Jahrzehnt der Serien

Teil 1: The Wire, Rome, The Shield, House MD und Jericho

Kurz vor Ablauf der Nuller Jahre muss man überrascht konstatieren, dass das Jahrzehnt eine Vielzahl ganz ausgezeichneter Serien hervorbrachte. Allerdings war ihr Medium nicht mehr das Fernsehen, sondern die DVD. Die beste Produktion des Jahrzehnts lief dem entsprechend in Deutschland gar nicht auf einem frei zugänglichen TV-Kanal. Bei der Zusammenstellung der anderen 9 blieben unter anderem Six Feet Under, Breaking Bad, Carnivale und Alias knapp außen vor. Serien, die bereits in den Neunzigern anfingen, sich aber in die Nuller zogen wurden nicht berücksichtigt. So fielen beispielsweise die Sopranos, Futurama, South Park, Family Guy, die Simpsons und Ally McBeal aus der Wertung heraus.

1. The Wire
Die (relativ) unumstritten beste Serie der Nuller Jahre war The Wire. Tatsächlich enthält ein Vorspann dieser Produktion, die in Telepolis bereits mit einem ausführlichen Artikel gewürdigt wurde, mehr Ideen als sich in einer kompletten Tatort-Folge finden.

In The Wire geht es um die Terrorherrschaft zweier Diktatoren: der Statistik und des Dienstweges. Geschildert wird sie unter anderem anhand der Unterwerfungsökonomie in Ämtern: Hauptsache ist nicht die Aufgabenerfüllung, sondern die rituelle Pflege von Hierarchien. Darüber hinaus zeigt die Serie auch die Strukturen und Auswirkungen der informellen Ökonomie in der US-Mordhauptstadt Baltimore. Durch David Simons langjährige Arbeit als Polizeireporter bei der Baltimore Sun flossen offenbar Informationen über tatsächliche Strukturen und Geschehnisse ein, die The Wire von TV-Standards entfernten und mit Elementen jenseits der Dogmen der veröffentlichten Meinung versahen. Lediglich aus den Albanern machte man (aus welchen Gründen auch immer) Griechen.1

2. Rome
Ein Teil der Qualität der Serien in den Nuller Jahren resultierte daraus, dass Talente mitmachten, die vorher für das Kino arbeiteten. Bei The Wire war das unter anderem Milcho Manchevski, der Regisseur von Pred Dozdot und bei Rome John Milius. Wenn sein Protagonist Titus Pullo sagt: "Mir gefallen die einfachen Dinge. Ich töte meine Feinde [....] und vergnüge mich mit ihren Weibern", dann ist Milius' Handschrift aus seinem antizivilisatorischen Meisterwerk Conan der Barbar mehr als deutlich erkennbar.

Die zweitbeste und ebenfalls bereits mit einem längeren Telepolis-Artikel bedachte Serie ist gleichzeitig die pädagogisch wertvollste und zu großen Teilen ein Kommentar zu amerikanischen Zuständen in den Nuller Jahren. Sie beginnt mit dem Schlüsselsatz: "400 Jahre, nachdem der letzte König aus der Stadt gejagt wurde, herrscht Rom über viele Völker - kann sich selbst aber nicht regieren. Trotz der vielen politische Reden wird Rome nie auch nur eine Spur langweilig - weil hinter jeder Rede durch das Zuschauerwissen die eigentliche Absicht und die Hinterlist erkennbar sind. Wobei Milius das wahrscheinlich gar nicht als Kritik meint, sondern als Aufzeigen einer aus seiner Sicht beständigen Natur des Menschen.

Neben expliziter Gewalt (wie im Blut-Cumshot eines geopferten Ochsen auf Atia) gibt es auch viel beiläufige, etwa gegen Sklaven. Manchmal haben die Ausüber der Gewalt Spaß dabei (etwa, als Cleopatra mit einem verkleideten Untertanen die Hirschjagd übt, ihm dabei durch den Hals schießt und sich darüber freut, wie viel sie gelernt hat) - und manchmal nicht (wenn beispielsweise Cäsar nüchtern befindet: "Sie zeigen ihre Unzufriedenheit nicht so deutlich - das gäbe nur Prügel"). Oft jedoch führt das Töten zum Erfolg - genau so, wie in der Geschichte auch. Mit am Beeindruckendsten zeigt sich dies in Lucius Vorenus' verblüffend schlichter Methode, eine gestohlene Standarte wiederzubeschaffen, die er seinem Vorgesetzten wie folgt darlegt: "Ich würde Gefangene nehmen, aus allen Stämmen Galliens, einen nach dem anderen kreuzigen - und schließlich würde mir einer sagen, wo der Adler ist".

Produziert wurde die Serie gemeinsam von HBO (dem amerikanischen Pay-TV-Sender, dem mehrere der besten Serien des letzten Jahrzehnts zu verdanken sind), der BBC und der italienischen RAI. Für die deutsche Fernsehausstrahlung auf RTL2 wurde Rome so radikal gekürzt, dass die einzelnen Folgen Jugendfreigaben ab 16 oder sogar ab 12 Jahren bekamen und deshalb sonntags um 20 Uhr 15 gesendet werden konnten. Allerdings gibt es die Serie mittlerweile auch in mehreren DVD-Editionen. Noch mehr Sex, Gewalt und Menschenverachtung bekommt man freilich in den antiken Quellen selbst, die in vielen Bibliotheken vorhanden sind aber teilweise die Kenntnis alter Sprachen erfordern.

