Ja, lügen die Medien denn nun oder nicht?

Walter van Rossum über Wahrheit in den Medien, warum Journalisten oft Brandbeschleuniger sind und sich an geltende Sprachregelungen, Normen und Konventionen halten

Dass den Medien in bürgerlichen Demokratien auch und vor allem die Aufgabe der "Gedankenkontrolle" der Bürgerinnen und Bürger zukommt, hat Noam Chomsky, der meistzitierte Intellektuelle der Welt, in etlichen Publikationen herausgearbeitet und belegt. Diese Funktion der Medien wird - vor allem wohl aufgrund der Zunahme an Kriegen und gesellschaftlicher Segregation - für immer größere Bevölkerungsteile evident. Sie betiteln die Medien daher als "Lügenpresse", legen Programmbeschwerden ein und "basteln" sich ihre Informationen mehr und mehr aus den wenigen unabhängigen Medien und im Netz zusammen.

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Wie aber ist es um "unsere" Medien tatsächlich bestellt? Welche Prozesse und Wirkungen zeichnen sich ab? Und ist das Wort "Lügenpresse" dummrechte Kritik und somit tabu? Das erklärt Walter van Rossum im Interview mit Jens Wernicke für das Buch "Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung". Ein Auszug aus dem Buch, das gerade im Westend Verlag erschienen ist.

Herr van Rossum, Sie sind "Insider" und Medienkritiker zugleich: Sie haben für den WDR, den Deutschlandfunk, für "Zeit", "FAZ", "FR", "Freitag" und andere geschrieben und sind überdies seit Langem für Ihre scharfe Kritik an der medialen Gehirnwäsche durch Formate wie die "Tagesschau" oder seinerzeit "Sabine Christiansen" bekannt. Ich will daher gleich kurz wie hart einsteigen: Sagen Sie, lügen die Medien nun oder nicht?
Walter van Rossum: Ich will das Problem an einem einfachen Beispiel erläutern: Stellen wir uns die fiktive Meldung einer fiktiven "Tagesshow" zu einem realen Ereignis vor. So könnte es zum Beispiel im Mai 1943 folgende Meldung gegeben haben: "Gestern griffen polnische Juden Wehrmachtsangehörige und Mitglieder der Deutschen Verwaltung in Warschau an. Mehrere deutsche Soldaten wurden dabei verletzt. Umgehend wurden die 7000 Aufständischen des jüdischen Viertels von Warschau unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen von der Gestapo in das Gefangenenlager Auschwitz transportiert."
Was wäre "unwahr" an dieser Meldung? Ohne dass ein Element dieser Meldung völlig falsch wäre, produziert diese Nachricht eine - aus heutiger Sicht - Verdrehung der Zusammenhänge: Was hat die Gestapo in Warschau zu suchen? War das "jüdische Viertel" nicht ein Ghetto, in das man Tausende von Juden eingeschlossen hatte, um sie dem sicheren Hungertod zu überlassen? Und schließlich war Auschwitz nicht nur ein deutsches Gefangenenlager in Polen, sondern vor allem das größte deutsche Menschenvernichtungslager.
An diesem Beispiel könnte man die ganze Problematik medialer Desinformation durchbuchstabieren. Es wäre ganz leicht zu zeigen, wie das Gros der Meldungen heute auf exakt die gleiche Weise Zusammenhänge herstellt. Das ist eigentlich eine Binsenwahrheit. Doch nichts scheint für Journalisten quälender, als über die Grundlagen ihres Gewerbes nachzudenken.
