Japan vor dem Umbau seiner Gesellschaft

Die doppelte Katastrophe - Erdbeben-Tsunami und nukleare Verseuchung - hat die seit zwei Jahrzehnten anhaltende gesellschaftliche Krise Japans deutlich verschärft, Japan muss sich neu organisieren

Trotz des großen individuellen Leids1 durch das Tohoku-Erdbeben und den Tsunami steht das Funktionieren der Gesellschaft Japans bislang nicht in Frage. Die seit Jahrzehnten auf Erdbebensicherheit entwickelte Infrastruktur begrenzte die Zerstörung. Die schnelle Reaktion auf diese Katastrophe zeigten die kulturell anerzogene Disziplin der Bevölkerung sowie das Vermögen des japanischen Staates, eine Notversorgung seiner Bevölkerung auch in Krisenzeiten sicherzustellen. Hier werden deutliche Unterschiede zu anderen hochentwickelten Industriestaaten, wie z.B. den USA sichtbar, wo 2005 beim Hurrikan Katrina nach tagelanger Handlungsunfähigkeit Militärs gegen bewaffnete Plünderer in New Orleans geschickt wurden.

Nach Jahren mag sogar ein Unheil zu etwas nütze sein.

Japanisches Sprichwort

Das Tohoku-Erdbeben betraf nicht, wie das Erdbeben von Kobe 1995 "nur" ein begrenztes Gebiet. Das Erdbeben 2011 erfasste den gesamten Nord-Osten der japanischen Hauptinsel Honshu und der folgende Tsunami verwüstete die Küstenlinie auf fast 600 km Länge, teilweise bis in 10 km Tiefe. Insgesamt wird geschätzt, dass ca. 25% der Landmasse Japans im unterschiedlichem Ausmaße vom Erdbeben als auch dem Tsunami betroffen sind.2 Da Japan aus zahlreichen Gebirgsinseln besteht, ist die Infrastruktur auf die bebaubaren Gebiete entlang der Küsten konzentriert; entsprechend die Totalzerstörung bei einer Überflutung. Diese Naturkatastrophe hat umfassende Auswirkungen auf die japanische Gesellschaft insbesondere in den eng verknüpften Bereichen Infrastruktur, Energieversorgung und Wirtschaft.

Bei der Transportlogistik sind sowohl die Verbindungswege als auch die Knotenpunkte innerhalb Japans sowie für den Außenhandel betroffen. So sind alle Autobahnen und Eisenbahnlinien in den Norden beschädigt, mehrere Großflughäfen ausgefallen sowie sieben Seehäfen, inkl. des Tokioter-Hafens, nicht bzw. nur eingeschränkt nutzbar.

Bis zur Wiederherstellung der alten Leistungskraft, insbesondere im gesamten Norden der Hauptinsel, dürften Jahre vergehen. Die Schäden waren also nicht auf eine strukturschwache Region begrenzt - mit Dörfern und kleineren Städten, die primär auf die lokale Wirtschaft ausgerichtet sind. Die Schäden erfassen die gesamtjapanische Wirtschaftsstruktur.

Am schwersten ist die Energieversorgung getroffen. Neben der Zerstörung zahlreicher wichtiger Strom-, Gas und Ölleitungen sind direkt aufgrund der Katastrophe 10 Kernkraftwerke außer Betrieb. Das entspricht ungefähr 10% der japanischen Grundlast bei der Stromversorgung. Dieser Ausfall hat gravierende Folgen von langfristiger Dauer, da ein schneller innerjapanischer Stromausgleich, auf Grund der Separierung in ein südliches und ein nördliches Stromnetz mit jeweils unterschiedlichen Frequenzen, nur begrenzt möglich ist. Derzeit sind nur noch 19 von insgesamt 54 AKWs in Betrieb. Die aufgrund routinemäßiger Inspektionen abgeschalteten Reaktoren erhielten bislang wegen der durch die Katastrophe entstandenen Bedenken noch nicht die Genehmigung der Lokalregierungen, wieder ans Netz zu gehen.

Japanische Atomkraft-Standorte

Darüber hinaus besteht, aufgrund der selbstgewählten "Isolation" Japans, keine Stromverbindung zu einem der angrenzenden (Übersee)Staaten. Entsprechend können nur investitions- und zeitintensive Wiederherstellungen alter Anlagen bzw. der Anschluss neuer Kapazitäten, die derzeitigen periodischen Stromabschaltungen, von der auch der Großraum Tokio betroffen ist, beenden. Wann und in welcher Form das passieren soll, ist derzeit nicht absehbar.

