Janet Jacksons neues Album "Velvet Rope"

Liebe Deine Fesseln

Janet legt den Zeigeist auf die Couch

Velvet Rope ist eine geschickte Gratwanderung zwischen Massen-Pop und Hipster-Geschmacksverfeinerung. Darüberhinaus ist das Album in seiner Gesamtaussage ein typisches Werk der kulturell liberalen 90ziger Jahre. Wiedereinmal beweist Janet Jackson ihre Fähigkeit als eine Art "Seismograph der Popmusik" die Strömungen der Zeit zusammenzufassen und einem großen Publikum schmackhaft zu machen.

Schon mit dem Album "Control", das Janet Jackson 1986 den Durchbruch bescherte (5 Millionen verkaufte Exemplare), zeigte sie, daß sie mehr drauf hat, als bloß im Windschatten des großen Bruders zu segeln, der damals wohl gerade am Höhepunkt seines Ruhms war. Niemals geriet sie in die Nähe der disneyhaften Künstlichkeit von Michael. Auch begnügte sie sich nicht mit reinem Kommerz wie LaToya Jackson, Pop-Sternchen Eintagsfliege und jüngste aus der musikalischen Großfamilie. Schon eher trat sie als eine Art weiblicher Prince auf, sexy, unberechenbar und vielseitig. Vor allem aber war Janet immer schon Janet und nicht bloß eine weitere Jackson. Sie arbeitete hart daran, das auch der Außenwelt klarzumachen, was sich in jener wunderbar gehaucht, kratzigen Textstelle auf Control manifestierte, wo sie sagte: ItŽs Janet ...(lange Pause)...Jackson.

Mit Rhythm Nation konnte sie 1989 den Verkaufserfolg von Control sogar noch übertreffen. Augenscheinlich Maßstäbe setzend war jedoch vor allem das Video zum Titelsong, das in der Maxi-Version 8 Minuten lang Auge und Ohr mit allen denkbaren Reizen hypnotisierte. Nach zwei weiteren Alben (die eigentümlicherweise völlig an mir vorübergegangen sind) ist sie nun mit "Velvet Rope" zurück.

Nach BjörkŽs "Homogenous" ist Janets "Velvet Rope" nun ein weiteres Psycho-Outing einer reifenden Pop-Artistin. Interessant sind Björk und Janet bei aller Unterschiedlichkeit vor allem deshalb, weil sie an einer ganz besonderen Schnittstelle arbeiten, an einer, die wohl nur das Medium Pop ermöglicht. Denn trotz der Einschränkungen eines geplanten Mega-Chart-Erfolges - und diese sind "Velvet Rope" deutlich anzuhören - sind einige Passagen musikalisch zumindest unkonventionell und auch die Texte transportieren Haltungen und Einsichten, die über den Konsens der herrschenden Mittelklasse hinausgehen. Das macht Janets Credibility-Potential aus: Einer jener wenigen Ausnahmefälle zu sein, deren auf ein Millionenpublikum gerichtete Pop-Produkte zugleich unkonventionelle, störende oder gesellschaftlich progressive Aussagen machen.

Vergleicht man Pop in dieser Hinsicht mit anderen Gattungen, so fällt auf, wie minimal und elitär das Publikum von Kunst ist, wie sehr sich dieser Umstand bei Medienkunst noch verschärft, wie wenige Menschen von zeitgenössischer Literatur erreicht werden, wie sehr das Kino von Kaiptalinteressen - und damit freiwilliger Vorzensur - geprägt ist. Nur Pop scheint diesen Freiraum zu gewähren, eine Masse anzusprechen und dabei auch noch wirklich etwas zu sagen.

Was sind aber nun die "Aussagen" die Janet mit "Velvet Rope" macht? Diese wirklich progressiv zu nennen, ginge sicher zu weit, dafür ist Janet zu ambivalent und auch zu romantisch, gefühlig und die Qualität der Songs auf der CD, ich sags freundlich, ist zu "gemischt". Ihre Aussagen bewegen sich im engeren Sinn auf dem Gebiet, das Anthony Giddens "Politik der Lebensführung" nennt.

"Follow the passion thats within you. Living the truth will set you free". Velvet Rope (Titelsong)

Im dreiseitigen Interview im Magazin Vibe, das sich vor allem an ein schwarzes Publikum richtet, gibt Janet dazu den entsprechenden Subtext:

Ich habe 31 Jahre gebraucht, um dieses Album zu machen. Ich mußte mir einen Kassettenrekorder holen, denn ich konnte nicht so schnell schreiben, wie die Gedanken in mir entstanden. Sehr viel davon handelt von Schmerz.

Janet Jackson, Vibe, November 97

Eines der vielen Fotos auf dem CD-Innen-Cover zeigt Janet im Ganzkörper-Latex-Catsuit mit Brustwarzen-Piercing. Ein anderes auf der Couch liegend, mit über dem Kopf gefesselten Armen. Ist solch einschlägiges Bildmaterial nun bloß Bestandteil einer Marketing-Strategie auf dem Weg zur Pop-Weltherrschaft? Oder auch ein Zeichen dafür, wie weitverbreitet Piercing und die Akzeptanz von Soft-S/M innerhalb weniger Jahre geworden sind?

