Ist der Wald noch zu retten?

Schotten_Wingershausen_SCI_555520885_E_b.png:Bild: UuMUfQ/CC BY-SA-3.0

Ein Kommentar

"Willst du den Wald vernichten, pflanze Fichten, Fichten, Fichten", spotteten kluge deutsche Förster schon vor 200 Jahren. Doch welches ist die häufigste Baumart in deutschen Wäldern heute? Richtig: Die Fichten! Sie belegen im Jahr 2019 über 25% der gesamten deutschen Waldfläche. Die gegen den Klimawandel viel robustere Buche macht nur 15% der Waldfläche aus, die Eiche nur zehn Prozent.

Hinzu kommt, dass Fichten oft auch als Monokulturen im Wald stehen oder besser: als schnellwachsende Plantagen. Doch die Natur bevorzugt immer und grundsätzlich Poly-Kulturen, also Vielfalt statt Einfalt. Der Orkan "Friederike" zum Beispiel entwurzelte im Januar 2018 Millionen Bäume, überwiegend Fichten. Oder der Sturm "Lothar" traf an Weihnachten 1999 vor allem in Monokulturen angebaute Nadelwälder und weit weniger Mischwälder.

Peter Wohlleben: "Die Forstwirtschaft hat grüne Wüsten geschaffen"

Förster sagen oft, dass unsere Vorfahren vor vielen Jahrzehnten für die heutige Wald-Lage die Verantwortung tragen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Bis heute ist die Fichte mehr Fluch als Segen für den deutschen Wald, obwohl Fichten schon lange bis zu 60% durch Stürme und/oder Borkenkäfer geschädigt sind. Noch in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts wurden Laubbäume von Förstern und Waldbesitzern brutal mit Hilfe von "Agent Orange"-Gift beseitigt, das damals auch von der US-Armee im Vietnam-Krieg eingesetzt wurde. US-Hubschrauber versprühten über tausende Quadratkilometer das Entlaubungsmittel, das zehntausenden Menschen den Tod brachte oder sie ein Leben lang zu Behinderten machte oder riesige Waldflächen bis heute vernichtete.

In Deutschland versprühten Hubschrauber über tausende Quadratkilometer Tormona, das ein Bestandteil von "Agent Orange" war. Das Gift führte zu Dioxin-Verunreinigungen im Boden. Auf wieder verfügbaren Flächen wurden damals hierzulande schnellwachsende Nadelwälder gepflanzt, moniert der Öko-Förster und Bestsellerautor Peter Wohlleben in einer aktuellen Titelgeschichte des "Stern".

Das Schweigen im Walde

In Vietnam ist der "Agent Orange"-Einsatz ein knallhartes und bis heute vieldiskutiertes Thema der Politik. In Deutschland aber herrscht dazu "Schweigen im Walde", meint Peter Wohlleben. Er schlägt vor, den Zukunftswald "so schonend wie möglich" zu behandeln und sich möglichst selbst zu überlassen.

Das heißt:

· Erstens: Mehr Vielfalt-Kulturen, weniger Nadelhölzer. Also mehr Urwald von morgen und für morgen. Stämme liegen und verrotten lassen.

· Zweitens: Den Waldboden schonender behandeln, Stämme mit Pferden bis zum nächsten Weg transportieren anstatt mit schweren Maschinen, die den Waldboden stark belasten. Wohlleben praktiziert das schon lange in seinem Eifelwald. Dort lädt er auch Besucher in seinen Wald ein, um ihnen das spannende Zusammenleben von Mensch, Tieren und Pflanzen wieder erfahrbar zu machen. In seinen Büchern werden diese komplexen Zusammenhänge allen Lebens verständlich.

· Drittens: Die Politik darf nicht länger nur sagen, dass die Klimaerhitzung "die Überlebensfrage der Menschheit" (Angela Merkel) ist, sie muss endlich entsprechend handeln.

· Viertens: Zu einer effektiven Energiewende gehört auch eine ökologische Waldwende. Millionen Bäume sind nach den zwei Hitzesommern 2018 und 2019 zu geschwächt, um die Folgen des Klimawandels zu überleben. Die Folge: Schädlinge, Dürre und Feuer - weltweit.

· Fünftens: Nur wenn das Ökosystem Wald intakt ist, kann es auch Millionen Tonnen CO2 speichern, den Klimawandel verlangsamen und den gestressten Menschen unserer Zeit Erholung und Gesundung bieten. Schon vor 900 Jahren sprach die Heilige Hildegard von Bingen von der "Grünkraft des Waldes" oder die Japaner schwören auf das "Waldbaden" für unsere Gesundheit.

Vor 300 Jahren hat der sächsische Förster und Oberberghauptmann Carl von Carlowitz "Nachhaltigkeit" als Voraussetzung für das Überleben der Wälder propagiert: Es darf nur so viel geschlagen werden, wie wieder nachwächst. Rein quantitativ haben sich in Deutschland die Förster und Waldbesitzer daran gehalten. Es gibt 2019 hierzulande etwa zehn Prozent mehr Waldfläche als noch 1990. 33% der deutschen Landfläche bestehen heute aus Wald, etwa 114 Millionen Hektar.

Für den 22. September 2019 hat Land- und Forstwirtschaftsministerin Julia Klöckner einen Waldgipfel einberufen. Vielleicht sollte die Runde auf das uralte Motto vertrauen: Je mehr wir den Wald sich selbst überlassen, desto eher hilft er sich selbst. Die Natur weiß es immer besser.

Auch heute ist die alte Erkenntnis aktuell: "Willst du den Wald vernichten, pflanze Fichten, Fichten, Fichten." Theodor Heuß hat mal gesagt: "Holz ist nur ein kleines Wort, aber voller Mythen und Wunder."

Mehr von Franz Alt auf der Sonnenseite.com.