Ich zitiere einfach mal, was Peter Scholl-Latour kurz vor seinem Tod in einem Interview zur aktuellen Verfasstheit unserer Medien als solcher gesagt hat: "Wenn Sie sich einmal anschauen, wie einseitig die hiesigen Medien, von taz bis Welt, über die Ereignisse in der Ukraine berichten, dann kann man wirklich von einer Desinformation im großen Stil berichten. Ähnliches fand und findet ja bezüglich Syrien und anderen Krisenherden statt." Und wenn Sie Scholl-Latours letztes Buch "Der Fluch der bösen Tat" lesen, dann werden Sie Dutzende Stellen finden, wo der Mann seine eigene Branche der Propaganda und Hirnwäsche bezichtigt und überführt. Nur lässt er offen, ob die mediale Propaganda eigenen Überzeugungen entstammt oder ob die Journalisten selbst Opfer organisierter Gehirnwäsche geworden sind. Das ist in der Tat die Frage. Und überdies eine, die gar nicht so leicht zu beantworten ist.
Aber wer Lügen verbreitet, verbreitet Lügen - ist es da nicht irrelevant, ob er das absichtsvoll tut oder nicht?
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Walter van Rossum: Nein, das ist es nicht. Die Medienkritik läuft Gefahr, selbst wieder trivial zu werden. "Wir" sind die Guten! Und die anderen die Bösen. Das kann es nicht sein. Ich kann sehr gut beschreiben, wie die Berichterstattung etwa über die Ukraine den Blick in eine bestimmte Richtung lenkt und ausschließlich bestimmte Interessen vertritt. Doch die Falle besteht darin, dass die Kritik dann so tut, als hätte sie die "echte", die wahre Wahrheit. Es bringt uns nicht weiter, Journalismus nach Wahrheit und Lüge zu sortieren. Das endet notwendigerweise in Dogmatismus.
Nehmen wir einfach Ihr Eingangsbeispiel zur Hand. Hat dieser fiktive Redakteur des Jahres 1943 nun gelogen oder nicht?
Walter van Rossum: Er hat sich vollkommen an die Sprachregelungen seiner Zeit gehalten und daher gar nicht erst kritisch über deren Prämissen sowie seine Zeit informiert, sondern diese vielmehr in den Sprachregelungen eingeschlossen. Die wahre Botschaft dieser Nachricht ist die Sprachregelung. Man weiß nicht, was "wirklich" geschehen ist, aber man weiß, wie man dieses und jenes zu sehen hat - was auch immer wirklich geschehen sein mag. Wer seine Berichterstattung für bare Münze und also die Wahrheit nimmt, unterliegt einer massiven Manipulation, die zumindest in Summe als Lüge zu benennen ist.
In Summe sind Journalisten also in der Regel eher Mitläufer als Überzeugungstäter?
Walter van Rossum: Ja, und um zu dieser Erkenntnis zu kommen, genügt es, einen Blick auf die Geschichte der letzten zweihundert Jahre zu werfen: Massenmedien waren stets Teil des Spiels und also Sprachrohr für den vorherrschenden Konsens unter den Eliten. In aller Regel wirkten sie dabei als Brandbeschleuniger.
Und wenn leitende Herren der Branche auch heute noch gerne "Objektivität", "Unabhängigkeit" und "Überparteilichkeit" als Ethos der Zunft proklamieren, dann lügen sie zwar nicht unmittelbar, zeigen aber ein erschreckendes Maß an Reflexionsunfähigkeit und sprechen der Realität mittelbar Hohn. Das ist nicht polemisch gemeint, sondern eine Beschreibung des gängigen Berufsprofils.
In diesem Sinne können Journalisten also gar nicht objektiv und unabhängig sein?
Walter van Rossum: Das heißt es, ja. Aber genau darin liegt das Problem. Der Schiefstand der Branche hat viel damit zu tun, dass man sich seiner Geschäftsgrundlagen nicht nur nicht versichert, sondern sich vor solchen Überlegungen in den Routinen der medialen Apparate in Sicherheit bringt.
Klingt so, als hätten Sie schon mal über die noch zu findenden Geschäftsgrundlagen nachgedacht.
