Ist der "Islamische Staat" geschwächt?

Kurden und irakische Regierung kommen sich näher, IS wurde von der Raffinerie in Badschi vertrieben, Kurden schätzen die Zahl der IS-Kämpfer auf 200.000

Bislang war die kurdische Region im Irak weitgehend sicher gewesen. Das könnte sich nun ändern. In der Hauptstadt Erbil hat gestern ein Selbstmordattentäter ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug an der Einfahrt zum Regierungssitz zur Explosion gebracht, nachdem Soldaten die Durchfahrt verweigerten und zu schießen begonnen hatten. Fünf Menschen starben, 29 wurden verletzt. Vermutet wird, dass das Fahrzeug von einer Frau gesteuert wurde.

Der "Islamische Staat", gegen den die Peshmerga und die PKK/YPG kämpfen, soll die Verantwortung für den Anschlag übernommen und weitere Anschläge angekündigt haben. Bislang setzte der IS für die zahlreichen Selbstmordanschläge Männer, sollte es sich jetzt um eine Frau gehandelt haben, könnte dies eine strategische Änderung sein.

Im Irak scheinen derweil die kurdischen Kampfverbände und die irakischen Streitkräfte, unterstützt durch die Luftschläge der US-Koalition und irakischer Kampfflugzeuge, Erfolge zu erzielen. So soll die größte Öl-Raffinerie Badschi in der Provinz Salah al-Din, seit Monaten vom IS besetzt, seit Dienstagabend vollständig zurückerobert sein. Die Truppen bereiten sich nun auf einen Angriff auf Tikrit vor, um schließlich auch Mosul zurückerobern zu können. Nach Leutnant Ali al-Quraishi seien neue russische und amerikanische Waffen und Ausrüstung in Badschi eingetroffen, um schnell weitere Angriffe planen zu können.

Die Peshmerga behaupten inzwischen, sie würden inzwischen große Teile nördlich von Mosul kontrollieren, darunter 3 Städte und 75 Dörfer. Auch andernorts scheint IS auf dem Rückzug zu sein. In Kobane hat sich der IS verschätzt. Weil die Stadt zu einem symbolischen Ort geworden ist, werden immer neue Kämpfer und neues Material nachgeschoben, was den US-Drohnen und Kampflugzeugen aber neue Ziele eröffnet und den IS sowie die Kampfmoral schwächt.

Offenbar meiden derzeit die IS-Dschihadisten den offenen Kampf und verlegen sich darauf, Straßen und Häuser mit Sprengbomben zu versehen. Die seien sehr ausgeklügelt, man brauche Experten aus dem Ausland, um sie zu entschärfen. Überdies würden verstärkt Autobomben eingesetzt. Zudem scheinen die irakischen Streitkräfte auch mit "Geistersoldaten" ausgestattet zu sein, also mit nicht im Dienst auftauchenden Soldaten, deren Sold gezahlt wird und in die Taschen von Offizieren fließt. Nach einem irakischen Abgeordneten könnten bis zu 30 Prozent der irakischen Soldaten solche "Geistersoldaten" sein, was auch den Fall von Mosul verständlich macht.

Wenn die Meldung in irakischen Medien stimmen sollte, dann hat der IS seinen Kämpfern die Benutzung von Handys in Ausbildungslagern und an der Front verboten. Benützt werden dürfen angeblich nur noch Handys, die überwacht werden können. Das würde darauf hindeuten, dass die Sicherheit zu einem Problem wird und man Sorge hat, dass militärisch wichtige Informationen weiter gegeben werden. Gut möglich, dass solche Einschränkungen in der Kommunikation die jungen Männer nicht begeistern, die der Smartphone-Generation angehören.

In dem Video, das mit der Köpfung des US-Amerikaners Peter Edward Kassig endet, wendet sich der junge Mann mit dem britischen Akzent direkt an Obama und erklärt, dass die Amerikaner in größerer Zahl als 2003 wieder in den Irak zurückkehren werden. Man werde sie mit Allahs Hilfe in Dabiq vernichten. In der syrischen Stadt Dabiq, die für die islamische Endzeitprophezeiung eines wichtige Rolle spielt, soll auch Kassig getötet worden sein. Darbiq ist auch der Titel des IS-Magazins. Und ein IS-Sprecher erklärt, die Kämpfer sollten nicht von der militärischen Überlegenheit der Amerikaner beeindruckt sein: "Hier stehen wir und beerdigen den ersten amerikanischen Kreuzfahrer in Dabiq und warten begierig darauf, dass der Rest eurer Armee kommt." Man will sich also überhöhen und sieht sich an einer Zeitenwende.

