Ist al-Baghdadi tot und der IS enthauptet?

Al-Baghdadi bei seinem Auftritt 2014 in der nun zerstörten Moschee in Mosul.

Aus Russland kommen widersprüchliche Äußerungen, derweil beginnen die Überlegungen, wer an seine Stelle rücken könnte

Die russische Regierung gibt sich zumindest sicher, bei einem Luftangriff in einem Vorort südlich von Raqqa den selbsternannten IS-Kalifen al-Baghdadi getötet zu haben. Der russische Außenminister gab sich gegenüber der Meldung des Verteidigungsministerium erst einmal zurückhaltend und erklärte, es gebe dafür noch keine hundertprozentigen Beweise. Solche Meldungen über die "Enthauptung" von Gruppen, also die Tötung von Führern, würden gerne mit Trarah verbreitet, es habe sich aber gezeigt, dass die Gruppen sich reorganisieren.

Die Angriffe auf Gebäude in Raqqa waren am 28. Mai ausgeführt worden. Angeblich fand dort ein Treffen hoher IS-Führer statt, unter denen auch al-Baghdadi gewesen sein soll. Bei dem Treffen soll es um eine Verlegung von Kämpfer aus Raqqa gegangen sein. Nach Satellitenaufnehmen des russischen Verteidigungsministeriums scheint von den Gebäuden tatsächlich nur Schutt zurückgeblieben zu sein. Das Verteidigungsministerium behauptete, es seien bei dem Luftschlag bis zu 330 IS-Kommandeure und deren Wachen getötet worden, darunter der Emir von Raqqa und der IS-Sicherheitschef Suleiman al-Shauah.

Letzte Woche hieß es aus dem Außenministerium, die Tötung könne noch nicht bestätigt werden. Vergangenen Donnerstag sagte Maria Zakharova, die Sprecherin des Außenministeriums, sie habe nichts Neues zu berichten. Man ist zurecht vorsichtig, das russische Außenministerium hatte schon einmal behauptet, den IS-Führer im August 2016 getötet zu haben. Immer wieder gab es Meldungen, dass al-Baghdadi getötet oder schwer verletzt worden sei. Ins Kraut wachsen auch die Spekulationen, wo er sich aufhalten könnte.

In der Öffentlichkeit gezeigt hat er sich nicht mehr nach dem spektakulären Auftritt in der jetzt vom IS gesprengten al-Nuri-Moschee in Mosul, wo er sich 2014 zum Kalifen ernannte. Danach wurden einige Botschaften verbreitet, die angeblich von ihm stammen, ansonsten hat er es geschafft, trotz aller Versuche, die Kommunikation von IS abzuhören oder in deren Netzwerke vorzudringen, untergetaucht zu bleiben (Wo steckt der IS-Führer).

Der IS verbreitet, die al-Nuri-Moschee in Mosul sei von amerikanischen Flugzeugen zerstört worden.

Russische Abgeordnete aus der Regierungspartei und russische Medien wollen aber dennoch die angebliche Erfolgsmeldung weiter verbreiten. So hat Viktor Ozerov, der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, letzte Woche laut Interfax behauptet, es sei "fast hundertprozentig", dass al-Baghdadi getötet wurde. Beweise legte er nicht vor und begründete seine Behauptung damit, dass das Verteidigungsministerium eine solche Nachricht nicht verbreiten würde, wenn sie nicht stimme, und dass der IS seitdem ihn nicht gezeigt hätten. In der neuesten Ausgabe des IS-Propagandablattes al-Naba, in der die Terrorangriffe in Teheran gefeiert werden, wird allerdings behauptet, al-Baghdadi sei nicht getötet worden. Der Islamische Staat behauptet auch, die al-Nuri-Moschee sei durch einen amerikanischenb Luftangriff zerstört worden. Der IS ließ auch verbreiten, dass demnächst eine wichtige Stellungnahme zu al-Baghdadi veröffentlicht werde.

