Ist die deutsche Autoindustrie noch zu retten?

Bild: Pixabay License

Die Energie- und Klimawochenschau: Vom bevorstehenden und selbstverschuldeten Niedergang einer deutschen Schlüsselindustrie

Wie wäre es mit einem Pkw, der auf der Stelle drehen kann? Die deutschsprachige Ausgabe von Technology Review schreibt über einen japanischen Hersteller, der demnächst einen Radnabenmotor auf den Markt bringen will.

Mit dem könnten dann alle vier Räder einzeln angesteuert werden, sodass sie sich in unterschiedlichen Richtungen drehen. Das mit ihnen ausgestattete Auto könnte seitwärts in die Parklücke fahren oder auch auf der Stelle wenden.

Das sind natürlich nur nette Spielereien. Aber ein Radnabenmotor würde nicht nur Gewicht für Getriebe, sondern auch für das Lenkgestänge sparen, außerdem die herkömmlichen Motor- und Antriebskonzepte über den Haufen werfen und damit die ganze Automobilproduktion umkrempeln.

Nidec, ein Unternehmen mit 45 Jahren Erfahrung in der Entwicklung und Miniaturisierung von Motoren ist ziemlich zuversichtlich, dass es schon in wenigen Jahren in Massenfertigung gehen und der alten Industrie das Fürchten lehren wird. Diese wird nämlich den Vorsprung der Japaner kaum aufholen können, so Nidecs Prognose. Das Unternehmen hat schon einmal etwas ähnliches bei der Herstellung von Motoren für CD-Laufwerke erlebt.

Bisher sind das alles natürlich nur Ankündigungen, vielleicht auch ein wenig Prahlereien, und hierzulande ist man ja ziemlich groß darin, überheblich auf Neuerungen herab zu sehen. Viel zu lange war die deutsche Automobilindustrie damit beschäftigt, ihre Ingenieure ausgetüfftelte Abgasbetrügereien entwickeln zu lassen und die Politik von bindenden Vorgaben für die Verbrauchs- und Emissonsminderungen abzuhalten.

Entsprechend läuft man nun der Entwicklung hinterher. Noch heute wagt es niemand, mit den Vorständen von VW, BMW und Daimler Tacheles zu reden und ein fixes Ende für den Verbrennungsmotor festzulegen.

Keine Wende in Sicht

Letzteres würde Planungssicherheit für die Unternehmen und einen heimischen Markt bedeuten, auf dem Neuentwicklungen abgesetzt werden könnten. Doch die bisherigen Konzepte von VW & Co. sehen eher danach aus, dass man Elektroautos exportieren und zuhause möglichst lange die alten Stinker verkaufen will.

Und eine grundsätzliche Wende ist ohnehin nicht in Sicht. Denn natürlich kann das E-Auto allein nicht die Alternative sein. Weltweit ziehen immer mehr Menschen in die Städte, und die sind voll. Dort beanspruchen Privatautos viel zu viel des knappen Guts "öffentlicher Raum". Und sie verbrauchen viel zu viel Energie und andere Ressourcen.

Denn natürlich ist auch die Produktion von Elektroautos ziemlich energieaufwendig. Die verwendeten Materialien wie das Kupfer für die Motoren oder das Lithium für die Akkus sind endlich und sollten zuerst eher für Elektrobusse, Bahnen, Taxen, Krankenwagen, LKW und andere Fahrzeuge des öffentliche Bedarfs eingesetzt werden.

Es kriselt schon

Aber vielleicht muss erst die große Krise kommen, bevor umgesteuert werden kann. In Indien sind seit April bereits 350.000 Autoarbeiter auf die Straße geworfen worden, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet. Besonders betroffen sind die Zulieferer, darunter auch die deutschen Unternehmen Bosch und ZF mit ihren indischen Niederlassungen.

Ursache ist ein Absatzrückgang bei Pkws und Motorrädern auf dem Subkontinent. Auch auf dem inzwischen weltweit größten Markt für Autos, dem chinesischen, zeigt sich inzwischen eine Sättigung. Mit 23,271 Millionen wurden 2018 etwas weniger Pkw als im Vorjahr verkauft. Das war übrigens der erste - leichte - Rückgang seit 1990.

Schon 2017 war das Wachstum deutlich abgeflacht; zusammen deuten beide Jahre auf eine längerfristige Sättigung hin. 2019 läuft der Verkauf bisher ebenfalls eher schleppend. Hinzu kommt, dass in China aufgrund der staatlichen Förderungs- und Quotenpolitik der Absatz von Elektroautos rasant zunimmt.

2018 wurden dort bereits 1,1 Millionen Elektroautos plus 60.000 elektrischer Transporter verkauft. Das entsprach einem Marktanteil von 4,2 Prozent, der aber - wie die Monatszahlen zeigen - rasch weiter wächst. 2019 könnten es bereits 1,8 Millionen verkaufte Elektro-Pkw sein.

Verstaatlichung?

Doch wie bekommt man die deutsche Autoindustrie dazu, sich vom Verbrennungsmotor zu verabschieden und die Produktion auf den öffentlichen Verkehr auszurichten? Ob sich wohl deutsche Gewerkschafter, wenn die Krise erst richtig zuschlägt, ein Beispiel an ihren nordirischen Kollegen nehmen?

Im dortigen Belfast haben Arbeiter einer einst riesigen Traditionswerft ihren Betrieb besetzt. Die Konkursverwalter sind ausgesperrt und der Abtransport von Maschinen und Material wird verhindert. Ihre Forderung an die Regierung in London: Verstaatlicht unser Unternehmen und stellt es auf erneuerbare Energie um.

Wie laut die Krise bereits an die Türe der deutschen Automobilbranche klopft, zeigen auch die Vorbereitung zur Internationale Automobilausstellung vom 10. bis zu 15. September in Frankfurt - Klimaschützer wollen sie mit Protestaktionen und Blockaden begleiten, aber das ist eine andere Geschichte.