Völlig unklar ist auch, über wie viele Kämpfer der IS verfügt bzw. wie viele er mobilisieren kann. Da der IS mittlerweile ein Drittel Syriens und Iraks und damit 10-12 Millionen Einwohner kontrolliert und sehr auf den Aufbau staatlicher Strukturen und der Versorgung der Bevölkerung achtet, muss es auch viele dem IS zumindest nahestehende Angestellte geben, die in der Verwaltung, auch was die Eintreibung von Steuern betrifft, den sozialen Diensten, den Sicherheitskräften und der Wirtschaft tätig sind. In der Regel wird nur geschätzt, wie viele Kämpfer der IS hat, man geht von 30.000 bis 50.000 aus, manche Schätzungen liegen darunter. Fuad Hussein, der Kabinettschef des kurdischen Präsidenten Barsani, geht von weitaus höheren Zahlen aus, wie er dem Independent sagte. Das mag auch dem Versuch geschuldet sein, mehr Geld und Waffen vom Westen zu erhalten. Aber die Argumentation ist nachvollziehbar.

Hussein glaubt, dass westliche Geheimdienste nur den inneren Kern der Kämpfer berücksichtigt haben, aber dass der IS sieben bis acht Mal stärker ist und mindestens 200.000 Kämpfer mobilisieren könnte. Dass es deutlich mehr als die geschätzten 30.000 sind, belegt für ihn, dass IS an vielen Fronten in Syrien und im Irak gleichzeitig kämpfen kann. Zumindest könnte der IS in den von ihnen kontrollierten Gebieten Hunderttausende von jungen arabischen Kämpfern mobilisieren oder zum Kampf zwingen, zumindest so lange sie über entsprechende finanzielle Ressourcen verfügen. Der IS zahlt angeblich jedem Kämpfer 400 US-Dollar im Monat, das ist für viele junge Männer attraktiv, die arbeitslos sind.

Die US-Luftangriffe hätten den Kurden geholfen, der Sommeroffensive des IS standzuhalten, aber die kurdische Regionalregierung müsse nun eine tausend Kilometer lange Front im Nordirak zwischen Iran und Syrien verteidigen. Der IS arbeite mit einer wirksamen Strategie der Angst, zudem sei er gut mit erbeuteten amerikanischen Panzern und Artillerie bewaffnet und würde auf effektive Weise Selbstmordanschläge, Minen und Scharfschützen ausüben. Der IS sei eine wirkliche Armee geworden. Schnell hätten die Kämpfer gelernt, die modernen Waffensysteme zu bedienen, zudem seien sie bereit, bis zum Tod zu kämpfen. Um diese zu bekämpfen, bräuchten die Kurden ebenfalls schwere Waffen und Apache-Kampfhubschrauber.

Die Lage im Irak könnte sich auch deswegen stärker gegen den IS wenden, weil Bagdad und Erbil offenbar erst einmal eine Übereinkunft erzielt und einen lange schwelenden Konflikt überwunden haben. Monatelang hat Bagdad keine Gelder an die kurdische Region überwiesen, weil die Kurden den Irak nicht an den Ölverkäufen partizipieren lassen wollten. Das hat dazu geführt, dass die Angestellten der aufgeblähten Verwaltung in den Kurdengebieten, die Rentner, aber auch die Peschmerga seit Monaten keinen Lohn mehr erhielten. Wegen der Kämpfe mit dem IS blieben auch Touristen aus, was die wirtschaftliche Situation nicht verbesserte. Konflikte gibt es aber auch über das Geld hinaus, weil die Kurden die Unabhängigkeit, zumindest aber eine weitgehende Autonomie anstreben, die sie freilich bereits erreicht haben. Zudem haben die Peschmerga den Konflikt mit dem IS genutzt, um Kirkuk einzunehmen und damit die Ölfelder dort zu kontrollieren.

Die irakische Zentralregierung hat nun 500 Millionen US-Dollar an die kurdische Regionalregierung überwiesen. Dafür liefern die Kurden täglich 150.000 Barrel Öl an die Zentralregierung. Die türkische Regierung hat hier wohl eine wichtige Rolle bei der Vermittlung gespielt und profitiert davon, denn das Öl wird in Tanks der irakischen Zentralregierung in der türkischen Hafenstadt Ceyhan geliefert. Im März war die Lieferung wegen des Konflikts eingestellt worden. Die Kurden wollten eine eigene Pipeline bauen, um Öl in die Türkei zu liefern. Ob der Deal Bestand hat und dazu führt, dass nicht nur der Streit ums Öl, vielmehr um die aus dem Ölverkauf erzielten Einkünfte, die bislang die Kurden einsteckten, beendet ist, sondern auch die anderen Probleme gelöst und letztlich die Einheit des irakischen Staats gesichert werden kann, steht in den Sternen.

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