Ist die Homo-Ehe rechts oder links?

Im Telepolis-Gespräch "Rechte Linke" parlieren Armin Nassehi und Karl Bruckmaier über die Verwirrung der politischen Begriffe im postideologischen Zeitalter

Anlässlich des Erscheinens des neuen Kursbuchs über "Rechte Linke" fand gestern im Münchener Amerika Haus eine Diskussion zum diesem Thema statt. Teilnehmer der von Telepolis-Chefredakteur Florian Rötzer moderierten Gesprächsrunde waren der Soziologieprofessor Armin Nassehi und der Autor und Rundfunkmoderator Karl Bruckmaier.

Die Runde eröffnete Nassehi mit einem frei gehaltenen Vortrag. Erst einmal wies er darauf hin, dass die politische Unterscheidung von Links und Rechts als Bewahrer und Veränderer älter sei als die ideologischen Debatten, die im Zuge der Industrialisierung aufgekommen sind. Dabei hätten die Konservativen keine eigene politische Theorie entwickelt, weil nach ihrem Konzept alles so bleiben soll, wie es ist, weswegen sie auch keine Theorie bräuchten. Links wäre also immer dort gewesen, wo sich ein theoretisches Bewusstsein entwickelt hätte.

Dies gelte heutzutage aber nicht mehr. Denn in der Gegenwart fände man auch auf der konservativen Seite das Bedürfnis nach einer Form von Erklärung der Bedingung der Möglichkeit, wie das, was immer war, bewahrt werden könne, wenn sich alles verändere. Mit dieser paradoxen Zustandsbeschreibung wäre man inmitten der Paradoxien der Gegenwart gelandet.

Ist zum Beispiel, so fragte Nassehi, der Begriff der Homo-Ehe ein Gegenstand, den man in Links und Rechts einordnen kann? Der Soziologieprofessor gestand seine Verwunderung über den Umstand, dass ausgerechnet die Leute, die sich für die Gleichberechtigung homosexueller Lebensformen einsetzen, im Grunde für etwas Partei ergreifen, was sie vorher zwei Generationen noch bekämpft hätten: Eine konservative Lebensform, in welcher der Staat das Private als Privates schützt.

Vor zwei Generationen wäre man hingegen noch überzeugt gewesen, dass das Private politisch sei. An diesem Beispiel könne man wunderbar sehen, dass die Einteilung zwischen Links und Rechts, also zwischen fortschrittlich und konservativ, nicht funktioniere. Bestimmte "unsagbare", weil verpönte Sätze wie der, dass Schwule eklig seien, die einstmals zum Grundarsenal des Konservatismus gehört hätten, wären heutzutage nicht mehr konservativ, sondern seien, sobald sie sagbar wären, nur noch dem rechten Spektrum zuordenbar.

Bei dem rechten Spektrum könne man nun sehr schön sehen, wie es sich einem linken Habitus bemächtige, um so etwas wie revolutionär sein zu können. Viele Rechtsradikale sähen heutzutage ein, dass das Rechte eine Theorie braucht, wenn es eine Wirkung haben soll. Wer also heutzutage rechts sei, sei nicht mehr konservativ-bewahrend, sondern gehe davon aus, dass sich alles ändern müsse.

Ein Beispiel hierfür wäre der Satz, dass Völker nicht ethnisch, sondern politisch hergestellt werden und die Erkenntnis, dass es "keine Konkurrenz zwischen denen gibt, die kommen und denen, die schon da sind". Es wäre spannend zu sehen, wie der linke Habitus dazu verwendet würde, das, was selbstverständlich ist, zu decouvrieren. Ein weiteres Beispiel wäre die Behauptung, dass es keine biologischen Differenzen zwischen Ethnien gibt. Dieser Satz müsse von den Rechten dekonstruiert werden, weil er per se richtig sei und es in der Öffentlichkeit wenig Möglichkeiten gebe, dagegen Position zu beziehen. Das Interessante am Sarrazin-Buch wäre gewesen, dass Leute sich positiv auf ein Buch bezogen haben, weil dort Sätze zu lesen sind, die man eigentlich nicht mehr sagen könne. Diese Skandalisierung betrieben heutzutage die Rechten mit linken semantischen Mitteln: "Sie sagen, dass die Linken konservativ wären, weil sie an Sätze glauben, über die man nicht weiter nachdenken darf."

Nassehi führte dann aus, dass er nun so weitermachen und so tun könne, als ob die Unterscheidung von Links und Rechts keine Rolle spiele, aber das wäre Unsinn. Natürlich spiele die Unterscheidung eine Rolle. Es gebe einige wenige Kriterien, mit denen man feststellen könne, was Links und Rechts sei, die Frage sei nur, ob das tatsächlich weiterhelfe.

Er differenzierte aber zwei Ebenen, an denen man diese Unterscheidung festmachen könne. Auf der Ebene der Kultur wäre dies relativ einfach: Rechts sei all das, was kulturelle Gruppen naturalisiere: Schwarze seien anders als Weiße, Männer anders als Frauen, Türken anders als Deutsche, Franzosen anders als Briten. Der Unterschied zwischen Rechts und Links (oder besser liberal) finde man in den Positionen, wo Individuen nur Exemplare von abgegrenzten naturalisierten Gruppen oder echte Individuen sind.

