Gute Nazis, schlechte Nazis

Um mit den Eliten der Deutschen alsbald gegen die Sowjetunion zu ziehen, bereitete Dulles noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs den Kalten Krieg vor. So schleuste Dulles etliche hochbelastete Nazis über die Rattenlinie aus - auch solche, die OSS-Agenten zu Tode gefoltert hatten. Seine Hoffnung, den deutschen Eliten wie schon nach dem Ersten Weltkrieg reibungsarm einen gesichtswahrenden Neuanfang zu bescheren, wurden durch das auf Stalins Drängen eingerichtete Kriegsverbrechertribunal in Nürnberg durchkreuzt. Daher infiltrierte Dulles das Gerichtspersonal mit seinen OSS-Agenten, um belastendes Material gegen seine deutschen Nazifreunde zu vertuschen - und damit auch eigene Verstrickungen mit dem Nazi-Regime. Zwar vermochte Dulles etliche Verurteilungen nicht zu verhindern, jedoch entwertete ein guter Freund den Großteil der Urteile einfach politisch und begnadigte zum Entsetzen etwa von Roosevelts Witwe massenhaft hochbelastete Nazis. John Jay McCloy, der nunmehr als Hoher Kommissar in Deutschland wirkte, propagierte dies als angebliche Geste der Versöhnung.

Um Westdeutschland zu kontrollieren und auf einen Krieg gegen Stalin vorzubereiten, betraute Dulles den einstigen Nazi-General Reinhard Gehlen mit dem Aufbau einer Geheimorganisation. US-Geheimdienstler sammelten Alt- und Neonazis in paramilitärischen, scheinbar von Deutschen geleiteten Tarnorganisationen ein. 1947 gelang es Dulles und McCloy, die Gründung der CIA politisch durchzusetzen, die eigentlich nur Informationen sammeln sollte. Dulles formte die CIA jedoch zu einem aggressiven operativen Geheimdienst, der subversive Aktionen im Osten sowie in der Dritten Welt durchführte - aber auch in Westeuropa. So spaltete die CIA die französische Gewerkschaft und finanzierte verdeckt die italienischen Christdemokraten. Politiker erhielten in Deutschland Aufstiegshilfe, wenn sie sich zu den USA bekannten.

Gesellschaftslöwe Allen Dulles trat stets dafür ein, Deutschland sowie andere unter US-Einfluss stehende Länder über deren Eliten kontrollieren, die es zu hofieren galt, und von denen er viele bereits seit langem kannte. Eine gesellschaftliche Rehabilitierung der Nazis war unmittelbar nach dem Krieg nicht gelungen, doch 1952 war offenbar genug Gras über die Toten gewachsen, dass man sich wieder mit Wehrwirtschaftsführern, IG-Farben-Managern und andere Kriegsgewinnlern auf dem Parkett sehen lassen konnte. An NSDAP-Mitgliedschaften störte man sich kaum. Nach dem Vorbild des CFR ließ er daher im Ausland ähnliche Gesellschaftsvereine gründen, denen jeweils Schwestervereine wie etwa das Council on Germany gegenüberstanden.

Schon das CFR hatte in den USA kaum Kritik in den Medien zu befürchten, denn praktisch alle großen Verlage gehörten den Gründungsmitgliedern. Nicht von ungefähr hatte Time-Verleger Henry Luce noch 1938 Hitler zum "Mann des Jahres" gekürt. Für Dulles war die Kontaktpflege mit Verlegern, Rundfunk-Unternehmern und prominenten Journalisten Chefsache. In Deutschland fungierte die Atlantik-Brücke auch insoweit als Ableger. Journalisten mit Zutritt waren gemachte Leute. Auch Dulles deutscher Statthalter Gehlen steuerte die Berichterstattung über Außenpolitik, indem er engste Kontakte in Redaktionsstuben pflegte (vgl. Wie der BND die deutschen Medien steuerte).

Wie beim CFR in den USA ist die Atlantik-Brücke das wichtigste Sprungbrett für Politiker und Alphajournalisten. Wer Zutritt hat, vermeidet Liebesentzug. Auch gen Osten griff Dulles in die öffentliche Meinung ein und brachte Propagandasender wie Radio Free Europe in Stellung. Zudem förderte die CIA über die Rockefellerstiftung genehme Künstler, welche die Freiheit des Westens priesen, hypte etwa den Pinselschwinger Jackson Pollock (vgl. Modern art was a CIA-Weapon).

Eleonor Lansing Dulles, eine Schwester der Dulles-Brüder, wirkte für das US-Außenministerium seit 1945 in West-Berlin, wo man sie als "Mother of Berlin" verehren durfte. Sie war u.a. mit dem Marshall-Plan befasst, jener Refinanzierung Westdeutschlands durch das konfiszierte Raubgold der Nazis, das man Deutschland als Kreditsicherheit großzügig zurücklieh. Die von den Nazis Beraubten hingegen gingen weitgehend leer aus.

