Japan: Endemische Sexlosigkeit

Über 40 Prozent der männlichen und weiblichen Singles im Alter zwischen 18 und 34 Jahren sind noch jungfräulich

Im vergreisenden Japan, in dem Kinder rar werden und man lieber auf Roboter als Zuwanderer setzt, wird alle paar Jahre einmal versucht, das sexuelle Leben der Bürger zu erkunden und Trends zu erkennen. Dahinter steht das Bestreben der Regierungen, die Geburtenrate, derzeit bei 1,4 Kinder pro Frau, anzuheben, was Sex zwischen den Geschlechtern und die Lust dazu voraussetzt, wenn man nicht den Weg über künstliche Befruchtung gehen will. Auffällig ist, dass nicht nur in Japan, sondern auch in anderen Ländern die Lust am Sex oder der Wille zu Sex, zumindest mit einem anderen Menschen, zu schwinden scheint (Kein Sex und Spaß dabei.

In Japan breitet sich Asexualität aus (Sex? Nein danke!, Keine Lust mehr auf körperlichen Sex?). Aber ähnliches lässt sich in Großbritannien (Keine Arbeit oder mehr Arbeit - auf jeden Fall weniger Sex), aber auch in den USA (Vor allem bei jungen Männern geht der Sex verloren) oder Südkorea (Ein Fünftel der jetzt 20-jährigen Südkoreaner soll für den Rest des Lebens Single bleiben, In Südkorea gibt es die schnellste Zunahme von Singlehaushalten), vermutlich auch in Deutschland (Viele Singles sind nicht mehr auf Partnersuche aus) beobachten. In Japan hat man dafür bereits den Ausdruck des Zölibatssyndroms geprägt.

Jetzt hat das Nationale Institut für Bevölkerungswissenschaft und Soziale Sicherheit die Ergebnisse einer neuen Umfrage veröffentlicht, die im Juni des vergangenen Jahres durchgeführt wurde. Befragt wurden 8.754 Singles und 6.598 Ehepaare. Seit 1987 wird die Umfrage über den sexuellen Zustand der Gesellschaft durchgeführt.

Schon damals lag der Anteil der unverheirateten Frauen und Männer, die keinen Partner hatten, bei 39,5 bzw. 49,6 Prozent. Bei den 18-34-Jährigen sagten jetzt fast 70 Prozent der unverheirateten Männer und 60 Prozent der unverheirateten Frauen, dass sie keinen Partner hätten. Gefragt wurde allerdings nur nach heterosexuellen Partnerschaften, Homosexualität wurde ausgespart. Was es genau heißt, einen Partner zu haben, lässt sich nicht erschließen, wahrscheinlich sind feste Beziehungen gemeint.

Noch erstaunlicher ist, dass diese junge Generation, die mit Medien aufgewachsen ist, nicht nur zunehmend als Singles lebt, sondern auch sexlos. 42 Prozent der unverheirateten Männer in der Altersgruppe zwischen 18 und 34 Jahren haben noch keinen Geschlechtsverkehr gehabt und 44,2 Prozent der unverheirateten Frauen sind noch jungfräulich. Bei der letzten Umfrage sagten noch 36,2 Prozent der unverheirateten Männer und 38,7 Prozent der unverheirateten Frauen, dass sie noch nie Sex hatten.

Sollten die Zahlen stimmen, wäre der Anstieg dramatisch und ein Hinweis darauf, dass ein wachsender Anteil von Menschen ohne Sex mit anderen Menschen auskommt oder davor zurückscheut. Für letzteres könnte sprechen, dass fast 90 Prozent der Singles erklärten, dass sie schon mal "irgendwann in der Zukunft" heiraten möchten. Der Drang scheint allerdings nicht so stark zu sein, wirklich eine Partnerschaft oder gar eine Heirat anzustreben oder eingehen zu wollen. 30 Prozent der männlichen Singles und 26 Prozent weiblichen gaben an, derzeit nicht zu suchen. Sie scheinen also zufrieden zu sein oder wollen eine Bindung möglichst lange hinausschieben.

Spekulieren lässt sich nur über die Gründe für die zunehmende Verabschiedung vom Sex mit einem Geschlechtspartner. Naheliegend wäre, dass Medien und vor allem das Internet eine große Rolle bei der zunehmenden Vereinzelung spielen könnten, bei der Unlust, Bindungen und intime Nähe einzugehen. Manche sind der Überzeugung, dass der vor allem durch das Internet leicht mögliche Konsum von Pornos falsche Erwartungen und Ängste vor dem Sex wecken könnte. Möglich wäre auch, dass körperliche Nähe mit Schweiß, Gerüchen und Säften als eklige Begegnung für die gestylten, gesäuberten, rasierten und glatten Körper, in denen man steckt, gesehen werden könnten. Oder lastet zunehmend mehr Verantwortung für das Leben auf den Einzelnen, dass sie davor zurückschrecken, sich mit Partner neue Verantwortung aufzuladen, zumal der Arbeitsdruck und der Leistungszwang im Alltag ansteigen? (Florian Rötzer)