Ist das Schicksal der Nonkonformisten nur ein neuer Konformismus?

Hipster?Bild: pxher.com/CC0

Ein mathematisches Modell über den "Hipster-Effekt" scheint darauf hinzudeuten, dass sich die bemühten Individualisten einander angleichen und alle genauso aussehen oder sich verhalten

Dass der Mainstream konform ist, also sich die Menschen beispielsweise ähnliche kleiden und ähnliche Frisuren haben, muss so sein. Aber es fällt auch immer wieder auf, dass Menschen, die sich vom Mainstream unterscheiden und ihren Nonkonformismus zeigen wollen, bald auch wieder alle gleich aussehen, bis die nächste Welle kommt. Was man als Modetrends beobachten kann, hat der Mathematiker Jonathan Touboul von der Brandeis University, der das als "Hipster-Effekt" bezeichnet, versucht, in eine Formel für kollektives Verhalten zu fassen.

Touboul geht davon aus, dass sich öfter Menschen, die sich von der Mehrheit unterscheiden sollen, selbst wieder ein Gruppe mit konformistischem Verhalten bilden. Das aber würde der Intention entgegenlaufen, sich von der Mehrheit als Individuen zu unterscheiden und somit ein Paradox darstellen. Das geht für den Mathematiker weit über Moden hinaus und ist ein kollektives Verhalten, das man etwa auch in der Wirtschaft oder an der Börse finden könne, beispielsweise wenn gegen den Strom Aktien verkauft werden, oder auch in der Synchronisierung von Nervenzellen.

Hipsters schauen sich so ähnlich, dass sie sich nicht einmal voneinander unterscheiden können"

Der Mathematiker beschäftigt sich mit dem Thema schon seit Jahren. Kürzlich machte er ein Update seiner Theorie, was Anlass für einen Artikel der Zeitschrift Technology Review über den Hipster-Effekt war.

Nett ist die Geschichte, dass ein Mann gegen die Verwendung eines Fotos protestiert haben soll, mit dem der Artikel illustriert war. Er hatte sich vermeintlich in dem Foto wiedererkannt und drohte mit Anklage, weil das Foto ohne Genehmigung von seinem Blog entwendet wurde. Wie sich aber herausstellte, handelte es sich um ein anderes Getty-Foto von einem männlichen Model, das nur genauso aussah und sich gekleidet hatte.

Für Gideon Lichfield von Technology Review war das eine Bestätigung der mathematisch untermauerte These von Touboul: "Das alles beweist nur die Story, die wir veröffentlicht haben: Hipsters schauen sich so ähnlich, dass sie sich nicht einmal voneinander unterscheiden können."

Der statistische Ansatz von Touboul ist wahrscheinlich etwas zu komplexitätsreduzierend. Er lässt Agenten interagieren, die entweder Mainstream oder nicht-konformistisch Individuen darstellen sollen. Es gibt nur diese zwei Zustände, die Agenten können den Zustand je nach ihrer Umgebung verändern, dabei verläuft die synchronisierende Informationsübertragung verzögert.

Herde bleibt Herde

Das Ergebnis: Wenn die Nonkonformisten zu lange brauchen, um den Trend zu erkennen, werden sie zunehmend dieselbe Entscheidung treffen. Und wenn sie merken, dass dies zu spät ist, werden sie kollektiv in einen anderen Zustand wechseln, in dem sie einander ähnlich bleiben. Nonkonformisten würden sich aber auch durch asymmetrische Interaktionen synchronisieren oder gleichschalten. Beispielsweise sei dies der Fall, wenn sich die Nonkonformisten radikal von den Mainstreamern absetzen wollen, die aber dann der Mehrheit folgen, auch wenn sie aus Nonkonformisten besteht. Hier soll der Zufall in den Entscheidungen die Nonkonformisten synchronisieren.

Nonkonformismus würde nach der mit vielen Formeln unterlegten Theorie das Schicksal erleiden, zu einem neuen Konformismus zu werden. Plakativ erklärt Technology Review den Hipster-Effekt: "Wenn du schließlich dein neues Aussehen der Welt präsentierst, stellt sich heraus, dass du nicht alleine bist: Millionen haben exakt dieselben Entscheidungen getroffen. Ihr alle schaut mehr oder weniger identisch aus, das exakte Gegenteil der Aussage der Gegenkultur, das du erreichen wolltest."

Das dürfte aber nur auf "erfolgreiche" Nonkonformisten zutreffen, die ja in keinem leeren Raum agieren, sondern sich von einem bestimmten nervigen oder repressiven Mainstream absetzen wollen und dabei schon untereinander aufgrund der Negativität Ähnlichkeiten entwickeln, die zur Mode oder zu einer Gleichartigkeit einer Gruppe führen und möglicherweise zu einem neuen Mainstream. Es handelt sich also um ein mathematisches Modell der Dynamik, die Hegel als Dialektik bezeichnete. Dazu kommt, dass in dem Modell eben nicht von einer Gegenkultur die Rede ist, die ja eine andere Kultur durch Zusammenarbeit ähnlich Gesinnter erreichen will, sondern lediglich von Individuen, die nur anders sein wollen und dabei der Rudellogik verhaftet bleiben, schließlich glaubt im Rudel oder im Mainstream auch jeder, individuell zu handeln.

Das Modell von Touboul geht letztlich davon aus, dass es nur zwei Zustände geben kann, zwischen denen die Agenten oszillieren: Mainstream und Nonkonformismus. Hier haben es die Nonkonformisten strukturell schwer, solche zu bleiben, ohne einer Synchronisierung anheim zu fallen. Wenn der Mainstream der Männer keinen Bart trägt, dann tragen die Nonkonformisten Bart und gleichen sich dann in diesem einen Merkmal. Ob das auch der Fall ist, wenn Nonkonformisten mehrere Unterscheidungsmöglichkeiten haben, also etwa unterschiedliche Bärte wie einen Schnauzer, einen Vollbart, einen Backen-, Kinn- oder 3-Tage-Bart, will er in einer neuen Studie herausarbeiten. Gezeigt habe er aber schon, dass langsame Nonkonformisten, die mehr als zwei Alternativen haben, sich auch synchronisieren. Langsam heißt ja auch, es sind keine Trendsetter, sondern Nachzügler, die dann wohl auch schon einem erkennbaren Trend folgen und diesen stärken, womit sich ein neuer Konformismus ausbildet. Man muss also als Nonkonformist schnell sein. (Florian Rötzer)

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