Ist Religion ein Instinkt?

Bronislaw Malinowski bei den Trobriand-Insulanern. Foto: Public Domain

Ein nordirischer und ein niederländischer Wissenschaftler versuchen zu erklären, warum Atheisten bei Intelligenztests besser abschneiden

Die am Ulster Institute for Social Research und an der Universität Rotterdam forschenden Psychologen Edward Dutton und Dimitri Van der Linden haben im Personality and Social Psychology Review eine Hypothese veröffentlicht, mit der sie erklären wollen, warum Atheisten bei Intelligenztests durchschnittlich besser abschneiden als Teilnehmer, die sich einer Religion zuordnen. Letzteres entnehmen die Wissenschaftler den Ergebnissen von 63 Untersuchungen, die sie ausgewertet haben.

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Die Hypothese beruht darauf, Religion - obwohl sie oft sehr komplexe Ausprägungen annimmt - nicht als Teil einer bewussten Problemlösung zu sehen, sondern als einen "Instinkt", den der Mensch im Laufe seiner Evolutionsgeschichte entwickelte, weil er sich in früheren Situationen als Überlebens- und/oder Fortpflanzungsvorteil erwies. Menschen und ihrer Vorfahren konnten damit immer wiederkehrende Probleme schnell und ohne großen Denkaufwand lösen.

Intelligenz sehen die beiden Wissenschaftler dagegen als Fähigkeit an, instinktbestimmtes Handeln zu überwinden und auf Herausforderungen sowohl analytisch-reflexiv als auch kreativ zu reagieren. Deshalb nützt sie gegenwärtig lebenden Menschen in einer Umgebung, die sich technisch, wirtschaftlich und Sozial schnell verändert, potenziell mehr, als in einer Savanne, die Jägern und Sammlern über viele Generationen hinweg mit immer gleichen Situationen konfrontiert.

Dass Religion im 21. Jahrhundert trotzdem eine große Rolle spielt, erklären sich Dutton und Van der Linden mit Stresssituationen, in denen sie ebenso zutage tritt wie andere angeborene Verhaltensweisen wie Flucht oder Aggression.

Obwohl die beiden Psychologen selbst den Londoner Evolutionspsychologen Satoshi Kanazawa als ihre theoretische Grundlage nennen, knüpfen sie auch an die Forschungsergebnisse und Überlegungen eines ihnen fachfremden Wissenschaftlers an: In seiner 1925 erschienenen Studie Magic, Science and Religion1 wies der Ethnologe Bronislaw Malinowski anhand von Material das er in der Südsee gesammelt hatte, nach, dass Gesellschaften nicht - wie man bis dahin geglaubt hatte - in einer evolutionären Rangfolge ausschließlich von magischem, religiösem oder wissenschaftlichem Denken bestimmt sind, sondern dass alle drei Formen in allen Gesellschaften vorkommen. "Wissenschaftlich" werden immer jene Bereiche behandelt, die der Mensch technisch beeinflussen kann, "magisch" jene die außerhalb seiner Wirkungsmacht stehen.

Malinowski definierte die Magie als übernatürliche, unpersönliche Macht in der Vorstellungswelt des Menschen, die all das bewegt und steuert was für ihn gleichzeitig wichtig und unkontrollierbar ist.2 Magie wird mit Ehrfurcht und Scheu ausgeführt, mit Verboten und ausgefeilten Benimmregeln gesichert.3 Sie speist sich aus der Tradition, während die Wissenschaft aus der Erfahrung resultiert, von der Vernunft begleitet und durch Beobachtung korrigiert wird. Die Magie ist dagegen undurchdringbar für beides. Und während um die Magie Geheimnisse gemacht werden die durch Initiation weitergegeben werden ist die Wissenschaft offen für alle, ein gemeinfreies Gut.4 Wo die Wissenschaft sich nach Malinowski auf Erfahrung, Aufwand, und Vernunft stützt, kommt die Magie aus dem Glauben dass "die Hoffnung nicht trügen und der Wunsch niemals vergeblich sein könne".5

Während die von Malinowski untersuchten Bewohner der Trobriand-Inseln die sichere Lagunenfischerei ohne magische Rituale betrieben und kleinere Wehwehchen mit Massagen, Dampf und Heilkräutern behandelten kam bei ernsten Erkrankungen und bei der unsicheren Hochseefischerei Magie zum Einsatz.6 Die Naturkräfte auf hoher See waren nämlich für die Trobriander ebenso wenig kontrollierbar wie Krebs oder ein Schlaganfall. Aus diesem Grunde brachten sie hier Magie zum Einsatz.

Felder für magisches Denken öffnen sich auch durch vom Menschen gemachte aber trotzdem vom Individuum nicht kontrollierbare Entitäten wie "Markt" im allgemeinen und "Arbeitsmarkt" im besonderen. Walter Benjamin7, Christoph Deutschmann8 und Thomas Frank9 wiesen auf die Wahrnehmung ökonomischer Begriffe als übernatürliche Mächte hin. Hesiod hatte diesen Effekt bereits im 7. Jahrhundert vor Christus erkannt und sprach z.B. davon dass auch ein Gerücht ein "Gott" sein könne (vgl. Die Magie der Bewerbung). (Peter Mühlbauer)

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