Ja zur Leitkultur …

… aber zur richtigen: der von Humanität, Aufklärung und Menschenrechten

Leitkultur – wem dazu nur die Stichworte "konservativ", "deutsch" und "Christentum" einfallen, der sollte sich mal Michael Schmidt-Salomons "Manifest des evolutionären Humanismus" ansehen. Der Geschäftsführer der Giordano Bruno Stiftung plädiert in seiner neuen Streitschrift leidenschaftlich für eine neue Leitkultur von Humanität und Aufklärung, die mit allen archaischen Mythen, sprich: den Religionen, aufräumt und der Vernunft zu ihrem Recht verhelfen will.

"Wir leben in einer Zeit der Ungleichzeitigkeit: Während wir technologisch im 21. Jahrhundert stehen, sind unsere Weltbilder noch von Jahrtausende alten Legenden geprägt" – mit diesen Worten beginnt das Manifest und wendet sich auch gleich gegen terroristische Islamisten und gegen George W. Bush. Die Gotteskrieger verwendeten Mittel modernster Technik –Flugzeuge u.a. – für Angriffe, "um eine Weltanschauung zu stützen, die wissenschaftlichen Überprüfungen niemals standhalten würde." Und Bush bediene sich im Gegenzug militärisch einer Technologie, "die niemals entwickelt worden wäre, wenn sich die Wissenschaftler mit dem Kinderglauben des amerikanischen Präsidenten zufrieden gegeben hätten, dass der Schöpfungsbericht der Bibel wahr sei."

Dem Religiösen stellt der Schmidt-Salomon eine hübsche Kombination aus Wissenschaft, Philosophie und Kunst entgegen und nennt sie "Evolutionärer Humanismus". Der Begriff wurde geprägt von Julian Huxley, einem ehemaligen Generaldirektor der Unesco, und er verbindet die Ideale des klassischen Humanismus mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie dem Wissen um die fundamentalen Kränkungen, die die Vernunft uns Menschen zugefügt habe: dass die Erde eben nicht im Mittelpunkt des Universums steht; dass der Mensch nur ein Zufallsprodukt der Evolution ist; dass das Unbewusste den Menschen stark beeinflusst und er eben nicht immer, wie er gerne glaubt, "Herr im eigenen Haus" ist. Prinzipiell müssten menschliche Gedanken und Argumente logisch, konsistent und überprüfbar sein, Wissenschaft sei "ergebnisoffen", es gehe um eine "Methodik des kritischen Zweifelns", also um das Gegenteil von Glauben und Religion: "Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit trat die Unvereinbarkeit von religiösem Glauben und wissenschaftlichem Denken so deutlich zum Vorschein wie in unseren Tagen."

Der Mensch des Manifests ist erstmal nichts anderes als ein Naturwesen:

Evolutionäre Humanisten geben freimütig zu, dass sich die stolzen Mitglieder der Spezies Homo sapiens in ihren Grundzielen nicht von der gemeinen Spitzmaus unterscheiden. Wie diese werden auch wir mit der tief verankerten Veranlagung geboren, eigene Lust zu steigern und eigenes Leid zu minimieren.

Hinzu komme die Prägung des Menschen durch Wissenschaft, die Erkenntnisse bringe, durch Philosophie, die für Ethik sorge, Empathiefähigkeit, die Mitleid und Solidarität mit anderen ermögliche, Kultur und Kunst, die verschiedene Formen von Sinnlichkeit schaffen sowie die Sinnsuche, für die es keine Metaphysik brauche: "Wer sich auf Wissenschaft, Philosophie und Kunst berufen kann, weiß, dass den Religionen weit bessere weltliche Alternativen gegenüberstehen."

Schmidt-Salomons Auseinandersetzung mit dem Glauben fällt umfangreich aus. Einzelne Weltreligionen werden kritisiert, wobei ihm keine als harmlos gilt, aber manche bedrohlicher als andere erscheinen. Der Islam etwa wirke in gefährlichem Maße "authentisch", vor allem im Vergleich mit dem zum europäischen Christentum, das durch die "Dompteurschule der Aufklärung" gehen musste. Von ihm sei stellenweise nicht mehr übrig geblieben als eine "folkloristische Religionsattrappe". Obwohl eine Retraditionalisierung der Christen drohe und evangelikale Sekten ("je bibeltreuer, desto inhumaner") Zulauf hätten, sei in Europa ein deutlicher Trend zur Entchristlichung zu beobachten. 1970 habe es in Deuschland nur 3,9 Prozent Konfessionslose gegeben, 1990 schon 22,4 Prozent und 2003 bereits 31,8 Prozent. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, so dürften die Konfessionslosen etwa im Jahr 2020 die Bevölkerungsmehrheit in Deutschland stellen (Zahlen aus dem Datenarchiv der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland)