Die Katastrophe beschädigte das Atomkraftwerk Fukushima I so schwer, dass die Lage in vier Atomreaktoren bzw. Abklingbecken nicht mehr unter Kontrolle ist. Versuche der Techniker, z.B. mit Kunstharzen, Zement und Wasser die radioaktiven Elemente einzufangen, sind bislang gescheitert. Mehr als ein "kontrollierter", d.h. nicht-ruckartiger Austritt von Radioaktivität im Rahmen eines "offenen Kühlprozesses", bei dem die AKW-Ruinen permanent mit Wasser besprüht werden und das verseuchte Wasser dann aufgefangen und gereinigt wird, ist in absehbarer Zeit nicht erreichbar.

Die Tokio Electric Power Cooperation (Tepco) und die japanische Regierungen haben zunächst mehrfach angkündigt, bis Frühjahr nächsten Jahres den Ausstritt von radioaktiver Strahlung unter Kontrolle zu bringen. Allerdings musste Tepco inzwischen einräumen, dass dies wohl nicht möglich sein wird und sich die Stabilisierung der Reaktoren noch über Jahre hinziehen könnte. Die Regierung hat einen Zeitplan vorgelegt, der die Entfernung der Brennstäbe und Schutzbehälter für die Reaktoren bis 2014 vorsieht. Wie es in den Reaktorruinen aussieht, ist noch unbekannt. Ein Wiederaufflammen des aktiven nuklearen Spaltungsprozesses3 ist nach wie vor real, wie jüngste Strahlungsausbrüche zeigen.4

Aufnahme der Außenhülle im vierten Stock von Reaktor 4 vom 10. Juni. Bild: Tepco

Japan durchleidet eine nukleare Katastrophe. Die Reaktoren werden noch über Monate, eventuell Jahre radioaktives Material freisetzen. Im Gegensatz zu Tschernobyl erfolgte die Freisetzung nicht explosionsartig, wodurch die radioaktiven Elemente in große Höhen geschleudert wurden, sich über kontinentale Flächen verteilten. In Fukushima treten sie kontinuierlich aus und bleiben in geringen Höhen. Der Großteil der radioaktiven Elemente wird in einem Umkreis von 300 bis 500 km um Fukushima niedergehen. Es entstehen dauerhafte radioaktive Flächen.

Tschernobyl hat gezeigt, dass Evakuierungszonen und Eindämmungsversuche bis auf die Gebiete direkt um den Reaktor wirkungslos sind. Wo sich die Radioaktivität anlagert ist nicht vorherzusagen. Es wurden in Japan bereits radioaktive Belastungen in Rindern, Teepflanzen und Wasserreservoirs in Nachbarprovinzen inkl. Tokio - alle außerhalb der 30 km-Evakuierungszone - gefunden. Große Teile des Landes, inklusive der Metropolregion Tokio, mit seinen 34 Millionen Bewohnern, sind bzw. werden kontaminiert. Das bedeutet nicht den sofortigen Tod. Die meisten Gebiete werden Strahlungsbelastungen aufweisen, die unterhalb der definierten "medizinischen Grenzwerte" bleiben. Aber es entsteht eine chronische Kontamination. In Teilen Japans wird das Ökosystem massiv verseucht sein - die Gewässer, küstennahe Meeresgebiete, der Boden und damit auch Pflanzen und Tiere. Die medizinischen Folgen für Teile der Bevölkerung, wie steigende Krebsraten und eine Zunahme verkrüppelter bzw. mit Immunkrankheiten belasteter Neugeborener, werden erst in Jahrzehnten sichtbar. Dann, wenn die Kinder, die heute der Strahlung ausgesetzt sind, selber Eltern werden. Die Folgen des Reaktorunfalls werden über Generationen, vom japanischen Volk zu tragen sein.

Die Geschichte Japans ist damit geprägt von zwei epochalen Nuklearkatastrophen. Die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki leiteten 1945 das Zeitalter der Nuklearrüstung ein. Der Reaktorunfall von Fukushima markiert 2011 eine globale Neubewertung der "friedlichen" Kernkraft.

Japan befindet sich seit zwei Jahrzehnten in einer ökonomischen und sozialen Dauerkrise. Sie ist gekennzeichnet durch Rückgang des Wirtschaftswachstums, Deflation, ausufernde Staatsverschuldung, sinkende Sparquoten, Perspektivlosigkeit der jüngeren Generation, ein Auseinanderdriften der regionalen Leistungskraft und eine extrem niedrige Geburtenrate. Ein stabiler Überschuss im Außenhandel, eine verlässliche Infrastruktur und ein gesellschaftlicher Konsens waren wesentliche stabilisierende Elemente Japans. Diese Pfeiler sind durch die Katastrophe einer beschleunigten Erosion ausgesetzt.

Die regionale Zerstörung der Transport- und Kommunikationslogistik sowie der Stromversorgung trifft die gesamte japanische Wirtschaft. Diese beruht auf ca. 100 Großkonglomeraten - den Keiretzu.5 Jeder integriert die Großteil der Wertschöpfungskette für seine Produkte. Der Ausfall eines Zulieferers ist damit nicht einfach ersetzbar. Es beeinträchtigt die gesamte Produktion bzw. die Konzerngruppe.

