Ist das Auto auch morgen noch des Deutschen liebstes Kind?

Wird der eigene PKW auch künftig noch so große Bedeutung besitzen, wie dies seit dem Wirtschaftswunder der Fall ist, oder wird er nur noch eine Variante im Mobilitätsmix der Zukunft sein?

PKWs haben für die deutsche Wirtschaft noch immer eine besondere Bedeutung, auch wenn sich das Märchen von jedem siebten Arbeitsplatz im PKW-Bereich ausgeträumt hat, weil sich die Berechnungsbasis irgendwann als nicht angemessen herausgestellt hat. Man hatte einfach alles mitgezählt, was auch nur im Entferntesten mit Automobilen zu tun hatte.

Zudem fällt auf, dass das Durchschnittsalter der Neuwagenkäufer sich inzwischen auf über 50 Jahre verschoben hat. Das sind offensichtlich die Käufer, die sich ihr neues Fahrzeug in ihrem Autohaus nach ihren speziellen Wünschen am Bildschirm konfigurieren lassen.

Bei jüngeren Käufern ist der Kaufpreis offensichtlich entscheidender. Die greifen gerne auch nach einer Tageszulassung, einem sogenannten Scheingebrauchten, der mit einem ordentlichen Rabatt vermarktet wird und bei dem man nur zwischen den vorrätigen Modellen wählen kann. Der eigene PKW wird zunehmend zum reinen Fortbewegungsmittel und weniger zum Statussymbol. Ein Schritt auf diesem Weg ist das nicht nur bei Firmenfahrzeugen, sondern auch bei Privatfahrzeugen zunehmende Fahrzeugleasing.

Die Entwöhnung vom eigenen PKW geht jedoch äußerst langsam. Die Deutschen hängen an ihrem Auto, auch wenn sie ihren Traum immer später im Leben realisieren. Die Tatsache, dass die meisten PKW jeden Tag im Durchschnitt 23 Stunden stehen und somit Parkraum verbrauchen, ohne Nutzen zu bringen, ist im Kopf der Meisten noch nicht angekommen. Vielleicht funktioniert das auch nur auf dem Umweg über den Geldbeutel, wenn Parkraum so teuer wird, dass seine Nutzung schmerzt.

Carsharing

Ein weiterer Schritt zum Individualverkehr ohne individuellen Fahrzeugbesitz ist das Carsharing. Hier gibt es zum einen die Möglichkeit, dass Privatleute ihre Fahrzeuge zur Nutzung durch Dritte anbieten, was sich in der Form des Nachbarschaftsautos auch für ländliche Regionen anbietet. Neben den schon länger aktiven lokalen Carsharing-Initiativen, sind inzwischen auch größere Player in diesem Feld aktiv. Dazu zählen der Mobilitätsanbieter Deutschen Bahn mit Flinkster und seinen regionalen Partnern sowie Car2Go von Daimler und DriveNow von BMW.

Die letzten beiden sollen möglichst zügig zu einem Anbieter fusioniert werden, nachdem Sixt bei DriveNow ausgestiegen ist. Die Free-Floating-Dienstleister ermöglichen ihren Kunden die Buchung über eine App und zudem die Möglichkeit, das ausgeliehene Fahrzeug in einem bestimmten räumlichen Rahmen abzustellen, ohne auf einen Ausleihe-Punkt angewiesen zu sein, wie dies bei den klassischen Autovermietern üblich ist.

Der Nachteil der Free-Floater besteht darin, dass sich der konkrete Standort des Fahrzeugs nur kurzfristig ermitteln lässt und somit eine längerfristige Nutzungsplanung mit der Unwägbarkeit des dann aktuellen Fahrzeugstandorts verbunden ist. Da die Free-Floater, anders als die stationsgebundenen Carsharing- oder Vermietangebote, die meist über eigenen Parkraum verfügen, bei Nichtnutzung öffentlichen Parkraum beanspruchen, tragen sie eher zur Verstopfung des innerstädtischen Verkehrsraums bei, als eine Lösung für die innerörtlichen Verkehrsprobleme zu bieten.

Zudem werden PKW-Carsharing-Angebote eher für kürzere Strecken genutzt, die sonst mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurückgelegt worden wären. Eine echte Lösung des innerstädtischen Verkehrsstaus muss anders aussehen.

Wenn das Fahrzeug selbständig seinen Parkplatz findet und bei Bedarf ebenso selbständig dorthin fährt, wo es angefragt wird, entfällt das Problem der Parkplatzsuche in der Nähe des Fahrziels.