Walter van Rossum: Ich finde das eine der spannendsten Aufgaben überhaupt. Einen zentralen Punkt will ich kurz andeuten: die Selbstinfragestellung. Journalisten tun gerne so, als könnten sie die Welt erklären. Schön wäre, sie würden sich wenigstens eingestehen, dass sie selbst in die Mühen der Dechiffrierung derselben vertieft sind, beziehungsweise vertieft sein sollten. Jeder Handtaschendieb hat einen Anspruch auf ein detailliertes Protokoll seiner Untat. Wenn es in den fast schon grotesken Wirren des Syrienkriegs zu einem Giftgasanschlag kommt, dann haben unsere Qualitätsjournalisten allerdings keinerlei Mühe damit, binnen Sekunden den Täter zu ermitteln und ein Urteil zu sprechen. Das ist billigster Erregungsjournalismus, der wahrhaft erschütternde Ausmaße angenommen hat.
Dabei wäre es auch für die Zuschauer oder Leser weitaus interessanter, wenn man mal zeigte, welche Akteure auf diesem irren Schlachtfeld Interesse an einem Giftgasangriff hätten. Ein Journalismus, der sich von den Unklarheiten unserer Realitäten faszinieren ließe, wäre weit aufregender als die Wahrsager, deren Kaffeesatz mittlerweile auch kritisch untrainierte Leser und Zuschauer klar sehen. Investigative Prozesse können und sollten informativer sein als die Instantwahrheiten, die aus lausigen Narrativen vom Typus "die Guten und die Bösen" abgeleitet werden.
Klingt ein wenig so, als unterstellten sie den Medien weniger manipulative Absichten, sondern eher so etwas wie systematische und gewohnheitsmäßige Betriebsblindheit. Wie kann sich ein so "schlechter Journalismus" denn flächendeckend ausbreiten und behaupten?
Walter van Rossum: Denken Sie einfach an das Eingangsbeispiel: Der zuständige Redakteur hat ungefähr das geschrieben, was er wahrgenommen hat. Mit anderen Worten: Das journalistische Rudel verfällt regelmäßig den Sprachregelungen, die es selbst mitgeschaffen hat.
Es gibt die unsterblichen Worte des ARD-Korrespondenten Udo Lielischkies, der auf Kritik an der gängigen Ukraine-Berichterstattung allen Ernstes erklärt hat: "Also das ist wirklich so, dass da über diese massive russische Propaganda ein Feindbild geschaffen wird, dass wir westlichen Journalisten in der Tat tendenziös, gezielt gegen Russland berichten, und das ist natürlich völliger Kokolores. (…) Alle Korrespondenten, die ich treffe in Moskau, wir tauschen uns aus, und zwar sind das die Spanier, die Franzosen, die Belgier, die Niederländer, die Kanadier, wir haben alle eine ähnliche Wahrnehmung dessen, was da passiert, auch in der Ukraine, und mir fällt es halt schwer, mir vorzustellen, dass wir alle von einem russenfeindlichen Virus ergriffen werden, sobald wir nach Moskau geschickt werden. Das ist ja wirklich wenig glaubwürdig."1 Es können also nur die anderen sein, die von einem Virus infiziert worden sind - von der russischen Propaganda.
Und en passant plaudert der Starjournalist auch die Geheimnisse seiner Sorte journalistischer Wahrheitsfindung aus: Abstimmung mit dem Rudel. Könnte man besser erklären, warum von Helsinki bis Madrid, von Dublin bis Athen überall und lückenlos Varianten ein- und derselben Botschaft zu lesen sind? Dass es verschiedene Lesarten von Ereignissen und Zuständen geben kann, ja vielleicht muss, das kommt für so eine Koryphäe des Qualitätsjournalismus gar nicht in Betracht.
Die Wonnen der Herde ersparen ihm die Auseinandersetzung mit der meist akribisch belegten Kritik. Und natürlich auch mit der Redaktion. Die hat es gerne einheitlich - wie sähe das denn aus, wenn es in der "Tagesschau" auf einmal zwei Meinungen gäbe? Wo bliebe die edle Aura der Objektivität? Falls Udo Lielischkies eine eigene Sicht der Dinge haben sollte, dann hätte sie keine Chance. Und er auch nicht.
