Ist weniger mehr?

Während die großen Gewerkschaften weiter Mitglieder verlieren, organisieren sich besonders in hoch qualifizierten Berufen immer mehr Arbeitnehmer in kleinen Interessenverbänden

Die Gewerkschaftsriesen im DGB verlieren weiter an Mitgliedern – auch die relativ jungen Dienstleistungsgewerkschaft ver.di kann sich nicht überall behaupten. Gerade in hoch qualifizierten Berufen organisieren sich immer mehr Arbeitnehmer in ständischen Interessenverbänden. Kleine Lobbygruppen sind Ausdruck der Differenzierung der Arbeitswelt in Berufe der selbstbewussten Spezialisten und Tätigkeiten der breiten Masse prekär Beschäftigter.

Während der größte Gewerkschaftsbund der westlichen Welt, der DGB, zahlreiche Mitglieder verliert, sind kleinere Berufsverbände von der Krise der Gewerkschaften kaum betroffen. Die Zahl der DGB-Gewerkschafter ist seit der Wiedervereinigung um 40 Prozent geschrumpft,und reduzierte sich 2004 weiter um 4,8 Prozent. Die acht DGB-Gewerkschaften vereinen nur noch etwa sieben Millionen Mitglieder. Davon ist jeder fünfte Rentner, ein weiterer Teil arbeitslos. Dieser Teil der Mitgliedschaft ist kaum in der Lage, mit dem zentralen gewerkschaftlichen Kampfmittel – den Produktionsprozess durch Streik lahm zu legen – Forderungen geltend zu machen.

Die schlimmsten Verluste gab es in der Krisenbranche Bau. Die DGB-Einzelgewerkschaft IG BAU hat in den letzten Jahren fast acht Prozent der Mitglieder verloren. Selbst der Gewerkschaftsriese ver.di vertritt nur noch etwa 22 Prozent der Arbeitnehmer im Dienstleistungsbereich. Anders sieht es bei den berufsständischen Verbänden aus. Gerade in Dienstleistungsbranchen bekommt der DGB zunehmend Konkurrenz von über 100 Berufsverbänden.

Zunehmende Organisation in Berufsverbänden

Zahlreiche Angestelltenvereinigungen machen mit ihrer hoch qualifizierten Klientel Druck. Beim Deutschen Journalisten-Verband (DJV) kletterten die Mitgliederzahlen seit 2001 um fast acht Prozent, die über 10.000 Mitglieder der unabhängigen Flugbegleitergewerkschaft Ufo drohen erfolgreich mit Streiks, und in der Pilotenvereinigung Cockpit (VC) sind inzwischen fast neun von zehn Flugzeugkapitänen organisiert. Im Lufthansa-Aufsichtsrat muss sich ver.di-Chef Frank Bsirske die Arbeitnehmerbank mit Vertretern von Ufo und VC teilen.

Insbesondere Selbstständige sind in Verbänden organisiert, obwohl ihr Anteil auch in den DGB-Gewerkschaften steigt. Vereinigungen wie der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe oder der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) bieten eine ganze Palette von Dienstleistungen. Der VDI hält für seine 125.000 Mitglieder Versicherungen, rabattierte Fachliteratur und Fachtagungen bereit. Nach Vereinsangaben sind neben Ingenieuren auch Naturwissenschaftler, Informatiker und Betriebswirte beigetreten.

Der traditionsreiche Deutsche Beamtenbund (dbb) konnte 2004 neue Beitragszahler aufnehmen und hat jetzt fast 1.270.000 Mitglieder in seinen 37 Fachgewerkschaften organisiert. Mittlerweile sind auch nicht verbeamtete Kollegen dabei. Mit 80.000 Mitgliedern und öffentlichen Protesten macht die erstarkte Ärztegewerkschaft Marburger Bund auf sich aufmerksam. In allen genannten Bereichen möchte die DGB-Gewerkschaft ver.di ebenfalls Mitglieder rekrutieren.