Dennoch liege viel Arbeit vor jenen, die den Dienst an der Humanität ernst nehmen. Historisch sei es eine "unumstößliche Tatsache, dass die fundamentalen Rechte (insbesondere die Menschenrechte), die die Grundlage für eine moderne, offene Gesellschaft bilden, keineswegs den Religionen entstammen, sondern vielmehr in einem Jahrhunderte währenden säkularen Emanzipationskampf gegen die Machtansprüche dieser Religionen durchgesetzt werden mussten."

Jeder "religiöse Zugang zur Welt" berge immer noch Gefahren wie Selbstüberhöhung, Beliebigkeit der Argumentation und autoritäre Denkstruktur, weswegen "evolutionäre Humanisten, die mit Karl Popper lieber falsche Ideen sterben lassen, bevor Menschen für falsche Ideen sterben müssen, ‚Glauben’ im absoluten, religiösen Sinne ablehnen."

Humorvoll setzt Schmidt-Salomon dem "imaginären Alphamännchen Gott" und der "Angstdiktatur" seiner Gläubigen ein säkular-"globales Weltethos" entgegen. Die Voraussetzung dafür sei, dass der Einfluss der Kirchen (samt Kreationisten und der Verfechter von "Intelligent Design") zurückgedrängt werde und alle Menschen Zugang zu Wissenschaft, Philosophie und Kunst haben. Er formuliert auch konkrete politische Forderungen wie eine deutliche Verbesserung der Bildungsinstitutionen und verweist darüber hinaus auf den "Politischen Leitfaden" des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (www.ibka.org). Sozialer Friede werde erst dann möglich sein, wenn "wir uns nicht mehr als Christen, Juden, Muslime, Buddhisten, Hindus oder Atheisten gegenübertreten, sondern als freie, gleichberechtigte Mitglieder einer mitunter zur Selbstüberschätzung neigenden affenartigen Spezies."

Einiges im "Manifest des evolutionären Humanismus" wirkt noch unausgereift. So fällt das Menschenbild häufig allzu biologistisch aus, was sich besonders bei der reduktionistischen Behandlung des Themas Sexualität auf Gene und Triebe bemerkbar macht. Neben dem menschlichen Recht auf Leben wird auch das Recht auf Selbsttötung betont, eigenartig ist dabei, dass in keinem Wort darauf eingegangen wird, wie es denn mit den Rechten von nicht Zustimmungsfähigen (Komapatienten und anderen) aussieht. Doch wenn man den Anspruch des Manifestes ernst nimmt, wäre ja Kritik wie diese erwünscht, damit die Diskussion um das große Projekt einer Leitkultur von Aufklärung und Humanismus vorankommt.

Jedenfalls klingen die zehn Gebote des evolutionären Humanismus um einiges interessanter als jene der Bibel. Hier sind sie:

  1. Diene weder fremden noch heimischen "Göttern", sondern dem großen Ideal der Ethik, das Leid in der Welt zu mindern!
  2. Verhalte dich fair gegenüber deinem Nächsten und deinem Fernsten!
  3. Habe keine Angst vor Autoritäten, sondern den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
  4. Du sollst nicht lügen, betrügen, stehlen, töten – es sei denn, es gibt im Notfall keine anderen Möglichkeiten, die Ideale der Humanität durchzusetzen!
  5. Befreie dich von der Unart des Moralisierens!
  6. Immunisiere dich nicht gegen Kritik!
  7. Sei dir deiner Sache nicht allzu sicher! Zweifle aber auch am Zweifel!
  8. Überwinde die Neigung zur Traditionsblindheit, indem du dich gründlich nach allen Seiten hin informierst, bevor du eine Entscheidung triffst!
  9. Genieße dein Leben, denn dir ist höchstwahrscheinlich nur dieses eine gegeben!
  10. Stelle dein Leben in den Dienst einer "größeren Sache", werde Teil der Tradition derer, die die Welt zu einem besseren, lebenswerteren Ort machen woll(t)en!

Michael Schmidt-Salomon: Manifest des evolutionären Humanismus. Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur. Alibri, Aschaffenburg 2005. 160 S., 10 Euro

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