Der Journalismus verbreitet gerne ein hehres Bild von seinen Aufgaben. Das klingt dann so, als stünde der Journalist morgens auf und grübelt darüber, wie er die Welt erklären könnte. Was für ein Blödsinn! Gehen Sie mal nach Hamburg und schauen Sie zu, wie so eine "Tagesschau" produziert wird. Die Produktionsroutinen verschlucken fast alles. Sprachregelungen ordnen die eintrudelnden Agenturmeldungen. Giftgas in Syrien? Kann nur Assad gewesen sein. Für solche Behauptungen brauchen sie keinen journalistisch fundierten Urheber. Die schreiben sich gewissermaßen von selbst.
Der journalistische Mainstream produziert ziemlich genau die Ideologie der sogenannten "politischen Mitte" - und Sie entpolitisieren das jetzt als Werk eines trüben Konformismus …?
Walter van Rossum: Ja, so ist es - allerdings ist dieser Konformismus nicht nur trübe, sondern geradezu pedantisch. Im Übrigen beruht auch das Betriebssystem unserer Gesellschaft als solcher auf einem nahezu geschlossenen Konformismus - die meisten Menschen tun den lieben langen Tag Dinge, die sie eigentlich gar nicht tun wollen, und "begründen" und rechtfertigen das vor sich und anderen dann tagein, tagaus. Sie arbeiten in dämlichen Betrieben, drehen anderen Leuten irgendeinen Quatsch an, und alles fließt nur, wenn alle genau die Codes und Regeln befolgen, die man gerne als "Kultur" oder "Konventionen" beschreibt, die aber nichts anderes sind als die Manifestationen von Herrschaft … Manifeste und internalisierte Ideologie, die niemand mehr infrage stellt, und die den Interessen einiger weniger entspricht.
Der moderne Mensch hat inzwischen scheinbar gelernt, dass man "Ja" sagen muss zu all diesen Zwängen, dass man sich an ihre Spitze setzen muss, um sie "mit Überzeugung" ausführen zu können und so selbst weiterzukommen.
Im Gegensatz zu früheren Herrschaftssystemen ist der bürgerliche Mensch inzwischen mit seiner eigenen Unterdrückung regelrecht identifiziert. Und dass der Journalismus dabei die letzte Bastion unkontrollierter Freiheit sein soll, nur weil das in irgendwelchen Gesetzen steht, mutet doch ziemlich phantastisch an.
Was wären denn die systemischen Bedingungen dieses hochpolitischen Konformismus?
Walter van Rossum: Da gibt es eine ganze Reihe. Zum Beispiel die erwähnten Produktionsroutinen. Journalismus ist eine Ware in neoliberal optimierten Betrieben. Ökonomisch gesehen sind die allermeisten journalistischen Produkte Verpackung für die Werbung, von der die Blätter und Sender leben. Wenn die mediale Währung in Quote und Profit besteht, ist das ganze Qualitätsgequassel nur pure Ideologie. Wenn Sie so wollen, ist das die "Lügenpresse" - endloser Betrug und Selbstbetrug über die eigenen Geschäftsgrundlagen.
Ein anderer Punkt: Bis vor etwa zwanzig Jahren gab es in der medialen Öffentlichkeit noch einen bemerkenswerten Pluralismus. Der ist gemeinsam mit dem parlamentarischen Pluralismus mehr und mehr verschwunden. Und das führt uns zu der Kardinalsünde des real existierenden Journalismus: seine Anlehnung an die herrschenden politischen Interessen und Programme. Im Zuge dieser Entwicklung sollte man sich zunächst einmal von der Vorstellung verabschieden, dass die meisten Journalisten überhaupt noch über so etwas wie eine eigenständige Auffassung vom Lauf der Dinge verfügen - von eigensinnig mal ganz zu schweigen.
