Ist Open Money realisierbar?

Über gemeinschaftliche Projekte im Geldwesen

So sehr die Gegenwart sich um den Beweis ihrer Alternativlosigkeit auch bemüht, wird sie dennoch von der Zukunft abgelöst.

Felix Kriwin

Die Indoktrination ist schon eine kuriose Sache! Selbst dann, wenn man fest davon überzeugt ist, nicht davon betroffen zu sein, spielt sie einem einen Streich: So tief sitzen die durch die Erziehung und das soziale Umfeld eingepflanzten Inhalte, daß sie, einer unsichtbaren Selbstzensur gleich, uns oft vom Hinterfragen bestimmter Bereiche abhalten, ohne daß es uns bewußt wird.

So fällt zum Beispiel auf, daß die Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Problemen des Finanzsektors sich überwiegend auf der politischen Ebene bewegt, und die Suche nach Lösungen ebenso in den Zuständigkeitsbereich der Politik verschoben wird. Dabei kann ausgerechnet hier das Problem nicht gelöst, sondern bestenfalls in die Zukunft verlagert werden.

Sowohl die Gestaltung des modernen Finanzsystems selbst, als auch die politischen Strukturen, die seine Entstehung begleiteten, sind Ausdruck der Machtverhältnisse, die ihre Wurzeln in den gesellschaftlichen Wechselbeziehungen des Industriezeitalters haben. Ein an diese Strukturen delegierter Auftrag zur Problembewältigung kann daher nur im Sinne des Machterhalts der alten Eliten „gelöst“ werden.

Doch die Machtverhältnisse haben sich bis zur heutigen Zeit deutlich verschoben. Die Rohstoffe, insbesondere das Öl, und die industriell hergestellten Güter bilden inzwischen nur einen Teil der lebensnotwendigen Ressourcen. Internet, soziale Netzwerke, digitale Inhalte und Systeme zur Informationsverwaltung spielen bereits eine immense und immer weiter wachsende Rolle. Diese Entwicklung dringt in alle Lebensbereiche ein, aber nicht alle sind darüber glücklich.

Durch Vernetzung und gegenseitige informationelle Bereicherung gewinnen immer weitere Gesellschaftsgruppen an Einfluß, was den alten Eliten immer mehr das Wasser abgräbt. Die aktuell zunehmenden Bemühungen der traditionellen Rechteverwerter, durch Schaffung immer neuer gesetzlicher Hürden wie ACTA, Internet-Zensur, Software-Patente u.v.a.m. den Druck auf die Netzgemeinschaft auszuüben, sind nichts anderes als der Versuch, die Vorteile einer breiten technologischen und gesellschaftlichen Entwicklung mit rechtlichen Mitteln zugunsten gestriger Machtstrukturen zu kastrieren.

Dabei handelt es sich alles andere als um den Schutz des geistigen Eigentums der dieses Eigentum Schaffenden, sondern nur um die Möglichkeit, die Monopolposition der Rechteverwerter aufrechtzuerhalten.

Was hat das Ganze mit Finanzen zu tun? Sehr viel. Das Geld war nie ganz frei von Ausbeutungskomponenten, doch das moderne Geld – das vielzitierte Fiat-Money – scheint im Laufe seiner Evolution seinen wirtschaftlichen Nutzen immer mehr abzubauen und immer mehr als ein Machtinstrument mit der daraus folgenden Ausbeutung der Gesellschaft zu wirken.

Die geänderten Machtverhältnisse drücken sich jedoch in dem verstärkten Wunsch breiter Teile der Gesellschaft aus, sich dieser Ausbeutung zu entziehen. Dies manifestiert sich ausgerechnet in der Entwicklung, die die Rechteverwerter – stellvertretend für das ganze überholte System – gerade versuchen zu unterdrücken: der Bewegung für freie Inhalte.

Die freie Veröffentlichung ihrer Werke – als Open Source Software-Module, unter freie Lizenz gestellte Videos, Musik, wissenschaftliche Arbeiten und andere Texte – gibt den Schaffenden von Inhalten jeder Art die Möglichkeit, ihre Werke vorbei an den Großkonzernen mit ihren Monopolpreisen und -bedingungen zu verbreiten und dadurch eine für alle nutzbare gemeinschaftliche Basis an Software, Know-how und anderen Ressourcen zu schaffen.

