Japans neue Obdachlose leben in Internetcafes

Das japanische Arbeitsministerium hat erstmals eine neue Klasse von Obdachlosen erfasst, die sich - oft als "Working Poor" - keine Wohnung leisten können

Nach Angaben des japanischen Gesundheits-, Arbeits- und Wohlfahrtsministeriums leben im ganzen Land 5.400 Obdachlose mehr oder weniger in Internetcafes, die 24 Stunden geöffnet haben. Damit wurde erstmals ein Phänomen erfasst, das schon länger bekannt ist und Beunruhigung ausgelöst hat. Die Obdachlosen, ein Drittel ist zwischen 20 und 30 Jahre alt, sind nicht unbedingt arbeitslos. Da sich die Arbeitssituation verschlechtert hat, die Löhne sinken und sich temporäre Arbeitsverhältnisse durchsetzen, befinden sich unter der steigenden Zahl der "Working Poor", die nicht von ihrem Verdienst leben können, immer mehr junge Menschen.

Das Ministerium befragte für die erste Erhebung über "Internetcafe-Bewohner" die Betreiber von über 3.200 Internetcafes und Manga Kissa (Comic-Cafes). Nach den Angaben benutzen täglich 60.900 Menschen solche Orte als Unterkunft für die Nacht, 7,8 Prozent oder 4.700 nutzen die Internetcafes, weil sie keine Wohnung haben. Das Ministerium bezeichnet als "Internetcafe-Bewohner" Menschen, die keine feste Wohnung besitzen und mehr als die Hälfte der Wochentage Internetcafes für den Aufenthalt in der Nacht benutzen. Aufgrund der Umfrage schätzt das Ministerium, dass es insgesamt 5.400 Obdachlose gibt, die sich der Klasse der digitalen Heimatlosen zurechnen lassen.

Ganz mittellos dürfen sie freilich nicht sein. Zwischen 1000 und 2000 Yen (6 und 12 Euro) muss man bezahlen, um eine kleine Kabine mit einem Computer und einem Sessel für eine Nacht zu mieten. Manchmal erhält man dazu Getränke, gelegentlich gibt es sogar Duschen.

Nur 1.300 sind nach Angaben des Ministeriums arbeitslos, 300 haben feste Jobs, 2.700 arbeiten Teilzeit oder in nichtregulären Jobs. 600 von diesen wurden Zeitarbeitsfirmen für Jobs unter einen Monat oder auch nur für einen Tag geschickt. Zusätzlich wurden auch 360 "Internetcafe-Flüchtlinge" in Tokyo und Osaka befragt. 40 Prozent hatten schon zuvor einmal auf der Straße gelebt. Manche mussten nach einer Entlassung die von den Firmen zur Verfügung gestellten Unterkünfte verlassen, andere sagten, sie hätten sich die Miete nicht mehr leisten können. Nicht nur Internetcafes dienen allerdings als Unterkunft, wie die Befragten sagen, sondern auch Saunas oder Fast-Food-Restaurants.

Das Ministerium sieht die steigende Zahl der Internetcafe-Nomaden als Symptom für die Situation von immer mehr jungen Menschen, die von einem Kurzzeitjob zum nächsten wechseln müssen. Das seien mittlerweile bereits 2 Millionen Menschen, die auch Schwierigkeiten mit der traditionellen Arbeitsmoral der Japaner haben, die allerdings an lebenslangen Jobs gebunden war. Sie erhalten entsprechend niedrige Löhne und fallen aus den sozialen Sicherheitssystem heraus, haben oft keine Krankenversicherung.

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