragen, die um ein großes Zukunftsthema kreisen: Kann die Herstellung von Fleisch im Labor die herkömmliche, in den allermeisten Fällen brutale Fleischproduktion irgendwann ersetzen – und wenn ja, kann sie das zu Preisen, die bezahlbar sind?

Für 1961 wird der weltweite Nachschub an Fleisch auf 71 Millionen Tonnen beziffert, die Fleischproduktion des letzten Jahres schätzt man auf 284 Millionen Tonnen. Der Pro-Kopf- Konsum hat sich in diesem Zeitraum mehr als verdoppelt und bis zum Jahre 2050 soll sich der weltweite Fleischverbrauch nochmals verzweifachen.

30 Prozent der eisfreien Flächen der Erde werden laut der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) direkt oder indirekt für Aufzucht von Tieren, die geschlachtet werden sollen, gebraucht. Die Fleischproduktion soll für insgesamt mehr als ein Fünftel der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich sein, berichtete die New York Times Ende Januar. Eine japanische Studie, die von der Zeitung zitiert wird, schätzt, dass etwas mehr als 1 Kilo Fleisch ungefähr für die Menge an CO2-Emissionen verantwortlich ist, die ein durchschnittliches europäisches Auto auf etwa 220 Kilometern ausstößt.

Ist das von Wind-oder Sonnenenergie gespeiste Unternehmen, das Laborfleisch herstellt, eine realistische alternative Vision, die einerseits dem Mästen und Morden von Tieren ein Ende setzen könnte und zum anderen die Energiebilanz deutlich verbessert – oder doch nur Science Fiction?

Wie der niederländische Wissenschaftler Edelmann mit Kollegen 2005 demonstrierte, ist die In-Vitro-Herstellung von "essbarem, animalischem Muskelfleisch" möglich, der US-Biologe Jason Matheny wurde von der taz vor kurzem mit dem Satz zitiert, dass man "aus einer einzigen Zelle (..) den weltweiten Fleischbedarf für ein ganzes Jahr herstellen könne."

Ein Forschungspapier (PDF-Datei), das gestern auf dem internationalen In-Vitro-Symposium diskutiert wurde, ist nun der Machbarkeit einer groß angelegten Labor-Produktion von tierischem Muskelfleisch auf der Spur. Der Modellrechnung des norwegischen Professors Stig William Omholt zufolge wäre es nach derzeitigem Stand der Forschung wahrscheinlich möglich, Laborfleisch in größeren Mengen für 3000 bis 3500 Euro pro Tonne zu produzieren. Diesem Schätzwert stellt Omholt den Preis von nicht-subventioniertem Hühnerfleisch gegenüber, den er mit 1800 Eurp pro Tonne angibt.

Günstig genug, so Omholt, um an der notwendigen Technologie, die aus Stammzellen Muskelfleisch in großen Mengen produziert, weiterzuforschen. Allerdings muss er einräumen, dass es "die Welt erhebliche Investitionen" kosten wird, auf die In-Vitro-Produktion umzustellen. "Signifikante Kosten" für Forschung und Entwicklung hat Omholt für seine Studie völlig ignoriert, wie er selbst angibt. Er setzt in diesem Zusammenhang auf eine ziemlich idealistisch und etwas weltfremd angesetzte Kostenbeteiligung und Zusammenarbeit von Regierungen und wohltätigen Organisationen, welche die entwickelte Technologie dann "frei verfügbar" machen würden – zum Wohl aller. An dieser Stelle ignoriert Olmholt nicht nur das notwendige Finanzkapital für die Investitionen in die Technologie, sondern auch das Kapital an Haifisch-Skills, über das große Nahrungsmittelhersteller, Agrarproduzenten, Lebensmittel-und Restaurantketten in keinem geringen Ausmaß verfügen.

Was Olmert, dessen Papier ungleich genauer auf die im Einzelnen nötigen Fortschritte in der Forschung selbst eingeht, aber mitbedacht hat, sind die Kosten für PR, die hier anfallen, um die Konsumenten vom neuen Produkt zu überzeugen. Eine kurze Umfrage, die der New York-Times-Blogger Andrew C. Revkin, unter Persönlichkeiten durchgeführt hat, die für ihr Engagement für "Tierrechte" bekannt sind, zeigt, dass man möglicherweise auf einen ethisch begründeten Grund zum Wechsel bauen könnte: Wenn es für die Menschen schwieriger ist, aus ethischen Gründen auf Fleisch zu verzichten, als einen nachhaltigen Ersatz zu produzieren, dann sei er für den Ersatz, meinte beispielsweise der Ethiker Peter Singer ("Die Befreiung der Tiere".

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