Für Russland wäre die Tötung des IS-Führers ebenso ein Prestigegewinn, wie es die Tötung von al-Sarkawi, dem Gründer von al-Qaida im Irak, aus der der IS hervorgegangen ist, oder die von Bin Laden gewesen war. Konsequenzen über das Symbolische hinaus hatten beide "Erfolge" nicht, das wäre im Fall von al-Baghdadi nicht anders. Größere, gut organisierte Gruppen werden in der Regel nicht, wie Lawrow sagte, durch eine "Enthauptung" zerstört, auch wenn diese, wie man nun am russischen Militär wieder sieht, propagiert werden, weil sie medial wirksam sind. Jetzt würde eine Tötung von al-Baghdadi vermutlich Russlands militärischen Einsatz in Syrien krönen, zumal wenn sie bei Raqqa erfolgt wäre, wo die Amerikaner mit den kurdischen SDF die Offensive gegen den IS führen und es in letzter Zeit neben al-Tanf zu gefährlichen Vorfällen gekommen ist wie etwa dem Abschuss einer syrischen Maschine durch die Amerikaner.

Derweilen wird bereits darüber spekuliert, wer auf al-Baghdadi folgen könnte, sollte er tatsächlich tot sein. Vermutet wird in einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters, dass vermutlich kein Islamist an die Spitze kommen würde, sondern ein ehemaliger Angehöriger der irakischen Armee. Nach der Säuberung der irakischen Armee und aller anderen Behörden von Angehörigen der Baath-Partei durch die Amerikaner schlossen sich auch Soldaten, Offiziere und Geheimdienstmitarbeiter der Saddam-Hussein-Zeit den Aufständischen an. Die militärischen Erfolge, die al-Baghdadi an die Spitze hoben, haben mit dieser Unterstützung zu tun, die neben militärischem Wissen auch die Möglichkeit schuf, eroberte Gebiete zu verwalten. Im Irak scheint die wieder formierte Baath-Partei eine wichtige lokale Kraft für den eher international ausgerichteten IS gewesen zu sein, aufgebaut von Izzet Ibrahim al-Duri sein, unter Hussein ein Militärkommandeur und einer seiner engsten Berater.

Der Autor der Meldung vermutet, dass Iyad al-Obaidi und Ayad al-Jumaili gute Chancen haben würden, was dann wohl den IS und seine Ideologie gegenüber einer nationalen Widerstandsbewegung schwächen würde. Al-Obaidi hat das Amt des Kriegsministers beim IS inne, Jumaili war Chef des Sicherheitsdienstes Amniya. Beide hatten sich bereits den islamistischen Gruppen 2003 angeschlossen und sind seit 2016 angeblich die Topberater von al-Baghdadi, nachdem dessen Kriegsminister Abu Omar al-Shishani und sein Propagandachef Abu Mohammad al-Adnani getötet worden waren. Nach einem irakischen Experten würden beide aber nicht von al-Baghdadi das Amt des Kalifen übernehmen können, da sie nicht in islamischer Theologie ausgebildet worden sind. Der Nachfolger würde dann als Emir fungieren. Er müsse von einem achtköpfigen Schura-Rat ernannt werden, von dem 6 Mitglieder aus dem Irak kommen, einer aus Jordanien und einer aus Saudi-Arabien.

Obgleich man annimmt, dass größere Teile des irakischen Arms von IS vor und während der Offensive auf Mosul nach Syrien gegangen seien, dürfte der Charakter der sunnitisch-salafistischen Bewegung im Irak sich ändern, wenn sie ganz unter Baath-Kommando kommen und nationaler und lokaler würde. Möglicherweise würde in Syrien angesichts der zu erwartenden Einnahme von Raqqa und gefolgt von der von Deir Ezzor al-Qaida wieder die führende Gruppe werden. (Florian Rötzer)