Dabei entsteht eine Fundgrube an Wissen und Informationen, die allen eine bessere Entwicklung ermöglicht und darüber hinaus als gemeinsam zu bewirtschaftende Produktionsbasis für weitere Werke benutzt werden kann. Dies erlaubt den Autoren, den Kontakt zu ihrem Publikum herzustellen, ohne dabei auf ihre Rechte zugunsten der Medienkonzerne und ähnlicher traditioneller Geldgeber zu verzichten. Nachdem der Kontakt zur Zielgruppe hergestellt ist, wird es für sie möglich, ihre Werke auch zu verkaufen – zu sowohl für sie, als auch für die Konsumenten akzeptablen Preisen, die keinen Monopolzuschlag mehr beinhalten.

Es ist klar, daß das alte System die Schrumpfung seiner Monopolgewinne nicht klaglos hinnehmen will. Die bereits erwähnten Angriffe und Rechtsverschärfungen im Bereich des geistigen Eigentums und der Internet-Freiheit sind die Antwort auf diese befreiende Bewegung und stellen nichts anderes dar, als der Versuch der (noch) Monopolisten, ihre gegenwärtige Stärke zu nutzen, um sich das Recht auf die leitenden Ressourcen der Zukunft – Wissen und Ideen – anzueignen, sie von der allgemeinen Nutzung zu sperren und dadurch ihre Macht aus dem industriellen in das Informationszeitalter zu verlegen bzw. sie zu zementieren.

Die sich in der Bewegung für freie Inhalte manifestierende Flucht aus dem monetären System ist das Resultat seiner mangelnden Eignung, die Gesellschaft in adäquater Weise mit dem Geld zu versorgen. Das moderne Geldsystem ist überwiegend auf den politischen Einsatz des Geldes ausgerichtet und vernachlässigt dabei seine wirtschaftlichen Funktionen.

Der Mißbrauch des Geldes zu politischen Zwecken resultiert zwangsläufig aus seiner immenser Bedeutung für die Wirtschaft. Eine arbeitsteilige Wirtschaft kann nur funktionieren, wenn die Möglichkeit besteht, die Ergebnisse einzelner spezialisierter Zwischenschritte effizient zu einem Ganzen zusammenzubringen. Dazu benötigt man so etwas wie einen Kitt. Das Geld spielt die Rolle eines solchen universellen Kitts: Es füllt die zahlreichen Schnittstellen aus. Ein politischer Ausbeutungsmechanismus, der solche Schnittstellen anzapft, zapft automatisch die ganze restliche Wirtschaft an. Und das ist genau das, was unter der Benutzung des heutigen Geldes auch passiert.

Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, eine einigermaßen detaillierte Geschichte des Geldes zu erzählen. Doch eines steht fest: seine Entwicklung ist die Geschichte der permanenten Anpassung an die Erfordernisse der Wirtschaft auf jeder ihrer Stufen. Wie jede Entwicklung kann auch die des Geldes durch Willkürfaktoren, wie zum Beispiel politische Interessen, behindert oder gefördert werden. Woran erkennt man aber, ob das Geld seine wirtschaftliche Funktionen zufriedenstellend erfüllt oder nicht?

Jeder Bastler weiß, daß man beim Zusammenfügen von Einzelteilen einen solchen Kitt braucht, der zum verwendeten Material passt, sonst hält das Ganze nicht lange zusammen und beginnt irgendwann zu bröckeln. Die Beurteilung der Qualität des aktuell verwendeten Kitts für die Wirtschaft dürfte daher nicht schwer sein: Ein Blick auf deren gegenwärtigen Zustand würde genügen, um zu sagen: miserabel. Der Kitt paßt nicht.

Wie sonst wäre zu erklären, daß überall auf der Welt man einerseits von Problemen und ungelösten Aufgaben umgeben ist, was das Potential an der zu erledigenden Arbeit anzeigt, andererseits aber die Zahlen der Arbeitslosen immer weiter steigen? Warum kommen die Arbeitslosen und die Arbeit nicht zusammen?

Sie kommen nicht zusammen, weil der in diesem Fall verwendete universelle Kitt – das Geld – nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Komponenten enthält. Diese letzteren sind es, die das Zeug unbrauchbar machen. Warum?

Um uns im finanztechnischen Dschungel nicht zu verlieren, greifen wir wieder das Beispiel mit dem Bastler auf. Stellen wir uns vor, jemand habe einen wirklich guten Klebstoff erfunden, der beinahe alles hält. Alle Bastler sind begeistert, der Hersteller wächst und kommt zu großem Einfluß. Diesen Einfluß nutzt er, um auf politischer Ebene die Regelung durchzusetzen, die ab sofort alle anderen Klebstoffe unter Strafandrohung verbietet und nur den von ihm hergestellten erlaubt. Dieser muß dann nicht mehr so gut bzw. universell sein: die Bastler sind ab sofort verpflichtet, nur dieses eine Produkt zu benutzen, sonst wandern sie ins Gefängnis. Solche, die Dinge zusammensetzen wollen, für die der einzig zugelassene Klebstoff nicht paßt, haben Pech und müssen klein beigeben und sich anpassen. Das heißt aber auch, daß insgesamt weniger neue Dinge entstehen können, als es bei richtiger Zusammensetzung des Klebstoffs bzw. der Vielfalt an Alternativen möglich gewesen wäre.

