Japan - kein Wintermärchen

Bild: Marcin Pietraszkiewicz

Viele Häuser haben dünne, nicht isolierte Wände aus Gips- und Holzspannplatten, undichte Schiebefenster und keine nennenswerte Heizung. Tod durch Erfrieren ist keine Seltenheit

Frau Tanaka macht sich in der letzten Zeit Sorgen. Vor kurzem las sie in der Asahi Shinbun, dass in Japan vier Mal so viele Menschen in ihren Häusern an Folgen der Kälte sterben würden wie bei Verkehrsunfällen, vor allem Ältere und Alleinstehende. Es trifft auf sie zu: Sie ist über siebzig, lebt allein in ihrem gut vierzig Jahre alten Haus. Einem Haus, wie sie in Japan millionenfach zu finden sind: mit dünnen, nicht isolierten Wänden aus Gips- und Holzspanplatten, undichten, einfach verglasten Schiebefenstern, Fußböden, durch die der Wind pfeift, ohne Keller und ohne nennenswerte Heizung.

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Frau Tanaka lebt in Tohoku, einer Region nördlich von Tokio, wo die klimatischen Verhältnisse ähnlich denen in Mitteleuropa sind. Noch weiter nördlich ähneln sie jenen in Skandinavien. Dennoch wird auch in hier gebaut, als gäbe es nur den heißen schwülen Sommer, dem die japanische Regenzeit vorangeht und deren Feuchtigkeit oft Probleme bereitet.

"Traditionell werden japanische Häuser im Hinblick auf den Sommer gebaut", hört man als Erklärung. Dass die Winter nicht so kalt wie in Europa seien und dass es wegen der vielen Erdbeben und Brandgefahr zu gefährlich sei, Häuser zu isolieren, sie mit Zentralheizung und mit besseren Fenstern zu versorgen, sind andere oft kolportierte Mythen. Wenn man im Dezember mit blauen Händen und abgefrorener Nase bei 2°C unter null im eigenen Schlafzimmer aufwacht, wenn man Lebensmittel in den Kühlschrank geben muss, damit sie am Küchentisch nicht zu Eisbrocken werden, will man diese Argumente nicht ganz glauben.

Frau Tanaka hat darin bisher nichts Ungewöhnliches gesehen. Sie hat, wie Millionen Japanerinnen ihrer Generation, in diesen Verhältnissen ihre Kinder großgezogen, den Haushalt geführt, ist ihren Hobbys nachgegangen. Man müsse den Winter hautnah erleben und die Kälte gehöre eben dazu. Warm anziehen, zusammenrücken, Tee trinken, am Abend energiereiche heiße Suppen verspeisen und viel bewegen. Die Japaner seien so naturnah, man könne die kalte Jahreszeit sogar genießen, meint sie. Das Bild von Kindern auf ihrem Schulweg, die mit kurzer Hose oder Röckchen und ohne Kopfbedeckung dem Schnee trotzen, ist allgegenwärtig.

Frau Tanaka steht jeden Tag um sechs Uhr auf, bei der Fernsehgymnastik kommt sie richtig in die Gänge. Sie dreht den kleinen tragbaren Kerosinoffen auf, der die Küche mit dem markanten Geruch einer Flughafenpiste ausfüllt. Bei Innentemperaturen um den Gefrierpunkt kommt ihr manchmal warme Luft aus dem Kühlschrank entgegen. Ihr Haus ist, wie in Japan üblich, nach Süden ausgerichtet, das Wohnzimmer hat große Glasschiebtüren. Tagsüber wird jeder Sonnenstrahl eingefangen, da kann man auf die Heizung verzichten. Am Abend sitzt sie bei knapp über 10°C Innentemperatur in dicke Pullover gekleidet vor dem Fernseher.

Spätestens um 21 Uhr ist die Badewanne mit heißem Wasser gefüllt. Traditionell steigen in Japan alle Familienmitglieder, nachdem sie sich abgeduscht haben - Vater, die Kinder, zuletzt die Mutter - hinein, sie wärmen ihre Körper, danach schlüpft man unter mehrere Schichten dicker Decken. Es ist nach wie vor üblich, dass alle im selben Raum schlafen, die Kinder oft bis zum 10. Lebensjahr zwischen den Eltern. Denn der Wohnraum ist knapp und in der Nacht wird nicht geheizt.

