Japan: Regierung propagiert die "alterslose Gesellschaft"

Bild: Mr Hicks46/CC BY-SA-2.0

Es geht schlicht darum, dass im vergreisenden Land die Menschen länger, am besten über 70 Jahre hinaus arbeiten sollen, um das Rentensystem zu entlasten

Japan, ein Land, das zunehmend vergreist, aber Roboter Zuwanderern vorzieht (Japan will mit Robotern Arbeitskräftemangel auf Baustellen ausgleichen), soll sich nach dem Willen der Regierung in eine "alterslose Gesellschaft" verwandeln. Menschen, die älter als 65 Jahre sind, sollen nicht automatisch als Rentner betrachtet werden. Nach einem Entwurf für eine Regierungspolitik für ältere Menschen sollte man diese darin bestärken, gesund zu bleiben und - vermutlich am wichtigsten - weiter zu arbeiten, um das Rentensystem zu entlasten. Der Entwurf wurde von der Regierungspartei bereits verabschiedet, Regierungschef Shinzo Abe will das Gesetz noch diesen Monat umsetzen.

Vollmundig heißt es, dass "der allgemeine Trend, alle Menschen im Alter von 65 Jahren und darüber als Alte zu betrachten, an Glaubwürdigkeit verliert". Die Regierung will die gegenwärtigen Altermaßstäbe prüfen, "um eine alterslose Gesellschaft zu schaffen, in der Menschen aller Generationen nach ihren Wünschen aktiv sein können". Schmackhaft machen soll das Heraufsetzen des Renteneintrittsalter wohl die Freiwilligkeit, mit dem Begriff der "alterslosen Gesellschaft" will man vermutlich der zunehmend älteren Bevölkerung schmeicheln. Die sieht sich offenbar weniger alt bzw. schiebt das Altsein weiter nach hinten (Wann wird man alt? 50- oder 60-Jährige fühlen sich noch wie 30 und klagen über die zunehmende Masse der alten Menschen).

Tatsächlich ist in Gesellschaften, in denen viele keine schwere körperliche Arbeit mehr ausführen und die Lebenserwartung über lange Zeit hinweg gestiegen ist, eine vorgeschriebene Altersgrenze von 65 Jahren zunehmend willkürlich und kaum mehr verständlich. Statt pauschal das Renteneintrittsalter heraufzusetzen, das Rentenniveau zu senken und auf private Vorsorge zu setzen, wäre eine flexiblere Regelung sinnvoll.

Normalerweise erhalten Japaner, wenn sie mindestens 25 Jahre lang gearbeitet und eingezahlt haben, ab 65 Jahren eine gesetzliche Rente aus dem Nationalen Rentensystem. Es besteht aber die Möglichkeit, ab einem Alter von 60 Jahren in Rente zu gehen oder bis 70 Jahre weiter zu arbeiten. Je länger man arbeitet und einzahlt, desto höher wird die Rente. Jetzt will die Regierung die obere Grenze des Renteneintrittsalters erhöhen. Menschen sollen über das Alter von 70 Jahren hinaus arbeiten und dann irgendwann Rente beziehen können. Allerdings scheinen die Japaner bislang weitgehend darauf zu verzichten, das Arbeitsleben über 65 Jahre hinaus zu verlängern.

Wenn man das Land nicht stärker der Einwanderung von jungen Menschen öffnen will (Obergrenze), kommt angesichts der niedrigen Geburtenrate - weniger junge Menschen, die zudem weniger Sex zu haben scheinen (Sex ist Mühsal) - und der zunehmenden Alterung der Gesellschaft, in der 2025 ein Drittel der Menschen bereits über 65 Jahre alt sein wird, nicht umhin, dass die Älteren länger arbeiten - nicht nur wegen der Rente, sondern auch wegen ansonsten fehlenden Arbeitskräfte, sofern die Arbeitsstellen nicht durch Roboter ersetzt werden können. Das aber ließe auch wieder die Frage offen, wie die Renten dann finanziert werden.

Das neue Programm sieht vor, die Wiederbeschäftigung von alten Menschen zu erleichtern. So sollen Ältere, die sich selbständig machen wollen, mit staatlichen Krediten gefördert werden. Zudem soll recht schnell der Anteil der Beschäftigten im Alter zwischen 60 und 64 Jahren, der jetzt bei 63,6 Prozent liegt, bis 2020 auf 67 Prozent steigen. Und man will dafür sorgen, dass die Alten länger gesund und fit bleiben, um die Angewiesenheit auf Pflege zu senken. Die kommt nicht nur teuer, hier fehlen auch zunehmend Pflegekräfte. (Florian Rötzer)

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