Dergleichen ist in keiner Weise erwünscht. Ich könnte Ihnen am Beispiel der Öffentlich-Rechtlichen zeigen, wie man ganze Flure von eigensinnigen Journalisten "bereinigt" hat. Dem Redakteur neuen Zuschnitts braucht niemand mehr zu sagen, was er zu tun und was er zu lassen hat. Der kennt genau die Grenzpfähle, innerhalb derer er schreiben kann, was er will. Und mittlerweile will er nur noch, was gewollt wird.
Und ich will noch einen dritten Punkt nennen: das Verschwinden der Medienkritik seit ein paar Jahrzehnten. Deshalb hat auch der Aufstand eines erheblichen Teils des Publikums die Macher so unvorbereitet getroffen. Parallel zur großen Aufrüstung hin zur sogenannten Mediengesellschaft ist die mediale Reflexion fast vollständig verschwunden.
Auf Seiten der professionellen und kritikerschöpften Intelligenz gab es hierbei einen bedeutenden Stichwortgeber: Niklas Luhmann - Phänotyp der neuen Expertenintelligenz. Sein Traktat "Die Realität der Massenmedien" wurde in den neunziger Jahren als aufregende neue Medientheorie gelesen. Luhmann erklärt da:
"Man kann die 'Realität der Massenmedien' deshalb nicht begreifen, wenn man ihre Aufgabe in der Bereitstellung zutreffender Informationen über die Welt sieht und darin ihr Versagen, ihre Realitätsverzerrung, ihre Massenmanipulation misst - so als ob es anders sein könnte." Mit anderen Worten: Vergesst alle Medienkritik, denn die Funktion der Massenmedien besteht "in der ständigen Erzeugung und Bearbeitung von Irritation (…) - und weder in der Vermehrung von Erkenntnis noch in einer Sozialisation oder Erziehung in Richtung auf Konformität mit Normen. Als faktischer Effekt dieser zirkulären Dauertätigkeit des Erzeugens und Interpretierens von Irritation durch zeitgebundene Informationen (…) entstehen die Welt- und Gesellschaftsbeschreibungen, an denen sich die moderne Gesellschaft innerhalb und außerhalb des Systems ihrer Massenmedien orientiert."2
Ein schönes Beispiel dafür, wie die Systemtheorie sich der Realität entledigt. Und offenbar war genau das die beabsichtigte Wirkung dieser Theorie. Den Auftrag der Medien darin zu sehen, den Massen Stoff zur Verfertigung ihres Weltbildes zu liefern, ist schon eine eigentümliche Abstraktion - aber sie erlaubt, so zu tun, als spiele der "Inhalt" des Stoffes überhaupt keine Rolle.
Sind die Journalisten selbst nicht auch mitverantwortlich für die vorherrschende Situation?
Walter van Rossum: Viele Leute sprechen heute wieder von einer Gleichschaltung der Medien. Das kann ich in gewisser Weise verstehen - so sieht es ja auch aus. So einfach ist es aber nicht. Wie funktioniert diese Gleichschaltung denn? Und wer schaltet da?
Am konkreten Beispiel: Warum pfuschen Journalisten bei der Berichterstattung über die Ukraine so, dass der einfache Zuschauer aus dem Fernsehsessel kippt? Zunächst haben wir die bereits erwähnte Tradition der Verachtung gegenüber russischen Interessen und Realitäten. Dazu kommt: In den letzten fünfzehn Jahren haben bestimmte Medien einen neuen Kalten Krieg geradezu herbeigeschrieben - da haben sich einige Redakteure vom Spiegel und ein paar öffentlich-rechtliche Korrespondenten bleibende Verdienste erworben.
