Ist der Burger aus der Petrischale halal oder koscher?

Der von Mark Post und seinen Kollegen fabrizierte Burger aus gezüchtetem Fleisch. Bild: David Parry / PA Wire

Für einige Religionen stellt die Aussicht auf gezüchtetes Fleisch, für das kein Tier mehr geschlachtet werden muss, ein heikles Problem dar

Vor einigen Tagen haben niederländische Wissenschaftler von der Universität Maastricht den ersten Burger präsentiert, dessen Fleisch aus Stammzellen in einer Nährlösung gezüchtet worden war. Mark Post, der Leiter des Teams, sitzt schon seit Jahren an diesem Projekt, Fleisch von Tieren zu ersetzen.

Die Stammzellen, die zur Anlage der Gewebekultur für die Muskelfasern notwendig, habe man Kühen schmerzfrei entnommen, aus einer einzigen Biopsie könne man 20 Tonnen Fleisch züchten. Das ist allerdings noch kein Tischlein deck dich, sondern eine aufwändige und kostspielige Angelegenheit. 250.000 US-Dollar hat die Herstellung eines Burgers gekostet, für den Google-Gründer Sergey Brin, der das Projekt finanziell unterstützt hat, ist das allerdings nur ein Klacks.

Mit embryonalen Stammzellen wäre das Ergebnis wahrscheinlich besser, aber dazu müsste man Embryonen töten, was das Kunstfleisch weniger ethisch sauber werden ließe. Gezüchtet wurden die Muskelfasern mit einer Nährlösung, die fetales Kälberserum enthält. Da will man in Zukunft einen Ersatz finden. Dem künstlichen Fleisch fehlt auch die Versorgung durch Blutgefäße, weswegen nur winzige Streifen wachsen, die dann zu einem Burger verpappt werden können, aber kein Schnitzel ergeben. Zum Geschmack fehlen auch noch Fettzellen - und wahrscheinlich auch die Bewegung. Post glaubt jedenfalls, in 10-20 Jahren Fleisch industriell so züchten zu können, das es auf den Markt angeboten werden kann. Inzwischen preist er die vielen Vorteile des gezüchteten Fleisches für den Klima-, Umwelt- und Tierschutz an. Während nichtreligiöse und die meisten religiösen Menschen vor allem daran interessiert wären, wie das gezüchtete Fleisch denn so schmeckt und ob sie es sich leisten könnten, es anstatt des Fleisches von geschlachteten Tieren zu kaufen, während sie das Projekt wohl grundsätzlich unterstützen, entstehen für Juden und Muslime, deren Religion mit einer hohen Regeldichte einhergeht, möglicherweise komplizierte Probleme. Ist das gezüchtete Fleisch, für das kein Tier geschlachtet werden muss, koscher oder halal. Und wie ist es für die Hindus, für die Kühe heilige Tiere sind, die weder getötet noch verzehrt werden dürfen?

Die chassisdische Chabach-Bewegung fragte denn auch schnell, ob das gezüchtete Fleisch von strenggläubigen Juden gegessen werden darf. Man müsse dies sehr sorgfältig von Experten untersuchen lassen, schreibt Rabbi Yehuda Shurpin, gibt aber schon einmal eine vorläufige Einschätzung. Er verweist auf den Talmud, wo in einer Erzählung Fleisch vom Himmel fällt und es heißt, dass nichts Ungeeignetes vom Himmel komme. Und da gibt es die Erzählung von zwei Rabbis, die das Buch der Schöpfung lasen und ein Kalb schaffen konnten. Nach einer Ansicht ist das Kalb nicht "real" und muss daher auch nicht durch Schächten getötet werden, andere fordern dagegen trotzdem die Schächtung.

Mark Post mit dem Burger aus gezüchteten Fleisch. Bild: David Parry / PA Wire

Aber dabei handele es sich eben um Wunderfleisch, während das gezüchtete Fleisch von Zellen eines lebenden Tiers stamme. Man dürfe weder Glieder noch Fleisch eines lebenden Tiers verzehren. Wenn die Zellen also als Fleisch gelten, dann dürfte es von Juden nicht verzehrt werden. Aber natürlich gibt es auch in strengen Regeln Ausweichmöglichkeiten. So gilt ein Lebensmittel, wenn nur geringe Mengen an nicht-koscheren Inhalten enthält, auch als koscher. Dafür gibt es auch Maß: das Verhältnis darf höchstens 1:60 sein. Da das Fleisch nur aus wenigen Stammzellen gezüchtet wurde, könnte hier also eine Ausnahme möglich sein. Aber da gibt es noch eine Regel, um es wieder komplizierter zu machen. Wenn der Inhalt die Form des Lebensmittels bestimmt, könne es nicht vernachlässigt werden, so klein es auch sein mag:

Es scheint, dass dieselbe Regel auch auf die Zellen zutrefft, die entscheidend für die Züchtung des Fleisches sind. Wenn sie nicht aus einer koscheren Quelle kommen, können sie nicht vernachlässigt werden, und alles, was mit ihnen geschaffen wird, ist daher nicht koscher.

Nach Rabbi Menachem Genack dürfen die Zellen nicht durch eine Autopsie gewonnen werden, sondern nur aus einem nach koscheren Regeln geschlachteten Tier. Von einem geschächteten Tier stammend können die Zellen wie Gelatine behandelt werden, die nicht als Fleisch gilt.

Das ist also ganz schön schwierig. Muslime scheinen damit weniger Probleme zu haben. So antwortete ein Vertreter des Islamic Institute of Orange County auf die Frage, ob gezüchtetes Fleisch halal sei: "Es scheint keinen islamischen Einwand gegen diese Form des gezüchteten Fleisches zu geben."

Abdul Qahir Qamar, Direktor für Fatwa- und Schariaregeln an der International Islamic Fiqh Academy, erklärte Gulf News, dass gezüchtetes Fleisch nicht als Fleisch von lebenden Tiere gelte. Da keine Tiere geschlachtet werden müssten, sei das Leben der Zellen "vegetativ" und etwa mit Joghurt zu vergleichen. Allerdings müssten die Zellen von Tieren stammen, die halal sind. Teile von Schweinen, Hunden oder wilden Tieren, die haram sind, dürfen zur Herstellung aber nicht verwendet werden.

Für Umer Ahmed Ilyasi, der Imam der All India Imam Organization in New Delhi, ist das Züchten von Fleisch unnatürlich und ein Experiment mit der Natur, das in Gottes Wirken eingreife. Halal heiße, dass ein Tier auf bestimmte Weise geschlachtet wird. Und so soll es nach ihm auch bleiben.

In Indien könnte sich die Haltung zu Rindfleisch durch gezüchtetes Fleisch verändern, weil dafür kein Rind mehr geschlachtet werden muss, was in vielen Bundesstaaten verboten ist. Für Chandra Kaushik, Präsident der hinduistischen Gruppe Akhil Bharat Hindu Mahasabha, würde sich hingegen nichts ändern, da der Verzehr von Rindfleisch in jeder Form gegen die Tradition verstößt, da Kühe religiös verehrt würden. Es gibt allerdings auch Hindus, die Rindfleisch essen, worauf India Real Time verweist. In Indien gibt es auch viele Vegetarier. Für diese mache es keinen Unterschied, so Maish Jain, der Gründer von Indian Vegan, ob ein Tier geschlachtet werden muss oder nicht, auch gezüchtetes Fleisch sei kein vegetarisches Produkt. (Florian Rötzer)

Anzeige