Im Alltag aber würde man, auch wenn man liberal oder links wäre, meist rechts wahrnehmen. Am Paradoxesten wäre dies an denjenigen zu beobachten, bei denen man unmöglich an den Unterschieden vorbeisehen könne. Man solle zum Beispiel versuchen, am Nebenmann oder Nebenfrau nicht zu sehen, dass es sich dabei um einen Mann oder eine Frau handelt. Oder man solle einmal probieren, einen Schwarzen nicht zu sehen oder einem Schwarzen sagen, dass er nicht schwarz sei. Dies könne man zwar tun, man stoße aber dann auf die Paradoxie, dass man das, was man nicht sieht, benennen muss und somit extra sieht. Auch wer sich für die Frauenförderung an Hochschulen einsetze, kenne die Paradoxie des Satzes: "Diese Stelle muss von einer Frau besetzt werden, weil das Geschlecht keine Rolle spielen darf." Man nehme also im Alltag rechts wahr, auch wenn man links denkt.

Die andere Unterscheidung wäre politökonomischer Natur. Zumindest früher hätte es zwei Positionen gegeben: Die Rechte geht davon aus, dass das freie Spiel der Marktkräfte alles von selbst regele. Das linke Credo würde stattdessen lauten, dass der Markt reguliert werden müsse, damit es nicht zu ungewollten Folgen für die Menschen kommt.

Allerdings hätten katholische Wirtschaftswissenschaftler und Sozialethiker wie Eucken oder Müller-Armack schon vor dem Godesberger Programm der SPD kritisch über den liberalen Markt geschrieben. Wenn man hier genau hinsehe, könne man nicht genau erkennen, was nun eigentlich links oder rechts sei. Und wenn man noch genauer hinsehe, könne man feststellen, dass in den westlichen Industrienationen nach dem Zeiten Weltkrieg die Marge zwischen Regulierung und Deregulierung klein gewesen sei. In nahezu kondratjewschen Wellen könne man Bewegungen von stärkerer und geringerer Regulierung erkennen, die nahezu parallel zu den Marktzyklen verliefen. Und wenn man dann noch genauer hinsehe, müsste man sich fragen, ob die Agenda 2010 nach diesem Schema eher links oder rechts sei. Nassehi wisse dies auf alle Fälle nicht.

Er wisse allerdings, dass dort, wo man ökonomisch die Rechte vermute, nämlich bei den Spitzen der Großkonzerne, die letzten Sozialisten säßen. Diese hätten nämlich den Kapitalismus besiegt, insofern heutzutage das Unternehmer-Risiko abgeschafft wäre. Unternehmer könnten momentan unter ähnlichen Bedingungen entscheiden, wie Politkommissare in der DDR.

Wenn man also genauer nachdenke, wäre also eine Differenzierung zwischen links und rechts oder konservativ und fortschrittlich gar nicht so einfach und eindeutig. Dementsprechend möchte das Kursbuch Debatten führen, in denen Eindeutigkeiten wie Links und Rechts oder Mann und Frau hinterfragt werden.

Der Rock-Theoretiker Karl Bruckmaier, der sich selbst als Nachgeborenen der 68er-Generation bezeichnete, las anschließend aus einem Aufsatz über rechte und linke Popmusik vor, den er für das neue Kursbuch geschrieben hat. Ihm wäre es vor allen darum gegangen, die drei Grunddeterminaten zu erforschen, die zusammenkommen mussten, um das zu schaffen, was man heute als populäre Kultur bezeichne. Dies habe erstens nur in den USA geschehen können, zweitens wäre dort der Glaube an die Warenform vorhanden gewesen und drittens hätten sich hier zahlreiche Hybrid-Kulturen entwickelt, die sich eben nicht in einem melting pot zu einer Gesamtkultur vereinigt hätten, sondern ständig in einem Antagonismus zueinander gestanden hätten.

In den 50er und 60er Jahren hätten Pop und die Linke ein gemeinsames Haus bezogen, weil es sich sexy anfühlte, links zu sein. Zum Generationskonflikt wäre der Klassenkampf, der Kampf um Rechte von Minoritäten und die sexuelle Befreiung getreten, womit man sich über den drögen Alltag im Ostblock und in China hinwegtrösten konnte. Dennoch sei das Verhältnis zwischen Pop und Linken fragil gewesen. So gebe es etwa einen Film, der eine bekiffte und betrunkene Janis Joplin mit einer Federboa vor verstörten deutschen Studenten mit Kurzhaarschnitten und in Anzügen zeigt.

Auch in den USA sei es in der Beziehung zwischen linker Politik, Interessen der Mittelschicht und Pop zu einem Bruch gekommen. Ein gewaltbereites Establishment hätte 1968 bei einem Parteitag der Demokraten tausende Jugendliche zusammenprügeln lassen, ohne dass es zu einem allgemeinen Aufstand gekommen wäre. Woodstock wäre dann nur noch das Rücklicht eines für nur wenige historische Sekunden vorbeirasenden Zuges gewesen. Linke Popmusik als Moment politischer Agitation wäre daraufhin verschwunden und aus dem Revolutionär dann der Gangster oder vegane Punk geworden.

In Deutschland hätten sich allerdings die Dinge spiegelverkehrt entwickelt: Hier hätte eine Nachholbewegung gegeben, die sich mit einigen Bands wie den "Goldenen Zitronen", FSK und "Die Ärzte" bis in die Gegenwart fortsetzt. Letztere hätten sich weder vom Bildungsbetrieb und Schallplattenindustrie vereinnahmen lassen und eine antifaschistische Wirkungsmacht entfaltet, die bis in die Bewusstseinsschichten der entpolitisierten Alltagsjugendlichen dringt und von denen andere Linke nur Träumen können.

Nach dem Vortrag von Bruckmaier wurde in der anschließenden Diskussion noch weiter assoziationsreich argumentiert, eloquent fabuliert sowie entspannt und munter geplaudert. (Reinhard Jellen)

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