Japanische Frauen sind zu müde, um nach einem Liebespartner zu suchen

Nach einer Umfrage stresst die Arbeit die Frauen, die dennoch gerne heiraten würden, was wiederum die Männer stresst - und dann sind da noch die Parasiten-Singles

Es gibt immer einmal wieder Umfrageergebnisse aus Japan - und auch in anderen Ländern - , die zeigen, dass es mit den sexuellen zwischenmenschlichen Kontakten nicht mehr so recht klappt. Die sexuelle Enthaltsamkeit in dem Land, das am stärksten vergreist und mit die geringste Fertilitätsrate hat, steigt, immer mehr bleiben nicht nur Singles, sondern partnerlos, auch bei den verheirateten Paaren ist die Sexlosigkeit auf eine Rekordniveau gestiegen.

Anzeige

Bei einer Umfrage, die im Februar veröffentlicht wurde, stellte sich auch wieder heraus, dass das Begehren nach Sex mit einem menschlichen Partner - nach Sexrobotern wurde noch nicht gefragt - auch unter jungen Menschen wenig ausgeprägt ist. Unter den 18-24-Jährigen Singles hatten 47,9 Prozent der Männer und 52,9 Prozent der Frauen noch niemals Geschlechtsverkehr. Die Verheirateten gaben als Grund für die verschwundene Sexlust vorwiegend an, von der Arbeit erschöpft zu sein oder dass Sex Mühsal ist, also nur noch mehr Arbeit und keine Lust verursacht (Sex ist Mühsal).

Eine aktuelle Umfrage ergab nun, dass 60 Prozent der heiratsfähigen, aber noch nicht verheirateten Frauen sagen, sie seien einfach nicht entspannt genug, um an Liebesbeziehungen interessiert zu sein. Frauen scheinen, so Japan Times, nun ebenso überarbeitet zu sein wie vormals die Männer mit langen Arbeitszeiten und kaum Urlaub.

Das geht so weit, dass immer mal wieder Menschen, zunehmend Frauen, an Karoshi, also an Überarbeitung sterben. Dazu zählen Suizide, aber auch Todesfälle durch Herzinfarkte oder Schlaganfälle. Es ist ziemlich gewöhnlich, dass Arbeitnehmer mehr als 80 Überstunden im Monat machen. Die Regierung will die Arbeitszeit langfristig auf 60 Wochenstunden herunterbringen und darauf einwirken, dass der Urlaub auch wirklich genommen wird. Vielleicht hätten dann die Japaner schon alleine aus Langeweile wieder mehr Lust am Sex - und vielleicht auch am Kinderkriegen?

Die befragten Frauen geben an, auch zu müde zu sein, um unter Arbeitskollegen nach Partnern zu suchen oder zufällige Dates wahrzunehmen, weil das zu stressig sei. Von den Frauen, die sich aufraffen, hin und wieder auszugehen, sagt ein Viertel, sie seien schon einmal während eines Dates eingeschlafen. Das mag an ihrer Müdigkeit liegen, vielleicht aber auch an der Langeweile der (ebenso müden?) Männer. Allerdings würden Liebesbeziehungen überbewertet, sie seien anstrengend und unbefriedigend

Das alte Rollenbild lebt aber dennoch fort. 80 Prozent wollen trotz aller Unlust an Liebesbeziehungen heiraten und darüber Stabilität finden. Wichtig scheint dabei die Heiratsfeier selbst zu sein, die immer pompöser und ritueller nicht nur in Japan gefeiert werden, um auch zu einem Medienevent in den Sozialen Netzwerken zu werden.

Bei den Männern scheint es anders zu sein. 60 Prozent sagen, sie seien an einer Heirat nicht interessiert, fast 80 Prozent würden aber gerne eine Freundin haben. Eine Ehe scheint ihnen zu beschwerlich, sie bringt Komplikationen mit sich und verringert das verfügbare Einkommen. Für Frauen könnte die Ehe also wieder zu einem Ausweg aus dem stressigen Arbeitsleben werden. Das scheint sich dann so auszuwirken, dass sich in der Altersgruppe der 20-29-Jährigen diejenigen, die einen Partner haben, in der Minderheit befinden.

Das schleppt sich auch schon eine Weile dahin, weswegen in Japan die Rede von Parasiten-Singles geprägt wurde. Das sind die 35-54-Jährigen, die immer noch als Single bei ihren Eltern leben. Das sind nicht wenige, es sollen immerhin 4,5 Millionen Japaner sein. Es sind oft Menschen, die kaum etwas verdienen, keine Renten erwarten können und abhängig von dem Geld ihrer Eltern sind. Sie gehören zu der wachsenden Anzahl von lebenslangen Singles. Nach Zahlen aus dem Jahr 2015 waren unter den 50-Jährigen ein Viertel der Männer und eine von sieben Frauen unverheiratet.

Anzeige

Nebenbei wird das Problem durch den auch in Japan größer werdenden Niedriglohnsektor verstärkt, was dazu beiträgt, keine festen Bindungen oder Ehen eingehen zu können oder zu wollen, geschweige denn, Kinder zu kriegen. 40 Prozent der Angestellten in Japan sind Teilzeitbeschäftige oder befristet Beschäftigte, in den 1980er Jahren waren es erst 20 Prozent.

Dazu kommen die hikikomori, also diejenigen, die sich ganz in ihr Zuhause, in der Regel bei den Eltern, einschließen. Zunächst war dies ein Jugendphänomen, aber auch Jugendliche werden älter. Zwar haben die Japaner nicht nur eine der geringsten Fertilitätsraten, sondern auch mit die höchste Lebenserwartung (noch?), aber irgendwann sterben die Eltern. Was machen dann die Menschen, die stets von diesen abhängig waren, wenn sie keine größeren Erbschaften erwarten können? (Florian Rötzer)

Anzeige