Ist Oliver Stone eine moderne Leni Riefenstahl?

The Putin Interviews. Bild: © 2015 Showtime Networls Inc. All rights reserved / Sky

In den Höhlen des Löwen: Oliver Stone hat Wladimir Putin interviewt. Das gefällt nicht allen

Amerika ist sehr gut darin, seine Bürger passiv zu halten. Wir leben in einem Polizeistaat, ohne uns darüber aufzuregen.

Oliver Stone

Die ersten Bilder sind Trickfilmbilder, eine Matrjoschka öffnet sich, eine jener Puppen, die in sich immer noch eine weitere verbergen. Das ist das Russland in den Augen des Westens: Undurchschaubar, immer neue Gesichter und Facetten zeigend, und jede von ihnen entpuppt sich nur als eine weitere Täuschung ...

Das Design der Bilder ist modern und schnell, genauso wie die Musik dazu: Man sieht Schwarzweißphotographien von Putin und der Geschichte der UdSSR im 20. Jahrhundert, eingerahmt mit konstruktivistischen Farbelementen in Rot, Weiß, Gold - die Anmutung ist fast sowjetisch. Dann der Kreml von Innen, Oliver Stone bekommt von seinem deutschen Tonmann das Mikro angesteckt, Putin, begleitet von Leibwächtern und Assistenten, tritt herein, etwas Maske noch, man sieht die Kamera.

Medien handeln von Medien, schrieb McLuhan, und man könnte sagen: Oliver Stone betont von Anfang an, dass dies ein Film ist, eine Inszenierung, nicht die Wirklichkeit.

Dann geht es ans Eingemachte: Es kommen Fragen nach der Demokratie in Russland, der Unterdrückung der Opposition, nach der Ukraine und dem Verhältnis zur USA. Manchmal folgt nur ein "Njet!" und auch sonst bietet Putin nicht immer die Antworten, die einen Demokraten befriedigen oder gar allen Staatsführern im Westen gefallen.

Aber manche Erklärungen, etwa zu den demokratischen Defiziten der ukrainischen "Demokraten" und zu ihren Financiers im Westen, sind zumindest nachdenkenswert. Putin kann auch seine Sichtweise zeigen - wie es schon die Höflichkeit gebietet. Es ist das erklärte Ziel des Regisseurs, ihn zu Wort kommen zu lassen. Putin erscheint mitunter nachdenklich, witzig, charmant und, ja, sympathisch. Vieles aber liegt da auch im Auge des Betrachters.

Es ist ein Film, der uns Zuschauern ungesehene Bilder zeigt und uns die Freiheit gibt, uns unser eigenes Urteil zu bilden. Ein Kniefall ist es nicht. Es ist allerdings der Verzicht darauf, nur mit vorab feststehenden (Vor-)Urteilen zu hantieren oder im Inquisitorenton den Ankläger zu spielen und sein eigenes schrecklich gutes Gewissen zur Schau zu stellen, wie dies vor ein paar Jahren Günther Jauch im ARD-Exklusiv-Interview tat.

Dazwischen zeigt Stone viel Dokumentarisches, Nachrichtenbilder und Homestory-Passagen wie Putin beim Sport. Stones Film ist aber auch eine Geschichte des Zerfalls der UdSSR und Russlands seit 1991.

Wenn dies ein Boxkampf ist, dann gewinnt Putin die ersten beiden Runden (Folgen), Stone die dritte und vierte. Wer Augen hat zu sehen, und wer hinter Stones höfliche Gesten und seinen freundlichen Ton blickt, wird erkennen, dass der Regisseur sich dem russischen Präsidenten nicht anbiedert. Allerdings nutzt er das Gespräch auch dazu, eine Tugend zu zeigen, die in Amerika selten ist: Zur Selbstkritik.

Stones Lebensthema ist die Kritik an den USA, genauer: Er konfrontiert den Gründungsmythos eines Landes der Freien und Gleichen, das die sündhaften Händel der Europäer hinter sich gelassen hat, mit den Realitäten des US-Imperialismus und der amerikanischen Großmachtpolitik. Und kommt dabei kaum überraschend zu deprimierenden Ergebnissen.

Insofern darf man es sich mit diesem Regisseur nicht zu einfach machen. Stone ist ein hochpolitischer Regisseur. Das mögen die vielen Anwälte des Mainstream auch des politischen Mainstream nicht - erst recht nicht, weil er auch noch in ihrem Revier wildert und breiten Publikumserfolg hat.

Die Vertreter des Kunstkinos mögen das auch nicht. Denn Stone ist unfein, grell, gar nicht so neo-bourgeois, wie sich Teile des Autorenkinos gern geben. Er gehört nicht zum Establishment der Akademiedozenten.

Zwei Boxer im Ring - dieser Vergleich mit einem Boxkampf ist nicht übermäßig originell. Deswegen wird er jetzt auch von vielen Beobachtern in Amerika gezogen. Originell oder nicht, er trifft eben sehr gut: Beide bleiben in der Deckung, versuchen zunächst, nicht getroffen zu werden, und dann den einen oder anderen wohlgesetzten Hieb zu landen, eine Runde für sich zu entscheiden, zumindest nach Punkten. Und sie wollen dem Publikum einen guten Kampf liefern. Solche Boxkämpfe sind wahrscheinlich das Verbindungsglied zwischen Putin und Stone.

Oliver Stone hat sich jedenfalls immer mit den Mächtigen gemessen. Neben Spielfilmen über Richard Nixon, George W. Bush, den Kennedy-Mord, Alexander den Großen und zuletzt Edward Snowden hat er in einem knappen Dutzend Dokumentarfilmen unter anderem Fidel Castro, Jassir Arafat, Hugo Chavez und die Volkstribune Lateinamerikas portraitiert. Putin liegt da als Thema sozusagen auf der Hand.

Weil dies vor allem Populisten und autoritäre Herrscher sind, ist Stone aber noch lange kein Diener der Mächtigen, keine Leni Riefenstahl unserer Tage. Wenn man schon mit großen Vergleichen kommen will, dann ist Stone eher schon der Godard Amerikas: Einer der die Gesetze seines Handelns selbst definiert, nach eigenen Maßstäben gemessen werden will und wohl auch muss. Und dessen Filmemachen sich keiner Macht unterordnen will. Vor allem ist Stone auch nicht naiv. Aber er hat Lust an dem Coup, Putin vor die Kamera zu bekommen.

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