Beim Personentransport wird dann nur noch unterschieden zwischen dem öffentlichen Transport, bei welchem sich der Fahrgast mit seinen Wünschen an ein vorhandenes Liniensystem und an den im Fahrplan vorgegebenen Abfahrtszeiten halten muss, und dem individualisierten System, bei dem sich der Kunde in einem kleineren Verkehrsmittel von seinem gewünschten Abfahrtsort an sein Ziel bringen lässt. Ob die auf eigenen Fahrwegen erfolgt oder auf den auch für andere Verkehrsteilnehmer genutzten Flächen, ist derzeit noch nicht absehbar und könnte sich von Land zu Land unterscheiden.

Resiliente Datenfunknetze zur Organisation des Fahrbetriebs

Zu den wichtigsten Voraussetzungen für den sogenannten autonomen Fahrbetrieb zählt die Datenverknüpfung zwischen den einzelnen Verkehrsteilnehmern. Hier wird landläufig erwartet, dass sich jedes autonome Fahrzeug automatisch mit jedem anderen verknüpft, das auf Wegen unterwegs ist, die mit dem eigenen Weg kollidieren könnte. Es dürfte jedoch wahrscheinlicher sein, dass sich jedes Fahrzeug vor dem Start in ein allgemeines Datennetz einloggt und sowohl sein Standort als auch seine geplante Fahrtstrecke in einer Datenzentrale mit den geplanten Wegen der Fahrzeuge im Umfeld abgeglichen und koordiniert wird.

Es spricht vieles dafür, dass die geplanten 5G-Mobilfunknetze zu einem großen Teil für den automatisierten Personenindividualverkehr bereitgehalten werden. Im Umkehrschluss bedeutet dies allerdings, dass der automatisierte oder autonome Personentransport nur dort möglich sein wird, wo eine leistungsfähige Funknetzabdeckung vorliegt. Dadurch könnte die räumliche Verfügbarkeit der entsprechenden Fahrzeuge eingeschränkt sein.

Eigentumsstruktur bei den autonomen Fahrzeugen

Wenn das Fahrzeug nur noch als Transportmittel dient, das bei Bedarf angefordert wird, reduziert sich wohl auch der Wunsch, für die Aufbewahrung des Fahrzeugs in einem Parkraum kontinuierlich zu bezahlen. Und somit wird sich auch der Wunsch nach einem eigenen Fahrzeug reduzieren. Heute wird gegen solche Mietsysteme meist vorgebracht, dass die gesharten Fahrzeuge vermüllt seien. Dieses Problem lässt sich jedoch durch eine kontinuierliche Videoüberwachung des Innenraums schnell in den Griff bekommen. Und dann wird es nicht mehr lange dauern, bis der Vorteil eines autonomen Fahrzeugs erkannt wird, das keinen einzelnen privaten Halter mehr hat.

So erklärte der Swiss-Re-Präsident Kielholz:

Wir erwarten, dass in einer überschaubaren Zukunft der Anteil privat gehaltener Autos auf rund 15% sinken wird - und der Rest gehört einer Vielzahl von Plattformen. […] Dies bedeutet, dass beispielsweise Plattformen von Autoproduzenten die Autos besitzen werden. Sobald selbstfahrende Autos zur Verfügung stehen, wird niemand mehr ein Auto kaufen, vor allem nicht in Grossstadtregionen wie London oder New York. Kunden werden auf einen Knopf drücken, und nach wenigen Minuten wird ihr Mercedes vor der Türe stehen, und zwar ohne Fahrer .

Wie stoppt die Polizei ein autonomes Fahrzeug, wenn sie einen Insassen sucht?

Diese Fragestellung ist bislang noch ungelöst, obwohl es technisch nicht so schwer sein dürfte, die Fahrzeugsteuerung von außen zu beeinflussen. Dies gilt um so mehr, wenn die Fahrzeuge über das 5G-Mobilfunknetz organisiert werden. Wird allerdings eine solche Möglichkeit im System vorgesehen, muss auch damit gerechnet werden, dass sie von Unbefugten genutzt werden kann, die dann eine Fahrzeug auf freier Strecke stoppen können. Klassische Methoden wie das Nagelbrett dürften sich als eher unbrauchbar erweisen, wenn sie von der Fahrzeugelektronik frühzeitig als Hindernis erkannt und umfahren werden. (Christoph Jehle)