Auf das Finanzsystem übertragen heißt es, daß die gegenwärtigen Schwierigkeiten der Wirtschaft im Grunde das Ausmaß der Mängel des modernen Geldsystems anzeigen. Dieses Geldsystem stellt zwar erfolgreich politische Abhängigkeiten her, bringt aber in der Wirtschaft die Enden nicht zusammen: die Umsätze, die eigentlich möglich gewesen wären, kommen nicht zustande. Sie kommen unter den Bedingungen dieses Geldsystems nicht zustande, weil sie, um ihren politischen Zweck zu erfüllen, den Wirtschaftsteilnehmern zusätzliche Hürden aufstellen.

Diese Hürden bestehen in der Notwendigkeit, beim Verkauf neben den eigentlichen geschäftlichen Aufwendungen noch den Darlehenszins, diverse Steuern und Abgaben und außerdem den Gewinn zu erwirtschaften.

Unter diesen Vorgaben überleben am ehesten solche Geschäftsmodelle, die selbst ähnliche Spielregeln übernehmen und anwenden: solche, die imstande sind, ihre Geschäftspartner und Kunden derart unter Druck zu setzen bzw. zu beeinflussen, daß diese ihre Waren und Dienstleistungen zu einem Preis erwerben, der all die Aufwendungen der teuren Geldbeschaffung und politisch motivierter Abgaben wieder wettmacht. Mit anderen Worten: Das Geldsystem, das selbst monopolistisch organisiert ist, begünstigt die Entstehung weiterer Monopole.

Tätigkeiten und Geschäftsfelder, die nicht die Möglichkeit zum Durchdrücken der Monopolpreise bieten, und/oder solche, wo der Gewinn lange auf sich warten läßt, werden daher oft erst gar nicht aufgenommen oder scheitern nach kurzem Überlebenskampf. Das erklärt die trostlose Situation mit den Scharen von Arbeitslosen neben Bergen unerledigter Arbeit.

Als der Mensch die erste Tür erfand, suchte er nicht nach dem Ein-, sondern nach dem Ausgang.

Felix Kriwin

Selbstverständlich stellt sich hier die Frage nach Alternativen. Eine Lösung auf politischem Weg zu suchen hieße allerdings, die Augen vor dem Umstand zu verschließen, daß das moderne politische System längst zum Handlanger der Finanzwirtschaft geworden ist. Wer nach all den Rettungsmaßnahmen zur Stützung der Banken noch daran zweifelt, lebt wohl in seiner eigenen Welt.

Ein besserer Lösungsansatz wäre, das Gewerbe der Geldwirtschaft zu entzaubern, indem man ihm seine Monopolstellung nimmt: Sie ist es einzig und allein, die es dieser Branche erlaubt, ihre Bedingungen allen anderen Wirtschaftsteilnehmern aufzuzwingen. Das Geld soll wieder vom Machtinstrument zu einem universellen Kitt für die Wirtschaft werden. Es genügt also, ein System zu installieren, das die technische Funktion des Geldes übernimmt, ohne die Ausbeutungskomponente zu implementieren.

Geeignet dazu wäre beispielsweise ein System von gegenseitigen Verrechnungen, wie es früher unter den Kaufleuten üblich war. So, wie früher einmal die Handelswechsel in bestimmten Kreisen durchaus als Zahlungsmittel fungierten, könnte man heute ein System an Emission von Gutscheinen für eigene Leistungen aufbauen, die, ähnlich den Briefmarken, von den Wirtschaftsteilnehmern wahlweise als Zahlungsmittel oder zum Abruf der versprochenen Güter und Leistungen verwendet werden könnten. Dieses System ließe sich heute mit Hilfe der Computer und des Internets effizient organisieren und Verrechnungen dort ermöglichen, wo sie früher angesichts zu hoher Komplexität der Wertermittlung gescheitert wären.

Was müßte beachtet werden, damit das Geld seine wirtschaftliche Funktion zeitgemäß erfüllt?