„Nicht alle Berufsverbände sind tariffähig“, gibt Andreas Köhn, Fachbereichsleiter Medien von ver.di Berlin-Brandenburg, zu bedenken. Er erinnert an die Vorteile der Einheitsgewerkschaften. Durch das Prinzip „ein Betrieb – eine Gewerkschaft“ ist es beispielsweise in 1980ern gelungen, für die Volontäre in Zeitungsredaktionen einen Tarifvertrag zu erkämpfen. Sowohl Drucker als auch zahlreiche Journalisten waren damals in der IG Medien, einer ver.di-Vorläufergewerkschaft, organisiert. „Dadurch haben die Drucker für einen Volontärstarifvertrag gestreikt“, sagt Köhn. „Hätte es nur einen DJV gegeben, wäre ein Tarifvertrag für Volontäre möglicherweise nicht zustande gekommen“, erklärt der Gewerkschafter.

Wandel in der Arbeitswelt

Gleichwohl spiegelt sich der Wandel in der Arbeitswelt offenbar organisationspolitisch wieder. Während das typische Gewerkschaftsmitglied weiterhin männlicher Facharbeiter ist, sind heute immer weniger Erwerbstätigkeiten mit Großfabrik, Normalarbeitsverhältnis und Flächentarif verbunden. Ein charakteristisches Kennzeichen anhaltender Veränderung ist, dass die fortschreitende Digitalisierung das wirtschaftliche Gesamtgeschehen in Primär – und Randsektoren differenziert.

Schon vor über 15 Jahren stellte die hiesige Soziologie ziemlich einhellig fest, dass in Zukunft einer Minderheit mit hoch bezahlten und relativ sicheren Beschäftigungsverhältnissen eine Mehrheit mit unsicheren Jobs gegenüber stehen wird. Ein Großteil davon im Dienstleistungssektor.

Die Vorstellung einer übergreifenden Gemeinsamkeit aller Arbeitnehmer wird zunehmend unterminiert, eine Generalvertretung macht aus Sicht der Beschäftigten in spezifischen Sektoren wenig Sinn.

Dieter Rucht, Sozialwissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin

Neben der Multibranchengewerkschaft ver.di machen kleine Lobbygruppen den industriell geprägten Gewerkschaften Probleme. Nach langen Verhandlungen streikte die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) 2003 ohne Unterstützung der größeren DGB-Bahngewerkschaft Transnet. Die Lokführer, die Mitglieder im Beamtenbund sind, konnten darauf hin prompt Neueintritte verzeichnen. Währenddessen sind auch Zugbegleiter und Werkstättenmitarbeiter der GDL beigetreten, ein bisher vornehmlich von Transnet organisierter Bereich. Von den über 36.000 GDL-Mitgliedern ist ein Großteil nicht verbeamtet und dadurch streikfähig.

Selbst dort wo der DGB ausgesprochen innovativ Neuland betritt, sitzt ein Berufsverband fest im Sattel. Mit ihrem Ableger für Berufssportler, der Sports-Union, hat ver.di eine Interessenvertretung für alle Sportprofis geschaffen. Im Basketball ist man erfolgreich, der Profifußball ist allerdings das Revier der schon 1987 gegründeten Vereinigung der Vertragsfußballer (VDV). „Wir sind tariffähig“, sagt Sprecher Ulf Baranowsky selbstbewusst. Die Fußballergewerkschaft vertritt seit Jahren über 1000 Spieler in allen Ligen, Stars wie Bayern-Keeper Oliver Kahn sind dabei.

Doch ver.di bleibt dran und engagiert sich weiterhin nicht nur in klassischen Bereichen wie dem öffentlichen Dienst, sondern auch in einem äußerst prekären und erst seit kurzem legalisierten Berufsfeld: Etwa 400.000 Huren arbeiten nach Schätzungen in Deutschland. Die Gewerkschaft arbeitet gut mit der Prostituiertenorganisation Hydra e.V. zusammen. „Wir haben ein solidarisches Verhältnis“, sagt Katharina Cetin, hauptamtlich bei Hydra. Ver.di hat einen Musterarbeitsvertrag für Prostituierte ausgearbeitet. Ob das zu Gewerkschaftsbeitritten führt, bleibt abzuwarten. (Hannes Heine)