Als 1956 ein SPD-Wahlsieg zu befürchten war, bot Gehlen dem CIA-Chef nichts weniger als einen patriotischen Staatsstreich an. Ob Medienvertreter und gesellschaftlich hochgestellte Meinungsführer das verurteilt oder vielmehr als Akt der Vernunft bejubelt hätten (wie dieser Tage das Bombardieren von Syrien), wird man nie erfahren.

Das Bauchpinseln prominenter Journalisten zahlte sich aus und bewirkte unter den westdeutschen Leitmedien ein Schweigekartell. Obwohl wenige von Dulles Aktionen langfristig wirklich geheim blieben und vieles etwa in kommunistischen Zeitungen zu lesen war, hielten sich die westdeutschen Medien an die transatlantisch vorgegebenen Narrative.

Konzernanwalt Allen Dulles nahm immer stärkeren Einfluss auf die CIA, die ihm nicht aggressiv genug gegen den Ostblock vorging - oder gegen Länder in Mittel- und Südamerika, in Indochina und im Nahen Osten, wo seine Mandanten wie die Rockefellers oder die United Fruit Company wirtschaftliche Interessen verfolgten. Von Dulles unterstützte Gerüchte über ein angeblich gigantisches Spionagenetzwerk in der Tschechoslowakei veranlassten Stalin zu einer gigantischen Hexenjagd, die zur Verhaftung von Tausenden Unschuldigen und politischen Säuberungen führte.

Als 1953 der von den Dulles-Brüdern finanzierte Kriegsheld Eisenhower die Präsidentschaftswahl gewann, setzte dieser John Foster Dulles als Außenminister und Allen Dulles als neuen CIA-Direktor ein. Die Dulles-Brüder blieben gleichzeitig Konzernanwälte und bugsierten ihre Milliardärsfreunde ins Kabinett im Weißen Haus. Während Eisenhower den Großteil seiner Amtszeit auf dem Golfplatz verbrachte, kontrollierten die nie demokratisch gewählten Dulles-Brüder die Politik und führten die Welt immer tiefer in den Kalten Krieg. Die von den Medien apportierte Dämonisierung der Sowjetunion bescherte der Rüstungsindustrie langfristige Aufträge. Zufällig waren die Dulles-Brüder auch Hausanwälte der US-Stahlindustrie, die sie organisiert hatten. Der scheidende Präsident merkte erst gegen Ende seiner Amtszeit, wie sehr ihn die Männer des CFR reingelegt hatten und warnte in seiner Abschiedsrede vor einem "militärisch-industriellen Komplex". Damit lehnte sich der Präsident weiter aus dem Fenster, als es sich je ein schreibendes Mitglied der Atlantik-Brücke getraut hätte.

Dem vom CFR protegierten Richard Nixon, der seine Karriere u.a. dem Schweigen zu den Weltkriegsgeschäften der Dulles-Mandanten verdankte, misslang 1960 knapp die Präsidentschaftswahl. Dulles konnte mit dem Sohn von Joseph Kennedy, der ebenfalls Nazi-Deutschland unterstützt hatte und mit Dulles verkehrte, anfangs gut, verriet ihm aber nicht seine Arbeitsmethoden. So ließ Dulles im Kongo Patrice Lumumba liquidieren. Zudem ereigneten sich bis heute ungeklärte Abstürze wie im Fall des UN-Generalsekretärs Dag Hammarskjöld (vgl. Neue Spur zum mysteriösen Flugzeugabsturz von Dag Hammarskjöld) sowie des italienischen Industriellen Enrico Mattei, der ohne Erlaubnis der Wallstreet Erdöl aus Libyen und der Sowjetunion importieren wollte (vgl. Die CIA und das Öl).

Dulles wollte seine von transatlantischen Journalisten bemäntelte Serie an Regime Changes in fremden Ländern auch auf Kuba fortsetzen, überschätzte jedoch seinen Einfluss auf Kennedy. Dieser nämlich verweigerte eine offizielle Beteiligung der USA am Putsch auf Kuba auch dann noch, als die Invasion andernfalls ohne militärische Unterstützung scheitern musste. Nach dem Debakel in der Schweinebucht musste Dulles den Geheimdienst gemeinsam mit hochrangigen CIA-Leuten verlassen. Allerdings steuerte Dulles die CIA heimlich aus seinem Privathaus weiter.

Fleischhauers Geburt fiel in das Jahr der Kuba-Krise, bei der McCloy im Weißen Haus beratend mitwirkte. McCloy verabscheute die Kennedys, die etwa die Rassentrennung beenden wollten und sich ihre Politik langfristig nicht vom CFR diktieren ließen. Aus Protest gegen die Kennedys zog sich der mächtige Lobbyist McCloy vorübergehend aus Washington zurück. Nachdem sich die Kennedys das Pentagon und nahezu jeden Dulles-Freund zum Feind gemacht hatten, wurde der Präsident in Dallas erschossen - natürlich von einem verwirrten Alleintäter, wie man es von Medieneliten auf der Atlantik-Brücke erfahren kann.

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