Das Aufstehen in der Früh, der morgendliche Gang zur Toilette, werden zur Qual, das Anziehen der kalten Kleider zur Selbstgeißelung. Eiszapfen hängen an den Innenkanten der Fenster, die sich oft nicht öffnen lassen, Atemwolken strömen aus dem Mund beim Frühstücken und beim Zähneputzen.

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Eine rezente Untersuchung der Universität Nara ergab, dass ältere Menschen, die in kalten Wohnräumen leben, Abnormitäten im Blutbild aufweisen. In einem Dorf wurden Haushalte in "warm", "moderat" und "kalt " unterteilt. Es konnte gezeigt werden, dass die Bewohner "kalter" Häuser mit einer Durchschnittstemperatur um 11°C eine etwas höhere Anzahl an Blutplättchen entwickelten. Dies ist ein Risikofaktor für potentiell tödliche Notfälle wie Herzinfarkt und Schlaganfall. Die Ergebnisse könnten die Häufung dieser Erkrankungsfälle bei alten Menschen vor allem in kälteren Teilen Japans erklären, ein Phänomen, das als "Badebezogener Tod" bezeichnet wird.

Eine typische Situation ist, wenn sich Hausbewohner nach dem heißen Bad in die unbeheizten Wohnräume begeben. Häufig stürzen ältere Menschen einfach in ihrer Wohnung, können nicht selbständig aufstehen und erfrieren. Die Zahlen werden mittlerweile auf 17.000 Fälle im Jahr geschätzt. Im Vergleich dazu fiel die Zahl der Verkehrstoten 2017 auf unter 4.000. Diese Erkrankungen bzw. Todesfälle haben in der alternden japanischen Gesellschaft im gleichen Maße zugenommen, wie die früher üblichen Mehrgenerationenhaushalte zugunsten von Kernfamilien und Singlehaushalten abgenommen haben. Viele ältere Menschen leben alleine und oft ist niemand da, der rechtzeitig helfen kann.

Frau Tanaka las im gleichen Artikel, dass es neulich Abhilfe gegen die Gefahren der Kälte gäbe. Man könne das Haus sanieren und energieeffizienter machen. Sie kontaktierte mehrere Bau -und Fensterfirmen. Die Fachmänner kamen und schüttelten den Kopf. Für neue Fenster sei das Haus zu alt, ein Einbau könnte die Stabilität gefährden. Gegen den eisigen Wind zwischen den Holzdielen am Küchenboden riet man ihr, dort einen Teppich zu legen. Am besten wäre es überhaupt, das Haus abzureißen und ein neues hinzustellen.

Die Baufirmen haben zumeist keine Erfahrung in Haussanierungen, sie verfügen nicht über die nötige Technologie. Energieeffizienz ist für sie kein Thema. Die Option, ein älteres Haus zu renovieren, wird kaum in Erwägung gezogen, denn sie wird auch von Kunden selten verlangt. Die Bauunternehmen begegnen dem Trend ebenfalls mit Skepsis. Wie es ein japanischer Architekt ausdrückte: "Wovon würde dann die Bauindustrie leben?"

Eine höhere Energieeffizienz bei Neubauten würde höhere Baukosten nach sich ziehen und die Gewinnspanne schmälern. Zwar gibt es seit 1999 Ökostandards (Energy Efficiency Standard for Housing and Buildings), diese sind aber nicht verpflichtend und werden zumeist nur bei großflächigen Nutzbauten angewendet. Eine Ausnahme bildet die nördlichste Präfektur Hokkaido, wo die Winter lang, eisig kalt und schneereich sind.

Zahlen des Infrastrukturministeriums zufolge würden in 40% der japanischen Häuser jegliche energieeffiziente Vorkehrungen fehlen. Etwa 80% der Häuser und Wohnungen sind mit Einfachverglasungen und Aluminiumrahmen ausgestattet, nur bei Neubauten wird zunehmend Doppelverglasung verwendet. Einzig auf Erdbebensicherheit sowie Feuerfestigkeit wird beim Wohnungsbau strikt geachtet.

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