Ist es Vodafone Live - oder doch nur eine Aufnahme?

Praxisexperiment "UMTS-Fernsehen"

Kommt das Handy-Fernsehen nun als DMB oder als DVB-H? Die Mobilfunkprovider haben eine dritte Alternative anzubieten: UMTS. Mit Fernsehen hat das allerdings nur begrenzt zu tun: Man sitzt nicht in der ersten Reihe, auch nicht in der zweiten, aber nach etwa einer Minute Wartezeit kommt man dann schon auch mal dran.

Der Unsinn, für den Besitz eines Computers mit Internetzugang ab 1. Januar 2007 Fernsehgebühren zahlen zu müssen, ist glücklicherweise bald vom Tisch. Es gibt nämlich überhaupt keine Live-Internetstreams der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. Und es ist auch ziemlich unwahrscheinlich, dass sich jemand die Quälerei antäte, über einen Internetstream fernzusehen, nur um die TV-Gebühr zu sparen. Stattdessen sollen PCs mit Internetzugang einem Radio gleichgesetzt werden, obwohl auch hier das Vergnügen seine Tücken hat, wogegen nur sehr schlechte Radios alle halbe Stunde neu eingestellt werden müssen.

Nicht nur MTV-Klingeltöne, sondern den Sender selbst auf dem Handy… (Bild: W.D. Roth)

Die privaten Fernsehsender haben dagegen tatsächlich versucht, ihr Programm auch per Internet unter die Leute zu bringen – allerdings nicht gratis. Das Interesse hielt sich trotzdem in Grenzen – Konvergenz von Fernsehen und Computer hin oder her, mit einem Internetzugang fernzusehen ist ungefähr so sinnvoll wie mit einem Schaufelradbagger den Gartenzaun zu streichen: mit viel Mühe ist es zwar möglich, doch wirklich praktisch ist es nicht.

Um die Sache voranzubringen, hat die Telekom für 50 Millionen Euro Internet-Lizenzen für die Bundesliga gekauft und VDSL verlegt (Ein Versuchslabor, um heiße Luft abzulassen), das im Gegensatz zu einfachem DSL ein dem normalem Fernsehen vergleichbares Bild ermöglichen soll. Ein Schnäppchen sollte dieser Einkauf werden und dann durch das für VDSL wiederhergestellte Monopol der Telekom das Geschäft sichern. Zum Beginn der Bundesligasaison konnte die Telekom dann auch voll absahnen: Für ihre für "nur" 50 Millionen Euro erstandene Bundesligalizenz plus den VDSL-Installationskosten konnten auf Anhieb 43 Kunden gewonnen werden. Nein nicht 43 Millionen – 43 Stück. Und wegen diesen 43, die Telekom, ARD und ZDF locker per Handschlag begrüßen können, hätten wir alle nun Fernsehgebühren zahlen sollen? Absurd.

Wenn man das Bild um 90° drehen lässt, wird mehr erkennbar. Allerdings benötigt diese im Menü versteckte Funktion einige Sekunden Wartezeit bis zum Bildneuaufbau (Bild: W.D. Roth)

Da der ursprünglich erwartete große Run auf UMTS bis heute ausgeblieben ist – aus rein finanziellen Gründen, UMTS ist einfach noch zu teuer und zum reinen Telefonieren und SMS verschicken nicht notwendig – dachten sich die Mobilfunkprovider Alternativen aus, um ihr neues Netz auszulasten. Eine davon ist natürlich Fernsehen – das lastet das Netz garantiert aus und zwar so massiv, dass nach 12 UMTS-TV-Guckern in einer Funkzelle schlichtweg Schluss ist. Was für ein schrecklicher Gedanke: Wenn man den Nachbarn nicht zuvorkommt, kann man die Tagesschau nicht mehr sehen oder "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" findet ohne einen statt. Man muss also schon um 16 Uhr vor den anderen nach Hause kommen, damit man das Fußballspiel um 20 Uhr empfangen kann. Da wird doch die Glotzerei wieder richtig spannend!

Solange es noch nicht viele UMTS-Kunden gibt, können sich die Provider allerdings solche Scherze durchaus leisten, um Kunden anzulocken. Letztes Jahr war Vodafone Live deshalb zunächst komplett "All Inclusive". Allerdings war es nie wirkliches Live-Fernsehen: es wurden immer schon mehrheitlich Inhalte aus der Konserve verwendet. Einerseits deswegen, weil es in Internet wesentlich leichter ist, derartige Inhalte von einem Server abzuspielen, als Live-Signale durchzureichen: Da jeder Kunde telefontypisch einzeln angeschlossen ist, kann so die Gesamtlast aufs Netz verringert werden, indem die Server nicht zentral aufgebaut werden, sondern übers Netz verteilt (Die Telekommunikationsnetze wachsen zusammen). Auch bei VDSL will die Telekom dieses Prinzip verwenden.

