Italien: Die Geschichte wiederholt sich

Bild: © Sky Italia, Wildside and Beta Film

Während sich M5S und Lega einer Regierungsbildung ohne Berlusconi nähern, bekommt man mit "1993" nun auch in Deutschland zu sehen, wie ein altes System korrupter Parteien durch ein neues System korrupter Parteien ausgetauscht wird

Fünfeinhalb Wochen nach den Parlamentswahlen in Italien ist immer noch unklar, wer die neue Regierung bilden wird. Erste Konsultationsgespräche, zu denen Staatspräsident Sergio Mattarella gebeten hatte, wurden letzte Woche ergebnislos abgebrochen. Ein zweiter Versuch soll am Donnerstag oder Freitag starten.

Lega-Chef Matteo Salvini, der daran voraussichtlich wieder teilnehmen wird, verlautbarte am Montag im friaulischen Udine (wo am 29. April Regionalwahlen stattfinden), man müsse "etwas unternehmen", weil "die Italiener eine Regierung fordern", weshalb er sich mit dem M5S-"Capo" Luigi Di Maio treffen und eine Regierungsbildung sondieren werde. Auf Facebook schrieb er, er sei "zuversichtlich, dass es zu einer Regierung mit der Fünf-Sterne-Bewegung kommen kann". Die Chancen dafür sehe er bei 51 Prozent, wie er einem Wähler verriet.

Wie vor einem Vierteljahrhundert

Darauf meldete sich Di Maio (ebenfalls auf Facebook) zu Wort und meinte, er sehe die Chancen für so ein Bündnis bei "Null", wenn sich die Lega nicht aus ihrem Bündnis mit der Forza Italia verabschiede. Diese Forderung hat zwei Hintergründe: Zum einen kann Di Maio den Ministerpräsidentenposten für sich beanspruchen, wenn kein größeres Bündnis, sondern eine kleinere Einzelpartei mit dem M5S koaliert (vgl. Italien: Regierung mit beschränktem Programm?). Zum anderen verkörpert der Forza-Chef Silvio Berlusconi für die M5S und ihre Wähler das alte System, das sie überwinden wollen.

Bildstrecke "1993" (7 Bilder)

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Vor einem Vierteljahrhundert befand sich Italien in einer ähnlichen Situation - aber mit umgekehrten Vorzeichen. Damals war Silvio Berlusconi der Mann, in dem viele Italiener den Erneuerer eines parteiübergreifend korrupten Systems sahen. Wie das konkret vor sich ging, das kann man sich von der ausgesprochen sehenswerten Fernsehserie 1992 / 1993 / 1994 erklären lassen, deren zweite Staffel ab Donnerstagabend erst auf dem Sony Channel und danach bei Vodafone, Unitymedia, EntertainTV und den Amazon Channels in einer deutschen Synchronfassung zur Verfügung steht. Die erste Staffel, 1992, gibt es dort bereits seit dem 1. März.

"Guy Debord? Ist das ein Parfüm?"

Diese Serie macht anhand von mehreren sehr sorgfältig entwickelten Charakteren nachvollziehbar, wie ein Ereignis zum anderen führt: Eine der Figuren ist Leonardo Notte, gespielt von Stefano Accorsi. Ein Werbe- und PR-Fachmann, der aus einer kommunistischen Familie stammt und in seiner noch recht kurzen Lebensgeschichte einige dunkle Geheimnisse angehäuft hat, die nach und nach gelüftet werden und Entscheidungen mit erklären. Eine andere ist der HIV-infizierte Polizist Luca Pastore, dessen Darsteller Domenico Diele an den Madness-Sänger Suggs erinnert, eine dritte die prominenzbesessene Veronica Castello, die von der ehemaligen Miss Italien Miriam Leone gespielt wird und Züge von Berlusconis Ex-Ehefrau Veronica Lario tragen soll.

Die interessanteste Figur der Serie ist Pietro Bosco, gespielt von Guido Caprino: Ein Golfkriegsveteran und Rugbyspieler, den die Lega Nord (wie sie damals noch hieß) aufstellt, weil er einem ihrer Politiker bei einem Überfall durch albanische Räuber beisteht. Einem Politiker, dem er nachher sagt: "Wenn ich gewusst hätte, dass Du Politiker bist, hätte ich dir nicht geholfen." Bosco ist ein zorniger Simplicissimus, dem der Lega-Chefideologe Gianfranco Miglio nach dem Herzeigen eines Galgenstricks im Parlament gratuliert, das sei "purer Situationismus" gewesen und Guy Debord wäre stolz auf ihn - worauf hin Bosco einen Parteifreund fragt, der meint: "Guy Debord? Ist das ein Parfüm?" Nach und nach zwingt das System diesen Bosco in Handlungen, die er eigentlich nicht will und nie wollte. Auch seine Ehrlichkeit, die ihn vorher auf eine Frage in einer Fernsehtalkshow antworten lässt, dass er ein Wort nicht kennt, verliert er.

Liebe zum Detail

Dass man ihn trotzdem versteht, sogar mit ihm hofft und leidet, liegt an einer dem deutschen Fernsehen völlig fremden Sorgfalt in der Charakterentwicklung. Diese Liebe zum Detail findet sich auch in anderen Bereichen dieser besten Serie der letzten Jahre - zum Beispiel im Design, das die 1990er Jahre ähnlich eindrucksvoll wiederauferstehen lässt wie Mad Men. Das gilt auch für den Soundtrack, in dem Italo-House-Klassiker wie Double Yous Please Don't Go in diese Zeit zurückversetzen. (Peter Mühlbauer)

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