Ist von sich selbst abschreiben unethisch?

Von 17 Millionen wissenschaftlichen Veröffentlichungen in der Medline-Datenbank sind offenbar rund 200.000 Duplikate - bewusst vom selben Autor (oder von anderen) erstellte Kopien wissenschaftlicher Arbeiten

Der Fahrkartenkontrolleur wird nach der Anzahl der erwischten Schwarzfahrer bezahlt, der Schornsteinfeger nach der Zahl der gereinigten Rauchabzüge - und ein Forscher im Wissenschaftsbetrieb mehr oder weniger direkt nach der Zahl seiner Veröffentlichungen. Natürlich ist selten das Gehalt direkt an diese Quote gekoppelt - doch der Status des Forschers wird in der Regel daran abgelesen, der ihm zum Beispiel erlaubt, Drittmittel einzuwerben oder irgendwann den nächsten Schritt auf der Karriere- und Gehaltsleiter zu wagen.

Nun sind Wissenschaftler natürlich auch nur Menschen - und so ist klar, dass das dringende Bedürfnis, gut dazustehen, auch mal in ein Verhalten umschlagen kann, das gemeinhin als unethisch beschrieben wird. Der Forscher muss ja nicht gleich so weit gehen, Ergebnisse zu fälschen - solche Fälle erregen dann doch zu viel Aufsehen, die Gefahr, dass ihre Aufdeckung der Karriere schadet, ist zu groß. Angesichts jüngster Fälschungsskandale fragt man sich ja doch, warum es manch einer trotzdem versucht… Ähnliches gilt für Plagiate: Wenn der, bei dem sich der betrügende Forscher bedient, davon irgend etwas mitbekommt, wird er schnell für die Aufdeckung des Skandals sorgen.

Viel weniger Risiko geht der Forscher aber ein, wenn er von sich selbst abschreibt und seine eigenen Arbeiten kopiert. Das schadet zwar eigentlich niemandem wirklich, es verschafft dem Abschreibenden aber einen ungerechtfertigten Vorteil und gilt schon deshalb als unethisch. Das Risiko, dabei entdeckt zu werden, war allerdings in der Vergangenheit eher gering. Allein die Medline-Datenbank, die 4500 internationale Zeitschriften aus dem Bereich der Medizin auswertet, wächst Jahr für Jahr um einige Hunderttausend Einträge. Wer soll da noch den Überblick behalten- zumal der Prozess, den ein Fachbeitrag vor der Veröffentlichung in einem der Magazine durchläuft, im Durchschnitt zehn Monate in Anspruch nimmt?

Das ist natürlich eine rhetorische Frage, denn mittlerweile gibt es durchaus eine Möglichkeit, den Überblick zu behalten. Mounir Errami und Harold Garner von der University of Texas haben nämlich eine Datenbank namens „Dejavu“ mit gut 70.000 möglichen Duplikaten ins Netz gestellt. In einem Kommentar im Wissenschaftsmagazin Nature beeilen sich die beiden Forscher darum zu bitten, von möglichen Vorverurteilungen abzusehen: Nur 2600 der Einträge seien bereits manuell geprüft worden. Doch schon unter diesen 2600 Artikeln fanden sich über 70, die definitiv Plagiate darstellen, deren Existenz bisher nicht bekannt war. Auf die gesamte Datenbasis hochgerechnet, könnten von den 17 Millionen Medline-Einträgen 200.000 Duplikate (aus verschiedenen Gründen) darstellen.

Es gibt allerdings, auch darauf weisen Errami und Garner hin, durchaus seriöse Gründe für sich sehr ähnelnde Texte: Studien etwa, die aufgrund ihres Designs Jahr für Jahr mit nur leichten Updates veröffentlicht werden. Auch Übersetzungen in oder aus anderen Sprachen können als Duplikate auffallen - das sind sie dann nicht, wenn Originalautoren und -Quelle genannt werden. Bei der manuellen Überprüfung fielen aber auch Übersetzungen auf, die nicht als solche erkennbar waren - beginnt hier schon unethisches Verhalten, fragen Errami und Gartner in ihrem Kommentar? Zudem zeigte sich, dass Duplikate oft in Zeitschriften von geringem Bekanntheitsgrad erschienen - auch das senkt sicher das Risiko, entdeckt zu werden.

Als generellen Trend können Errami und Garner auf jeden Fall ausmachen, dass die Zahl der Kopien pro 1000 Artikel mit der Zahl der Originalartikel steigt. Es wird also auch prozentual mehr kopiert - was, so eine Vermutung der Statistiker, eben mit der schwindenden Chance zusammenhängt, erwischt zu werden. Insofern könnte sich allerdings auch die Hoffnung als begründet erweisen, sich dem mit der Dejavu-Datenbank und der zugrunde liegenden Crawler-Software eTBLAST entgegenzustellen.

Die Wissenschaftszeitschriften könnten so Artikel zum Beispiel schon vor der Veröffentlichung prüfen und Studien, die periodisch aktualisiert werden, als solche kennzeichnen. Sicher lässt sich auch die eTBLAST-Software überlisten - aber wie bei jedem Wettrüsten liegt irgendwann das Kosten-Nutzen-Verhältnis so hoch, dass sich das Duplizieren nur noch für die verzweifeltsten oder begabtesten Verfasser lohnt - wie es Errami und Garner in ihrem Nature-Kommentar formulieren.

Am liebsten kopieren übrigens, so die vorläufigen Zahlen, Chinesen, Japaner und Deutsche (in dieser Reihenfolge) - der Anteil von Forschern dieser Länder an der Duplikate-Zahl ist höher als ihr Anteil an der Zahl der Artikel. Bei britischen und US-Forschern ist das Verhältnis hingegen umgekehrt.

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