Die gute Nachricht: UMTS-Fernsehen läuft nicht unter Windows Media. Die schlechte: Ein offenes Format ist es auch nicht…(Bild: W.D. Roth)

Hinzu kommt, dass die Übertragung über Streams deutliche Verzögerung mit sich bringt und jedes "Buffern", also Aussetzen, des Streamings eine weitere Verzögerung hinzu bringt: Die Übertragung wird ja nach der Ladepause an der unterbrochenen Stelle fortgesetzt, also um die Pause, die zum Nachladen eingelegt werden musste, verzögert. Und da schließlich auch noch das Ansehen kompletter Spielfilme auf einem Minidisplay extrem anstrengend würde, werden lieber kurzweilige Inhalte bereitgehalten, bei denen man mal eben ein paar Minuten zwischendurch reingucken kann.

Das normale TV-Programm ist auch wegen der Werbepausen für UMTS nicht besonders geeignet: Wenn man gerade einmal ein paar Minuten guten Empfang hat und möglicherweise dafür zukünftig auch wieder minütliche Verbindungsgebühren hinlegen muss, wird man in diesen teuren und kurzen Minuten nicht auch noch Werbung ansehen wollen.

Na klar, das konnte ja auch nicht funktionieren – Telepolis ist doch erst 10 Jahre und keine 18… (Bild: W.D. Roth)

Infolgedessen werden von den Mobilfunkprovider weder Live-Programme noch komplette Spielfilme aufs kleine Handydisplay gebeamt, sondern kürzere Beiträge, bei denen das Bild auch nicht ganz so entscheidend ist wie bei einem Spielfilm. Beispielsweise einzelne Folgen von "Sex and the City" oder Ausschnitte aus Comedyshows. Es handelt sich allerdings nicht um "Video on demand", sondern um ein laufendes Programm. Es kann einem also ohne weiteres passieren, dass man zwei Minuten vor Ende einer Folge einschaltet und dann erstmal eine andere Fernsehserie anschauen muss, bis wieder „Sex and the City“ dran ist. Auch ist jeder Senderwechsel mit deutlichen Wartezeiten verbunden.

Ein halbwegs normal erscheinendes Programm gibt es lediglich vom Musikclipsender MTV, wobei dies bereits zu den Premium-Programmen gehört, das einen Monat lang umsonst getestet werden kann, aber danach 10 Euro im Monat kostet – wohlgemerkt nur für diesen einen Sender. Einzige freie und trotzdem live sendende Kanäle sind Eurosport, n-tv, ein Wetterkanal, ein Homeshopping-Kanal und „Fashion TV“. Insgesamt stehen inzwischen 30 Programme zur Auswahl, hinzu kommen einzeln abrufbare Videoclips. Insbesondere im Bereich Erotik.

Immerhin: Das Logo ist scharf… (Bild: W.D. Roth)

Natürlich sollen die "Ruckelfilmchen" das Handygeschäft beflügeln, denn Sex soll ja auch schon dem Videorekorder und dem Internet zum eigentlichen Durchbruch verholfen haben und so warten die Netzbetreiber auch bei UMTS auf die sexuelle Revolution. Auch wenn es durch geschickten Menüaufbau dem Kunden so erscheint, sind diese Kanäle natürlich keinesfalls gratis, wenn auch mitunter durchaus umsonst.

Es gibt Filmchen ab 18 und Filmchen ab 16, letzteres ist also keine Pornographie: Mehr als blanke Brüste gibt es da dann nicht zu sehen. Ein einminütiges Video kostet trotzdem 2,00 Euro zum nur einmal Ansehen und 2,50 Euro zum Herunterhol… -laden und beliebig oft auf dem Schulhof vorzeigen. Nicht Pornographie ist ein solches Filmchen übrigens unter anderem, wenn es Kunst ist – und es ist wirklich eine Kunst, die von der Redaktion aufopferungsweise testweise angesehene Dame ohne Oberhemd im Wald so extrem unscharf zu filmen, dass dies sogar auf dem kleinen Handybildschirm auffällt…

Sex on mobile – Sex auf dem Handy? Na wenn das nicht wehtut… (Bild: W.D. Roth)

Auch wenn auf den ersten Blick über UMTS tatsächlich etliche Fernsehkanäle zu sehen sind, geht der praktischen Nutzwert des Angebots gegen Null und Bildqualität sowie Bedienungskomfort nähern sich den ersten Webcams im Internet. Lediglich anspruchslose Kanäle wie MTV mögen über UMTS akzeptabel sein. Allerdings ist der Klang des getesteten Nokia-Handys N70 nur über die mitgelieferten „Ohrpillen“ erträglich, während der eingebaute Lautsprecher eher als Mückenscheuche geeignet scheint denn als Musikwiedergabeinstrument. Will man dagegen eigene Kopfhörer anschließen oder gar einem Ghettoblaster, scheitert man an den speziellen Nokia-Steckverbindern – ein Adapter auf normale Kopfhörerstecker wird zumindest von Vodafone aus bei diesem Gerät nicht mitgeliefert. (Wolf-Dieter Roth)

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