3. The Shield
The Shield ist eine Art Nibelungenlied des 21. Jahrhunderts, in dem es nur Handlungsnotwendigkeiten und danach wechselnde strategische Allianzen, aber keine Helden gibt. Die ultimative Strafe ist am Schluss der Serie trotz aller Brutalität die Büroarbeit als Gefängnis, inklusive Uniformzwang. Außerdem ist The Shield eine Art Anti-CSI, das nicht in einer High-Tech-Erste-Welt, sondern (obwohl in Los Angeles angesiedelt) in einer Low-Tech-Dritte-Welt spielt. Das Polizeirevier ist eine aufgelassene Kirche mit unregelmäßig verputzten Wänden, von denen die Farbe abblättert - und an so etwas wie Gentests ist gar nicht zu denken. Die Rolle, die im Erste-Welt-Szenario von CSI die Technologie einnimmt, nimmt im Dritte-Welt-Szenario von The Shield die Ethnologie ein. Sie zeigt sich beispielsweise in der Wichtigkeit von Nachnamen thailändischer Bergvölker für einen Clankrieg. Seltsamerweise verschlüsselte man auch hier eine Gruppe: Doch anders als in The Wire wurden aus den Albanern keine Griechen, sondern Armenier.2

4. House MD
Dass House MD erfolgreich auf RTL lief, ist offenbar die Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Der Mediziner Gregory House, eine Mischung aus Sherlock Holmes und Artur Schopenhauer, deduziert nicht nur in einer Weise, dass der Zuschauer im Zweifelsfall etwas Nützliches über die Welt lernt, sondern darf in seiner Rolle auch Wahrheiten wider die sonst gerade im Fernsehen gepflegte emotionale Korrektheit aussprechen. Am besten sieht man das in der großartigen Szene, in der er einem Savant eine nützliche Aufgabe gibt. Allerdings bleibt die (nicht über alle Staffeln hinweg gleich gute) Serie (und das ist ihr wirkliches Verdienst) nicht im grummeligen Zynismus, sondern schafft es teilweise auch, großes Drama zu sein. Wer mehr wissen will, der sei auf diesen Detailartikel verwiesen.

5. Jericho
Während die viertbeste Serie des Jahrzehnts in Deutschland mit großem Erfolg lief, zeigte man von der fünftbesten hierzulande nur 14 der 22 Folgen aus der ersten Staffel (und auch die sahen aufgrund der Sendetermine im Sommer nur relativ Wenige). Die bei der deutschen Ausstrahlung fehlenden acht Folgen der ersten Staffel sind jedoch die Besten der ganzen Serie. In ihnen wurden die Soap-Elemente weniger und die politischen mehr. Bei den sieben Folgen der zweiten Staffel ist die Handlung dagegen teilweise zu gedrängt, weshalb die Karten manchmal zu offen auf dem Tisch liegen.

Anders als in den vorher geschilderten Serien lässt sich die Qualität von Jericho nur durch den massiven Einsatz von Spoilern beschreiben, die wiederum den Genuss in diesem Fall tatsächlich erheblich mindern können. Wer Jericho noch nicht kennt, sollte deshalb spätestens hier zu lesen aufhören.

Die Serie verarbeitete nicht nur die Irak-Kriegserfahrung der Amerikaner als erste fruchtbringend, sie schafft es dabei auch, ein fragiles Gleichgewicht zwischen Pathos und Sozialdarwinismus zu halten und (etwa bei der unterlassenen Hausdurchsuchung bei einem schwarzen Undercover-Agenten, von dem der Zuschauer aber zu diesem Zeitpunkt annehmen muss, er sei ein Terrorist) auf ausgesprochen fruchtbare Weise mit den Auswirkungen von Tabus zu spielen.

In Jericho treffen, wenn man so will, John Milius' anschauliche Darlegungen, dass Gewalt eine Lösung sein kann, auf Naomi Kleins Theorien von der bewussten Ausnutzung von Katastrophen zur Privatisierung öffentlicher Infrastruktur. Auch sonst haben sich ihre Macher mit Erfolg beim Guten verschiedenster Richtungen bedient: 24, Alias, John-Ford-Western und Civilization. Im Laufe des Fortgangs der Handlung stellt sich unter anderem heraus, dass die Atombomben, die 23 amerikanische Städte zerstörten, nicht, wie es erst heißt, aus Nordkorea stammten und vom Iran bezahlt, sondern von der CIA aus dem ehemaligen Ostblock aus Sicherheitsgründen aufgekauft und dann von einer einheimischen Verschwörung verwendet wurden. Dass die Serie nicht auf einem der RTL-Sender lief, ist spätestens dann wenig verwunderlich, wenn klar wird, dass die Superschurkenfirma J&R wie eine Mischung aus Bertelsmann und Haliburton erscheint.

Morgen in Teil 2: Die Plätze 6 bis 10

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