Doch Janet meint nicht nur diese Art von Schmerz. Denn der Weg zur Pop-Weltherrschaft war, wie wir wissen, für die Jackson Kinder besonders hart. Mit 7 sang sie bereits im Studio, mit 10 hatte sie einen Vollzeitjob als Kinderstar im Fernsehen. Menschliche Wärme und eine beschützte Kindheit sind da wohl in weiten Teilen auf der Strecke geblieben. Und so erzählen Album und Interview vor allem auch davon, wie schwierig es sein mag, obwohl man von Millionen anonymer Fans geliebt wird, ganz für sich selbst ein Selbstwertgefühl zu entwickeln, bzw. zu wissen, wer man überhaupt ist.

Nun also bloß nicht zynisch werden. Klar, Janet braucht uns nicht leid zu tun. Sie ist reich, gesund, sieht gut aus, und ihre Fesseln sind wenn schon aus Samt und Seide. Sie ist aber auch eine Person, in der viele gesellschaftliche Machtstränge zusammenlaufen. Und in diesem Sinn verkörpert sie nachdrücklich die Analysen von Foucalt über gesellschaftliche Kontrollsysteme: Sie ist zugleich Beherrscherin und Beherrschte. Macht ist keine anyonyme Institution, jeder Mensch ist zugleich Opfer und Täter, Kontrollierter und Kontrolleur in vielen alltäglichen Handlungen und Entscheidungen. Der Erfolg, den sie sosehr haben wollte, stellt zugleich eine immense Belastung dar.

"Liebe Deine Fesseln" ist damit das Grundmotiv, das sich durch das Album zieht, im übertragenen, gesellschaftlichen Sinn, aber auch im ganz praktisch-erotischen Sinn. Im Vibe-Interview direkt darauf angesprochen, ob sie und ihr Lebenspartner, mit dem sie seit 10 Jahren zusammen ist, nun Bondage praktizieren würden, antwortet sie zunächst ausweichend - "nichts was wirklich wehtut" -, erklärt aber dann:

Some nights you feel one way; some nights you feel another. Pleasing someone else and feeling them enjoy - you become aroused.

Im Album wird es dann noch etwas expliziter, insbesondere im Song "Rope Burn". All das ist jedoch weit davon entfernt, "Hardcore" oder pornographisch zu sein. Ob dieses öffentliche Bekenntnis zur Freude am Schmerz nun hauptsächlich aus spekulativem, verkaufsförderndem Interesse geschieht, kann ruhig offengelassen werden. Die Tatsache, dass diese Botschaft ein Millionenpublikum erreichen wird, ist für sich genommen ein Zeitzeichen für den kulturellen Liberalismus der 90ziger Jahre. Geschlechterrollen werden überschritten, Machtpositionen gewechselt, Sexismus und Rassismus sind out wie nie zuvor, ohne damit die hermetische Gedankenkontrolle der (hauptsächlich von weissen Mittelklassemenschen formulierten) Political Correctness zu befolgen.

Janet tritt uns als gesammelte und reale Person gegenüber, die sich die Freiheit nimmt, sich selbst so zu erfinden, wie sie sein möchte und die kleinen süßen Geständnisse gehören eben auch dazu, ebenso wie die Arbeit an der Persönlichkeit als "Work in Progress" zu begreifen.

Velvet Rope, der Titelsong, wechselt geschickt zwischen süsslichen Chorgesängen, eingeschobenen Electro-Breaks und einer zunächst harmlos klingenden Geige, die am Ende des Stücks in einem langen Solo völlig auszuflippen beginnt.
Gleich der nächste Song, "You" hat ziemliches Dancefloor-Potential, was er aber vor allem dem Sample und dem Aufgreifen der Stilistik von "Cisco Kid", einem genialen Stück von "War" in ihrer Frühsiebzigerphase, zu verdanken hat. Janet wählt hier den Schachzug, zwischen den Refrains nicht zu singen - ihre Gesangsstimme ist ja doch ziemlich dünn - sondern mit tieferer Stimme in einen wieder einmal nur mit Prince zu vergleichenden Sprechgesang zu verfallen.
Auch "My Need" hat es in sich. Die bereits angesprochene "Dünnheit" der Stimme wird hier bewußt als Stilmittel eingesetzt, Resultat: Betörend. Höhepunkt ist aber sicherlich "Got Til ItŽs Gone" mit Joni Mitchell und Q-Tip (Rapper von "Tribe Called Quest"). Ein cooler R&B Breakbeat, ein wie immer verspielt und relaxt rappender Q-Tip und Joni Mitchells Refrain wie Milchschaum über dieser Melange schwebend ergeben den nahezu perfekten 90ties Pop-Song.
Hat sich Hörer im Slacker-Universum von Frau Jackson gerade gemütlich eingerichtet, so kommt mit "Together Again" plötzlich eine lustige Überraschung, ein klassischer Disco-Stomp im Seventies Kostüm aus der Donna Summer- und Chic Le Freak-Galaxie.
Danach geht es allerdings mit dem Qualitätsniveau eher bergab, weitere Überraschungen und Stilbrüche bleiben aus. Janet nudelt noch einige Pop-Balladen herunter, einige davon im unerträglichen amerikanischen Mainstream-Pop-Balladenstil so Richtung Witney Houston (was diese aber einfach besser kann), andere etwas Janet-charmanter.
Ach ja, Zwischenstücke gibt es auch, manche davon recht gelungen - in Europa würde man das "Audio Art" oder elektronisches Kurzhörspiel nennen - und eines davon heißt sogar "Online" und kombiniert einen Windows-System-Sound mit Modem-Piepsen, womit allein die Referenz in diesem Magazin schon gerechtfertigt sein sollte.

Velvet Rope, Janet Jackson, ein Produkt von Virgin Records America Inc. (Armin Medosch)

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