  • Gemeinschaftliche Basis. Eine wichtige Anforderung wäre, daß ein solches multilaterales Verrechnungssystem als gemeinschaftliche Basis – aufgebaut beispielsweise auf Softwaremodulen mit offenem Code – allen Interessierten zur Verfügung stünde. Nur dann würde die Gefahr gemindert, daß es erneut von einigen Wenigen zu Zwecken persönlicher Bereicherung vereinnahmt wird.
  • Verteilungsprinzip. Um erneute Monopolisierung zu vermeiden, sollte ein solches System außerdem als ein weltweit verteiltes System funktionieren. Die einheitliche Softwarebasis würde den weltweit verteilten Betrieb nach einheitlichen Regeln ermöglichen. Gestützt auf Open Source Module würde dieses – nennen wir es Open Money System – dann, ähnlich wie Open Street Map oder auch zahlreiche Wiki-Projekte – dank freiwilliger Beiträge vieler Beteiligten funktionieren und dabei diffus genug bleiben, um keine Angriffsfläche zu bieten.
  • Signalwirkung für die Wirtschaft. Der Umlauf von eigenständig emittierten Gutscheinen unter der Bedingung ihrer freiwilligen Akzeptanz seitens der Marktteilnehmer würde gleichzeitig eine Geldmenge generieren, die mit einer Signalfunktion im Hinblick auf verfügbare Produktionskapazitäten ausgestattet ist: Sie würde automatisch anzeigen, wo und in welchem Ausmaß freie Ressourcen vorzufinden sind, denn jeder Gutschein zeigt grundsätzlich jemandes Bereitschaft an, seine Güter zu liefern.
  • Kapital ohne Spekulation. Bi- und multilateraler Kredit zwischen den Marktteilnehmern würde bedeuten, daß für sie die Möglichkeit der Kapitalbeschaffung nicht mehr von den Bedingungen der Banken abhängen würde. Solange die Geschäftspartner die Gutscheine einer Firma als Zahlung für ihre Lieferungen akzeptieren, würde für diese Firma keine Notwendigkeit bestehen, das Geld einer dritten Partei – beispielsweise einer Bank – zu deren Bedingungen zu leihen. Das wirtschaftliche Risiko würde damit erheblich sinken. Sobald die Besitzer der Gutscheine diese zur Einlösung vorlegen würden, müßte die emittierende Firma nichts anderes tun als ihre Güter auszuliefern: das, worauf sie ohnehin spezialisiert ist. Dieses Modell würde die Rolle der Firmen, die zusätzlich zu ihren übrigen Tätigkeiten als Geldemittenten auftreten würden, erheblich stärken und die Rolle heutiger Geldmonopolisten im Gegenzug verringern.
  • Technische Machbarkeit. Verglichen mit anderen IT-Projekten, sind die Anforderungen, die ein solches multilaterales Verrechnungssystem an die Datenverwaltung und Kommunikationsprotokolle stellt, eher von durchschnittlicher Komplexität. Die technische Machbarkeit ist daher längst gegeben. Warum es bisher noch nicht entstanden ist, liegt wohl nur an der eingangs erwähnten sozialen Konditionierung, wonach das Konzept der Gelderzeugung meist spontan, ohne weitere Überlegung, mit einer politisch (offiziell nicht) gesteuerten Zentralbank gekoppelt wird. Doch diese Denksperre ist hoffentlich überwindbar.
  • Adäquate Strukturen. Die Bewegung für freie Inhalte ist nicht nur ein Versuch, sich den Zwängen der gegenwärtigen Monopolstrukturen zu entziehen, sondern auch das Bestreben, ein neues, den Bedürfnissen der modernen Gesellschaft angemesseneres Wirtschaftsmodell aufzubauen. Die Etablierung von Open Money würde einen weiteren wichtigen Schritt auf diesem Weg bedeuten.

Gegründet nicht auf Monopole, sondern auf die Idee des gleichberechtigten Handelns, seiner politischen Hürden entledigt, würde Open Money der Wirtschaft ermöglichen, auf einer wesentlich feineren Ebene zu kooperieren und wesentlich mehr Transaktionen durchzuführen – auch dort, wo sie heute aufgrund der schlechten Eignung des alten Geldsystems verhindert werden.

Der zusätzliche Vorteil dieser rein praktischen Lösung läge darin, daß sie nicht vom Erreichen parlamentarischer Mehrheiten und sonstiger Schaumschlägereien abhängen würde, sondern nur davon, ob frei zugängliche Programme in gewünschter Qualität zur Verfügung stehen, und eine ausreichend große Anzahl der Teilnehmer das System akzeptiert. Das Thema ist natürlich zu umfangreich, um alle seine Facetten in einem einzigen Artikel zu erläutern. Mehr dazu findet man bei Interesse auf meiner Website.

Dieser Text wurde auf Wunsch der Autorin in alter Rechtschreibung belassen und steht unter der Lizenz CC BY 3.0.Kontakt: post@kabatinte.net

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