Traditionelle Vorteile der japanischen Wirtschaft - enge Verknüpfung aller Produktionsschritte und Qualitätskomponenten sowie minimale Lagerhaltung - erweisen sich als nachteilig. Systemkrisen in den wichtigen Absatzmärkten EU und USA sowie die Instabilitäten an den Devisenmärkten, die zurzeit eine Aufwertung des japanischen Yens erzwingen, schwächen zusätzlich den japanischen Außenhandel. Gleichzeitig brechen im Inland auf Grund der radioaktiven Strahlung insbesondere Arbeitsplätze in der Landwirtschaft sowie im Tourismus weg. Letzteres ein Hauptwachstumsfeld aus Sicht der Regierung.6

Parallel dazu beginnt eine Migration von Wirtschaft und Bevölkerung in den intakten Süden. Es ist offen, wie dieser Prozess sich konkret gestaltet, wie er zu steuern und zu finanzieren ist. Bezahlt ihn die Bevölkerung mit Auflösung ihrer Sparguthaben, entfällt die Möglichkeit der "billigen" Inlandverschuldung für die japanischen Regierung. Bei einer Gesamtverschuldung von über 200% zum Bruttoinlandprodukt ist eine Mobilisierung des benötigten Kapitals an den internationalen Finanzmärkten teuer.

Die langfristigen Folgen von direkten Schäden und radioaktiver Verseuchung verschärfen die Herausforderungen für das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem Japans drastisch. Wie sich das Land entwickeln wird, ist schwer abzuschätzen. Am gravierendsten ist, dass die Regierung zunehmend keine finanziellen Mittel zum Gegensteuern hat. Die Wiedererrichtung der Infrastruktur im Norden Japans, inklusive der Beseitigung der Umweltschäden, erfordern enorme Ressourcen. Einen Anhaltspunkt für die zukünftigen Kosten stellt der umgerechnet 18 Mrd. € Entschädigungsfonds an die Evakuierten, nahe dem AKW Fukushima I dar. Die Herausforderung, wie mit dauerhaft wirtschaftlich abgehängten Gebieten umgegangen werden soll, stellt sich nun als eine Jahrhundertaufgabe dar, die bisher nicht einmal konzeptionell erfasst ist. Bisher regiert Perspektivlosigkeit, inklusive Vorschlägen die Gebiete dauerhaft zu räumen.

Vorstellungen, auch der japanischen Regierung, dass der Aufbau ökologisch-nachhaltiger Energiesysteme einen Ausweg aus der Gesamtsituation bieten, sind kritisch zu bewerten. Den Aufbau einer derartigen Infrastruktur hat Japan verpasst. Er dauert Jahrzehnte und wurde bisher in Europa über höhere Energiepreise für private Haushalte, also der Umlenkung des Konsums finanziert. Die entstehenden Investitionen und neuen Arbeitsplätze in der Energiewirtschaft werden zumindest kurzfristig mit Verlusten in anderen Wirtschaftsbranchen bezahlt. Zumal Japan nicht wie z.B. Deutschland in den 1990er Jahren, in einen von Konkurrenten freien Technologiesektor vorstoßen würde. Also mittelfristig durch Exporte der Produkte keine zusätzlichen Investitionsmittel einnehmen kann. Trotzdem muss der Aufbau einer ökologischen Energiesektors ein Element der japanischen Wirtschaftspolitik werden. Der Reaktorunfall hat gezeigt, dass im erdbebengefährdeten Gebieten Atomkraftwerke nicht zu betreiben sind. Dem Aufbau einer ökologischen Wirtschaft müssen aber auch in Japan weitere wirtschaftspolitische Elemente zur Seite gestellt werden.

Die Bewältigung dieser Herausforderungen wird Japans ökonomische und politische Produktivpotenziale jedoch auf Jahrzehnte binden. Es wird zu wenig Gestaltungskraft haben, auf globaler Ebene als bestimmender Akteur aufzutreten oder eine führende Regionalmacht zu sein. Fraglich ist sogar, ob Japan sich künftig noch als führende Wirtschaftsnation behaupten kann.

Wenn es einen günstigen Zeitpunkt für eine engere Kooperation in Asien gibt, dann jetzt. Japan verfügt über begehrte Technologien und Kapital. Gleichzeitig benötigt es Energie, Wirtschaftstandorte und verlässliche Absatzmärkte für einen langfristigen Umbau seiner Gesellschaft. Hier bieten sich vielfältige Integrationsmöglichkeiten mit Russland, China, Südkorea, Indien und weiteren Staaten Asiens an. Niemand kann an einem untergehenden Japan Interesse haben.

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