"Je mehr wir konsumieren können, desto wohler fühlen wir uns"

Nicht nur steigendes Einkommen, sondern auch die Höhe der Konsumausgaben lässt die Lebenszufriedenheit nach einer soziologischen Studie steigen

Sein statt Haben war eine der bekannteren Formeln, die uns lehren sollten, dass Konsum nicht glücklich macht. Echte Lebenszufriedenheit, so sagen Psychologen, Theologen und andere Lebensberater gerne, geht von einem selbst aus, während die materielle Orientierung Suchtcharakter zur Folgen haben könne, weil man immer mehr brauche, aber die Leere nicht füllen könne.

Das Glück der Askese und materiellen Armut wurde allerdings von der Glücksforschung nicht bestätigt. Mit steigendem materiellem Wohlstand steigt normalerweise auch die Zufriedenheit (und die Lebenserwartung). Es wird aber diskutiert, ob ab einem gewissen Wohlstandslevel, der auch Konsum voraussetzt, kein zusätzlicher Glückgewinn mehr erzielt werden kann. Das läge irgendwie auf der Hand: Ein mehrfacher Milliardär wird nicht zehntausend Mal mit seinem Leben zufriedener sein als jemand, der 100.000 oder 200.000 Euro im Jahr verdient.

Soziologen vom GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften wollen nun aber herausgefunden haben, dass der Konsum von Gütern und Dienstleistungen doch direkt die Lebenszufriedenheit steigert und eine "essentielle Rolle" spielt. Die steile These:

Je mehr wir konsumieren können, desto wohler fühlen wir uns.

Christine Hagen vom Deutsche Zentrum für Altersfragen (DZA) und Ralf Himmelreicher vom Institut für Soziologie an der TU Dortmund haben für ihre Studie, erschienen im Informationsdienst Soziale Indikatoren (ISI 51), Daten des Sozio-ökonomische Panel (SOEP) ausgewertet, um zu untersuchen, wie sich der Konsum verschiedener Haushaltstypen und Bevölkerungsgruppen unterscheidet und die subjektive Lebenszufriedenheit vom Konsum beeinflusst wird.

Die im SOEO Befragten geben an, wie viel sie für den Konsum verschiedener Güter und Dienstleistungen monatlich und jährlich ausgeben. Bekannt ist, dass die unteren Einkommensschichten anteilig deutlich mehr für Grundbedürfnisse als die höheren Einkommensschichten ausgeben (müssen), weswegen für letztere der "Spaßfaktor" zunehmen dürfte:

Insbesondere die anteiligen Ausgaben für Nahrungsmittel und Getränke sowie Haus und Wohnung nehmen mit steigendem Einkommen stark ab, während Ausgaben für weniger elementare Zwecke wie Mobilität, Freizeit und Kultur oder auch Haushaltsausstattung sowie Beherbergung und Bewirtung mit steigendem Einkommen deutlich zunehmen.

Die Auswertung der Angaben zur subjektiven Lebenszufriedenheit ergibt, dass diese mit steigendem Einkommen und mit der Höhe der Konsumausgaben zunimmt. Der Unterschied zwischen der ärmsten und der reichsten Schicht beträgt immerhin 10 Prozent, wobei der Unterschied zwischen den Einkommen größer als der zwischen den Konsumausgaben ist.

Allerdings ist das einkommensärmste Zehntel der Bevölkerung weniger zufrieden als das ausgabenärmste Zehntel. Das erklären die Soziologen mitunter auch dadurch, dass zu den ausgabenärmsten Haushalten auch solche zählen, in denen freiwilliger Konsumverzicht geleistet wird.

Zudem würden oft die Ausgaben die Einkommen übersteigen, d.h. man kann sich mehr leisten, als man bezieht (es muss also andere Geldströme geben, muss man vermuten, Schwarzarbeit, Zuwendungen aus der Familie, Erbschaften???). Das ausgaben- und einkommensärmste Zehntel ist mit dem Leben unzufriedener als das einkommensschwächste, das aber nicht das ausgabenärmste sein muss.

Dafür spreche auch, "dass Personen, die in das unterste Ausgabendezil fallen, mit ihrem Leben nicht bzw. kaum weniger zufrieden sind (6,9) als der Bevölkerungsdurchschnitt (7,0), wenn sie nicht gleichzeitig auch zu den einkommensärmsten 10% der Bevölkerung zählen".

Bild: ISI

Das würde aber heißen, dass weniger der Konsum zufriedener macht, sondern es vor allem die Höhe des Einkommens (und damit der potenzielle Konsum bzw. die materielle Sicherheit) ist. Das trifft allerdings nur für die einkommensärmsten zwei Zehntel der Bevölkerung zu. Ab dem dritten Zehntel verlaufen Einkommens- und Ausgabenhöhe in etwa parallel mit steigender Lebenszufriedenheit, für die auch die Zufriedenheit mit Freizeit, Familie, Gesundheit und Wohnen einbezogen wurde.

Werden nur die Haushaltsgesamtausgaben berücksichtigt, so steigt die Lebenszufriedenheit bis 3.000 Euro stark an, während die Zunahme mit einem weiteren Anstieg bis 8.000 Euro flacher wird. Es dürfte also eine Schwelle geben, ab der die Zufriedenheit einigermaßen gesättigt ist.

Klar ist auch, dass die Lebenszufriedenheit auch davon abhängt, wofür das Geld ausgegeben werden kann oder muss. Wenn wir mehr Geld für Gesundheit ausgegeben, sinkt die Lebenszufriedenheit, schließlich ist man dann ja wohl gesundheitlich angeschlagen. Dagegen steigt die Lebenszufriedenheit, wenn anteilig mehr für Lebenszufriedenheit für Bildung, Bekleidung, Freizeit und in der Gastronomie ausgegeben wird, also schlicht für etwas, das nicht unbedingt notwendig ist, aber das Leben angenehmer macht.

Ausgaben für Grundbedürfnisse (Lebensmittel, Wohnen, Energie) wirken sich kaum auf die Lebenszufriedenheit aus, deutlich positiv dagegen solche für Freizeit. In diese steckt das ärmste Zehntel 13 Prozent seiner Gesamtausgaben, das reichste Zehntel 19 Prozent. Erstaunlich ist, dass beim zweiten, dritten und vierten Zehntel nur 7, 10 bzw. 11 Prozent in die Freizeit fließen und auch der Anteil der Ausgaben für Wohnen und Energie sowie für Ernährung teils deutlich höher als beim ärmsten Zehntel liegt.

Besonders bei niedrigen Einkommen scheint die Lebenszufriedenheit mit wachsenden Kommunikationsausgaben zu sinken. Die Autoren haben dafür keine Erklärung, man könne nur über die Gründe spekulieren. Es deute sich aber jedenfalls an, "dass sich hohe Aufwendungen für Kommunikationsgeräte und laufende Kommunikationskosten im subjektiven Wohlbefinden nicht positiv niederschlagen".

Hier könnte also ein Abgrund für die Mediengesellschaft mit ihrem Glücksversprechen der allseitigen Vernetzung und Kommunikation liegen, das zumindest mit relativ hohen Kosten für Menschen mit niedrigen Einkommen nicht erfüllt wird.

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