Dazu diese unwiderstehliche Erzählstruktur: hier die purlautere demokratische Weltgemeinschaft und dort der asiatische Despot. In Wahrheit sind die Verhältnisse in der Ukraine allerdings außerordentlich verwickelt und schwer vermittelbar. Ein bisschen so wie in Russland, da hat man kurzerhand eine oppositionelle Avantgarde namens Pussy Riot erfunden - sexy Mädchen und tolle Action, während die wirkliche Opposition gegen Putin vor allem aus sehr viel weniger telegenen Menschen und Programmen besteht. Und was spielt es da schon für eine Rolle, dass kaum ein Russe Pussy Riot kennt und die große Mehrheit der russischen Opposition mit dieser Sorte Spektakel überhaupt nichts zu tun haben will?
Auf der anderen Seite hat sich aber auch gezeigt, dass es für eine gewisse Kritik an der westlichen Ukraine-Politik nicht nur ein ziemlich großes Publikum, sondern sogar prominente politische Deckung gibt. Ich glaube insofern nicht, dass man Leute wirklich rausgeschmissen hätte, die sich eine etwas andere Wahrnehmung und Darstellung der Dinge erlaubt hätten. Sehr wohl aber gibt es keine Strukturen, die derlei belohnt hätten. Und es gibt kaum mehr Personal, das eine eigene Sicht und Zeit für eine solche hat.
Der typische Medienmensch heute glaubt, den Auftrag der Objektivität erfüllt er dadurch am besten, wenn er sich an die Vorgaben der bürgerlichen Mitte hält. Was wir hier konstatieren müssen, ist also mehr eine Selbst-Gleichschaltung und Selbst-Unterwerfung der Journalisten denn so etwas wie eine konzertierte Aktion.
Oder lassen Sie es mich so sagen: In aller Regel sind Journalisten keine Menschen, die sich dem Tumult des Realen sowie dem Wagnis einer eigenen Analyse aussetzen. Nach meiner Erfahrung sind Journalisten eher Menschen, die geradezu Angst vor der dunklen Unruhe des Realen haben und sich lieber an gerade irgendwie geltende Sprachregelungen, Normen und Konventionen halten und dabei geradezu verzweifelt in schlichten und binären Erklärungsmustern Rettung suchen, also einem Denken etwa in Gut versus Böse, Freund versus Feind, und so weiter. Insofern: Ja, sie haben Mitverantwortung.
Und wenn das Volk nun aber aufwacht und sich zu ärgern und zu wehren und also die Medien wieder mehr und deutlicher zu hinterfragen beginnt: Was, meinen Sie, wäre die beste Strategie?
Walter van Rossum: Es gibt schon deutlich Wirkung. Blätter von Bild bis FAZ haben teilweise über zehn Prozent Auflagenverluste. Aber ich glaube alles in allem nicht, dass das System der alten Öffentlichkeit rehabilitierbar ist, ich halte es nicht einmal für wünschenswert.
Irgendwie durchlebt die Gesellschaft gerade einen medienkritischen Crashkurs - was nach Jahren der medienkritischen Öde auch dringend nötig war. Dabei haben wir schon eines gelernt, was ich für großartig halte, nämlich das mediale Improvisieren. Wir basteln uns gerade - jeder auf seine Art - die Informationen zusammen, die wir brauchen. Und darin steckt in meinen Augen schon so etwas wie eine Skizze der medialen Zukunft. Ich finde die Chancen aufregender als die Klage über die Verluste.

Walter van Rossum ist Autor, Medienkritiker und Investigativjournalist. Er studierte Romanistik, Philosophie und Geschichte in Köln und Paris. Mit einer Arbeit über Jean-Paul Sartre wurde er 1989 an der Kölner Universität promoviert. Seit 1981 arbeitet er als freier Autor für WDR, Deutschlandfunk, "Zeit", "Merkur", "FAZ", "FR" und "Freitag". Für den WDR moderierte er unter anderem die "Funkhausgespräche".

(Jens Wernicke)

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