Ist die Wissenschaft wirklich in Gefahr?

Das plötzliche Aufblühen einer Pro-Wissenschaftsbewegung: Geht es um eine Ersatzreligion oder um kritisches Denken?

Zehntausende Menschen haben sich am Samstag weltweit an Märschen für die Freiheit der Wissenschaft beteiligt (siehe Science March: Spät, aber wichtig). Auch in Deutschland gab es eine eigene Homepage für diese Aktivitäten. Dort wird allgemein kritisches Denken propagiert.

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Kritisches Denken und fundiertes Urteilen setzt voraus, dass es verlässliche Kriterien gibt, die es erlauben, die Wertigkeit von Informationen einzuordnen. Die gründliche Erforschung unserer Welt und die anschließende Einordnung der Erkenntnisse, die dabei gewonnen werden, ist die Aufgabe von Wissenschaft. Wenn jedoch wissenschaftlich fundierte Tatsachen geleugnet, relativiert oder lediglich "alternativen Fakten" als gleichwertig gegenübergestellt werden, um daraus politisches Kapital zu schlagen, wird jedem konstruktiven Dialog die Basis entzogen. Da aber der konstruktive Dialog eine elementare Grundlage unserer Demokratie ist, betrifft eine solche Entwicklung nicht nur Wissenschaftler/innen, sondern unsere Gesellschaft als Ganzes.

marchforscience.de

Zu den Unterstützern der Wissenschaftsmärsche gehören Universitätsleitungen und zahlreiche Wissenschaftsorganisationen. In mehr als 10 Städten von Berlin bis zum westfälischen Espelkamp gab es in Deutschland Straßenumzüge. Dabei blieb gerade in Deutschland unklar, gegen wen oder was die Freunde der Wissenschaft dazu noch im Schulterschluss mit der Politik auf die Straße gegangen sind. So erklärte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller, Berlin habe "eine ganz besondere Verpflichtung, für die Freiheit einzustehen".

Zudem bekräftigte Müller, der Berliner Senat solidarisiere sich mit "verfolgten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und mit akademischen Institutionen, die in ihrer Existenz bedroht sind". Nun wäre eine solche unbürokratische Unterstützung für verfolgte Wissenschaftler beispielsweise aus der Türkei und Kurdistan vonseiten Berlins sicher wünschenswert. Nur wären dazu ganz konkrete Initiativen nötig, Schaufensterreden hingegen bringen den Betroffenen wenig.

Wenn nun Müller weiterhin erklärte: "Deshalb stellen wir uns entschlossen gegen diejenigen, die die Freiheit der Wissenschaft aushöhlen und Unwahrheiten zu alternativen Fakten erklären", dann wagt er sich auf ein Feld, auf dem er nur verlieren kann. Hier soll ein autoritärer Wissenschaftsbegriff hochgehalten werden und es wird ignoriert, dass eine Kritik daran auch von linken Bewegungen kam und nun auch schon einige Jahrzehnte alt ist.

Als Hauptgrund für das plötzliche Aufblühen einer Pro-Wissenschaftsbewegung wird die Wahl von Trump in den USA und die in der dortigen Administration laut werdenden Zweifel an den wissenschaftlichen Erkenntnissen des Klimawandels genannt. Nun stehen hinter dem Streit um die Interpretationen der bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel aber zwei Modelle der Kapitalakkumulation.

Eines suggeriert, es könne im Grunde mit Kohle, Öl und Gas so weitergehen wie bisher. Diese Vertreter des fossilen Kapitalismus wollen wissenschaftliche Erkenntnisse über die Folgen des Klimawandels möglichst in Zweifel ziehen. Dagegen sind die wachsenden Vertreter eines sogenannten grünen Kapitalismus, die in Deutschland Einfluss haben, bestrebt, die Folgen eines "Weiter so" mit dem fossilen Kapitalismus als besonders desaströs darzustellen.

Da wird gleich suggeriert, als stünde die Bewohnbarkeit der Erde auf dem Spiel, wenn nicht alle die angeblich so klaren Rezepte befolgten, die die Klimaforschung bereithält. Unterschlagen wird dabei, dass die Wissenschaft kein Rezeptblock ist. Noch vor einigen Jahren hätte jeder ernst zunehmende Klimaforscher ehrlich bekannt, sie können zwar nachweisen, dass Menschen das Klima beeinflussen. Doch weil die infrage kommenden Faktoren viel zu kompliziert seien, sei es kaum möglich, Klimaszenarien für einen längeren Zeitraum zu erstellen.

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Allein ein Faktor, wie der Golfstrom und was mit ihm bei einer weiteren Erwärmung passieren könnte, wurde als Beispiel für diese Schwierigkeiten angeführt. So könnte ein Versiegen des Golfstroms ausgelöst durch die Erwärmung zu einem massiven Temperaturrückgang in Europa führen. Ähnliche Effekte könnten durch das Freiwerden von Methangasen etc. eintreten.

Doch heute wird über die Schwierigkeiten, wissenschaftliche Prognose und Szenarien zu erstellen, nur noch selten geredet. Je mehr die Feinde einer angeblich freien Wissenschaften benannt werden, desto mehr scheint die Wissenschaft in die Rolle einer Ersatzreligion zu geraten, die gar nicht mehr hinterfragt wird.

Historisch gesehen, waren sowohl die marxistischen als auch die anarchistischen Formationen der Arbeiterbewegung sehr wissenschaftsfreundlich. So gehörte in der Sozialdemokratie vor ca. 110 Jahren eine Fülle von wissenschaftlichen Traktaten, Broschüren und Büchern zum Sortiment des Verlags- und Literaturwesens. Führende Sozialdemokraten bemühten sich, den Arbeitern wissenschaftliche Grundkenntnisse nahezubringen. Da waren die Schriften von Darwin ebenso gefragt wie die von Ernst Haeckel.

Der anarchistische Teil der Arbeiterbewegung ließ sich bei der Wissenschaftsfreundlichkeit von den Sozialdemokraten nicht übertreffen. Anarchisten wie Proudhon oder Kropotkin waren besonders bemüht, Erkenntnisse der Wissenschaft in ihren Kreisen populär zu machen. Tatsächlich stand ein emanzipatorisches Grundanliegen dahinter. Die Arbeitermassen sollten sich nicht mehr von Esoterik und Religion einfangen lassen.

Mit der Wissenschaft wurde eine Sicht auf die Welt propagiert, die auf Naturgesetzen, auf Argumenten und Fakten und nicht auf Glauben und Aberglauben beruhte. Schließlich stand auch die Überzeugung Pate, dass die Wissenschaft ein Instrument sein könnte, mit dem sich die Lohnabhängigen ihre Welt erkenn- und erklärbar machen können. Das aber ist die Voraussetzung, um die Welt zu verändern.

Vor allem in der Frühphase der Arbeiterbewegung fehlte noch das Bewusstsein dafür, dass auch bestimmte Erkenntnisse der Wissenschaft zu Dogmen werden können, die kritisches Denken und Emanzipation eher behindern als fördern. In dieser Funktion wurde Wissenschaft dann durchaus zu einer Art Ersatzreligion, jedenfalls zu einen Herrschaftsinstrument.

Es gibt eine lange und fruchtbare Tradition einer linken Wissenschaftskritik, die man bei Theoretikern der Kritischen Theorie ebenso findet, wie im Strukturalismus. Der Name des französischen Soziologen Michel Foucault steht für eine besondere Spielart der Wissenschaftskritik. Vor allem der nun wieder propagierte Wahrheitsanspruch der Wissenschaft wurde damals massiv in Frage gestellt.

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