Ist die europäische Diskussionskultur schon Geschichte?

Warum ist die Argumentations- und Diskussionskultur in Europa beheimatet?

Da muss man ein wenig in der Geschichte kramen und wird bei Platon fündig, von dem erste Ansätze einer Argumentationslehre überliefert sind. Eine erste ausgearbeitete Argumentationstheorie findet man dann in den Schriften seines Schülers und Kritikers Aristoteles. Mit einem gewaltigen Sprung auf der Zeitschiene landet man dann im Zeitalter der Aufklärung, das zumeist von 1650 bis 1800 angesetzt wird, als die Vernunft als universelle Urteilsinstanz zur Anwendung kommt.

Auf dieser Basis hat sich einerseits die Kultur der Diskussion und andererseits die der Debatte entwickelt, die heute vielfach synonym benutzt werden, sich jedoch in ihrer Charakteristik deutlich unterscheiden. Während die Diskussion auf einen Kompromiss zielt, dient die Debatte, wie sie in Parlamenten üblich ist, zur Präsentation der eigenen Ansichten, über welche dann abgestimmt werden kann.

Mit Hilfe der Vernunft und der Naturwissenschaften wurde in der Folge der Aufklärung die Welt neu betrachtet und sortiert und so manches Phänomen, welches zuvor dem Wirken eines höheren Wesens zugeschrieben worden war, erhielt eine rationale Erklärung. Dass sich nicht zuletzt die Kirchen gegen den zunehmenden Verlust ihrer Erklärkompetenz wehrten, ist durchaus nachvollziehbar.

Im Bildungsbürgertum konnten wissenschaftliche Erklärungen zunehmend Raum greifen. Dies galt zumindest, solange die neu gewonnenen Erkenntnisse dabei halfen, die kleine Welt um die Menschen herum zu verstehen. Mit der Globalisierung kam diese kleine Welt jedoch unter die Räder.

Kein "wahr" oder "unwahr", "richtig" oder "falsch"

Je komplexer die Erklärung der Welt wurde und je weniger sie für den Einzelnen nachvollziehbar wurde, desto stärker wurde auch im Westen wieder die Suche nach Vorbildern aufgenommen. Da Text für zahlreiche Zeitgenossen als leicht zu fälschendes Medium gilt und kaum noch jemand Texte auswendig lernen kann, um sie mit niedergeschriebenen Versionen zu vergleichen, wird auch in Europa als Quelle und Beleg für eine Aussage in zunehmender Weise auf Videos zurückgegriffen.

Dabei übersehen die meisten, dass Videos heute sehr professionell gerendert werden können und mittels der Lichtfeldtechnik ein fließender Übergang zwischen Fakt und Fiktion möglich ist, der praktisch nicht mehr zu erkennen ist. Aus Fake News werden so mit durchaus überschaubarem Aufwand Fake Videos.

Der fließende Übergang zwischen Fakt und Fiktion, an welchen sich die Bewohner der westlichen noch nicht gewöhnt haben, ist für manche asiatische Gesellschaft Tagesgeschäft und die jeweils spezifische Bewertung davon abhängig, wem eine bestimmte Äußerung zugeschrieben wird.

Es gibt in diesem Zusammenhang kein wahr oder unwahr, richtig oder falsch, sondern letztlich nur das Kriterium glaubhaft und das ist jeweils sehr subjektiv und situationsbezogen. So werden die zwei Kinder einer befreundeten Familie, für welche ich die Ausbildung bezahle, von Fall zu Fall als meine Kinder bezeichnet, die bei mir in Deutschland leben, obwohl sich beide dauerhaft in Fernost aufhalten.

Die europäische Forderung, dass Informationen objektiv und überprüfbar sein sollen, geht an der fernöstlichen Situation weitestgehend vorbei. Wer mit der Situation in Fernost vertraut ist, kann übrigens auch ganz gut mit der in Europa wachsenden Entwicklung umgehen, welche rein subjektive Aussagen als objektiv richtig und wahr bezeichnet, was einer rationalen Argumentation und somit jeglicher Diskussion den Boden entzieht. (Christoph Jehle)

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