Ist es rassistisch, zu Biodeutschen "Kartoffeln" zu sagen?

Ferda Ataman. Foto (2019): Heinrich-Böll-Stiftung/CC BY-SA 2.0

Die Kampagne gegen die linksliberale Ferda Ataman zeigt einmal mehr, dass es für rechte Kampagnen nicht die AfD braucht. Kommentar.

"Sie verspottete Deutsche als 'Kartoffeln' – Aktivistin soll Beauftragte für Antidiskriminierung werden." Das war nicht etwa eine Pressemitteilung der AfD gegen die Ernennung der von der Bundesregierung vorgeschlagenen linksliberalen Kolumnistin Ferda Ataman zur Antirassismus-Beauftragten.

Nein, die AfD ist auch nach ihrem, mit einem Streit über die Europapolitik beendeten, Bundesparteitag weiterhin mit sich beschäftigt. Doch, da zeigt sich, es braucht keine Rechtspartei.

Für Kampagnen gegen eine liberale Antirassismus- und Migrationspolitik beispielsweise ist noch immer die Bild-Zeitung die erste Adresse. Sie hat die Empörung gegen Ataman gesteigert, indem sie die Bezeichnung "Kartoffel" für Biodeutsche in die Nähe des Rassismus bringt. Nun muss man diese Art von Humor nicht goutieren und kann ihn sicher lang und breit kritisieren, wie vieles, was die liberale Publizistin Ataman geschrieben hat.

Doch, wer hier antideutschen Rassismus sieht, hat eben nichts von der Unterdrückungsform des Rassismus verstanden und will dann in erster Linie wieder Deutsche zu Opfern machen, in diesem Fall von einer "woken Linksliberalen", die nicht auf der Linie mit dem Ex-Heimatminister Seehofer stand. So wird ihr doch tatsächlich vorgeworfen, sie habe in einem Artikel für die Antonio-Amadeus-Stiftung dem vom Seehofer geführten Heimatministerium unterstellt, "vor allem Symbolpolitik für potentielle rechte Wähler" zu betreiben.

Seehofer boykottierte anschließend einen Integrationsgipfel im Kanzleramt, weil dort auch Ataman teilnahm. Damals wurde dieses Verhalten eines Ministers, der scheinbar Kritik nicht vertragen kann, in vielen Medien kritisiert. Heute wird diese durchaus gutbegründete Kritik im Nachhinein zum Vorwurf an Ataman gedreht.

Keine Fundamentalkritikerin Seehofers

Dabei wird übersehen, dass Ataman als Liberale und ehemalige Redenschreiberin des CDU-Politikers Armin Laschet keine Fundamentalkritik am deutschen Nationalismus und auch nicht an "Heimat-Horst" Seehofer leisten wollte. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung hat sie sich sogar am Heimat-Kitsch beteiligt und sich mit Seehofer deshalb verbunden gefühlt, weil beide aus Bayern stammen:

Ich bin ja aus Franken, aus Bayern. Ich begleite ihn sozusagen schon seit Jahren und er ist ja jetzt auch - wie ich - nach Berlin gekommen. Ich empfinde ihn eigentlich schon immer als mir recht nahestehende Person. Aber ich weiß nicht, ob wir uns irgendwann schon einmal in die Augen geguckt haben. Also lautet meine Antwort: Nein, ich glaube nicht. Aber ich fühle mich ihm verbunden, weil wir eine Heimat teilen.

Ferda Ataman, SZ-Interview

Dort stellte die Journalistin auch noch einmal klar, dass sie Seehofer nie vorgeworfen hat, eine Blut- und Boden-Politik zu betreiben. Tatsächlich hat sie in dem inkriminierten Beitrag einige kluge Gedanken zur Inflation des Heimatbegriffs gemacht.

Wir reden erst über Heimatsehnsucht, seit viele Geflüchtete gekommen sind. Politiker, die derzeit über Heimat reden, suchen in der Regel eine Antwort auf die grassierende "Fremdenangst". Doch das ist brandgefährlich. Denn in diesem Kontext kann Heimat nur bedeuten, dass es um Blut und Boden geht: Deutschland als Heimat der Menschen, die zuerst hier waren. Und also auch bestimmte Vorrechte haben. Hier wird Heimat zum weniger verpönten Begriff für "Volk" und "Nation". Heimat ist nicht länger hybrid und erwerbbar, sondern ein Code für "Deutschland den Deutschen". Eine ratlose und falsche Antwort auf den Rassismus im Diskurs.

Ferda Ataman

Hier ist die Grundlage eines Diskurses über Heimat formuliert, den Linksliberale und Linke teilen können. Die Hetzkampagne von Bild über Focus bis zur FDP zeigt auch, wie dünn der Firnis der Zivilisation in diesen Kreisen ist, wenn sie die von Ataman mit Recht als brandgefährlich dargestellte Art der Verwendung des Heimatbegriffs verteidigen wollen.

Die Bild-Zeitung als Volksstimme

Die Kampagne gegen Ataman ist nun nicht das einzige Beispiel dafür, wie Bild in die Bresche springt, die die AfD mit ihrem Totalausfall erzeugt hat. So inszeniert die Boulevard-Zeitung auf zwei Seiten eine Kampagne gegen angebliche Clans, die dem deutschen Steuerzahler auf der Tasche liegen.

Damit wird die fundierte Kritik an der Verwendung des Begriffs Clankriminaltität ignoriert, der eben in der Regel bei Menschen mit vermuteten oder tatsächlichen migrantischen Hintergrund verwendet wird.

Es fällt auf, dass Bild in der letzten Zeit wieder vermerkt als Beobachter im Auftrag des Volkes agiert. Überwiegend Männer, die sich als Arbeiter oder Handwerker vorstellen, schimpfen dann über alle Neuerungen in der Familien- und Verkehrspolitik, die sie als persönlichen Angriff auf sich als deutsche Männer definieren.

Was dabei herauskommt, unterscheidet sich nicht sehr von irgendwelchen rechten Foren. Nur wird das dann eben bei Bild ganz offiziell als Volkes Stimme in die Welt gesetzt.

Wo bleibt die Bild-Kritik?

Da fragt man sich, wo eine emanzipatorische Kritik an Bild und Co. bleibt? Selbst das Bild-Blog, das einmal gegründet wurde, um die täglichen Falschbehauptungen, den Sexismus und Rassismus des Blattes zu dokumentieren, beschäftigt sich kaum mehr mit der Zeitung, sondern mit der Mediengesellschaft allgemein.

Auf dem linksliberalen Blog Volksverpetzer werden Bild und Welt wenigstens noch gelegentlich kritisiert. Es ist schnell ersichtlich, warum auch dort Kritik an Bild nur noch in schmalen Dosen formuliert wird. In der begeisterten Zustimmung zu Deutschland und zur Nato sind sie sich nämlich einig und bei der Entlarvung angeblicher oder tatsächlicher Putin-Propagandisten können Bild und Volksverpetzer in einen Wettbewerb treten.

Wer aber keine grundsätzliche Kritik an den deutschen Verhältnissen mehr leisten will, kann Bild nicht wirklich grundlegend kritisieren. Denn die Bild-Zeitung ist eine tägliche geballte Ladung dieser deutschen Verhältnisse. (Peter Nowak)