Jeden Monat müssten drei neue Atomkraftwerke ans Netz gehen

Mit Nuklearenergie lassen sich, so ein Bericht der britischen Oxford Research Group die CO2-Emissionen nicht entscheidend verringern, während das Sicherheitsrisiko mit dem weiteren Ausbau der Kernkraft steigt

In vielen Ländern wird zur Sicherung der Energieversorgung auf die Atomkraft gesetzt. Der Bau neuer Atomkraftwerke wird überdies damit begründet, dass sie einen Beitrag zur Reduzierung der Treibhausemissionen leisten. Noch hält die Bundesregierung nach der Koalitionsvereinbarung am beschlossenen Ausstieg aus der Kernkraft fest, doch CDU/CSU treten auch mit Blick auf die CO2-Emissionen für eine Verlängerung der Laufzeiten ein. Eines der Ziele, die auf dem Energiegipfel bekannt gegeben wurden, ist allerdings auch, dass "grundlastfähige Energiequellen im Energiemix der Zukunft" einen "festen Platz" haben sollen. Gemeint ist damit neben der Kohle auch die Kernkraft.

Der von der Oxford Research Group veröffentlichte Bericht "Too Hot to Handle? The Future of Civil Nuclear Power" widerlegt die Hoffnungen, die in den Ausbau der Kernkraft gelegt werden und warnt vor den großen Sicherheitsrisiken, die damit einhergehen. Im Vorwort schreit der liberale Abgeordnete David Howarth, dass Nuklearenergie einzigartig sei:

Sie ist die einzige Form der Stromerzeugung, die als solche eine Bedrohung des internationalen Friedens und der inneren Sicherheit darstellt. Sie ist als Folge ihrer Gefahren und der Geheimhaltung, die sie unweigerlich wegen ihrer Zusammenhänge mit Atomwaffen umgibt, die einzige Form der Stromerzeugung, die als solche eine Bedrohung der individuellen Freiheiten darstellt

Neben den Sicherheitsfragen will der Bericht auch widerlegen, dass einzig mit Nuklearenergie die Klimaerwärmung bekämpft werden kann. Auch ein weltweiter Umstieg auf Kernkraft würde keinen wesentlichen Beitrag zur Reduktion der Treibhausgasemissionen leisten, aber dafür die Welt erheblich unsicherer machen. Es würde dann sehr viel mehr nukleares Material vorhanden sein, aus dem sich Atombomben machen ließe, wodurch auch das Risiko von Anschlägen mit schmutzigen oder nuklearen Bomben erheblich steigen würde.

Die Studie geht davon aus, dass in den nächsten Jahren der weltweite Stromverbrauch um 50 Prozent steigen wird. Gegenwärtig werden 25 neue Kernkraftwerke gebaut, 76 sind geplant und 162 wurden vorgeschlagen. 429 AKWs produzieren derzeit in 31 Ländern 16 Prozent des globalen Stroms, die meisten sind schon alt und müssten bald ersetzt werden. Wenn die Kernkraft tatsächlich einen nennenswerten Beitrag zur Reduktion der CO2-Emissionen bis 2075 leisten sollte, müssten AKWs ein Drittel des benötigten Stroms produzieren. Dazu müssten bis 2075 zwischen 2000 und 2500 AKWs gebaut werden. Das hieße, dass ab jetzt drei neue AKWs in jedem Monat ans Netz gehen müssten - auch in zahlreichen politisch instabilen Ländern wie Bangladesch, Kongo, Indonesien, Nigeria oder Pakistan. In den letzten Jahrzehnten wurden in Frankreich, wo man am schnellsten AKWs errichtet hat, durchschnittlich 3,4 AKWs pro Jahr gebaut.

Die Autoren weisen darauf hin, dass zur Bemessung der CO2-Emissionen von AKWs etwa auch diejenigen einbezogen werden müssten, die durch Urangewinnung und Stilllegung verursachten einbezogen werden müssten, die vermutlich höher liegen, als bislang angenommen. Geraten wird der britischen Regierung, die beabsichtigt, neue AKWs zu entwickeln, die Kernkraft zumindest solange nicht in den Energie-Mix aufzunehmen, bis nicht bewiesen ist, dass sie einen wesentlichen Beitrag zur globalen Reduktion von CO2-Emissionen leisten kann:

Wenn die Entscheidung gefallen ist, auf Kernkraft zu setzen, wird Großbritannien eine mangelhafte und gefährlich kontraproduktive Energiepolitik implementieren.

Das sei auch deswegen sinnvoll, weil mit neuen Kernkraftwerken die Menge hoch angereicherten Urans steige, auf die die Länder dann zugreifen können, um Atomwaffenprogramme zu starten: "Selbst eine kleine Ausweitung der Nutzung der Kernkraft für die Stromherstellung würde ernsthafte Folgen für die Verbreitung von Atomwaffen an Länder, die sie noch nicht haben, und für nuklearen Terrorismus oder Anschläge auf AKWs mit sich bringen." Künftige Brüterreaktoren würden überdies mit Plutonium betrieben, das auch waffentauglich sei. Jedes Land, das einen solchen neuen Reaktor der Generation III (MOX) und IV (Plutonium) besitzt, ist, so warnt die Studie, bereits ein "latenter Atomwaffenstaat", der innerhalb von Monaten Atomwaffen herstellen kann. Wie schwierig das zu handhaben ist, zeige jetzt der Fall Iran.

Der normale Betrieb dieser Reaktoren wird die weltweit verfügbare Menge des für Waffen geeigneten Plutoniums vermehren.

Jetzt gebe es bereits im zivilen Sektor 215 Tonnen waffenfähigen Plutoniums, im militärischen Sektor seien es 250 Tonnen. Allein in Frankreich, Russland, Großbritannien und Japan würden die Plutoniumvorräte bis 2015 um weitere 125 Tonnen anwachsen. Und wenn nach Ansicht der Nuklearindustrie bis 2075 der Großteil des mit Atomenergie produzierten Stroms von schnellen Brütern kommen sollte, dann würden die Plutoniumvorräte auf 4000 Tonnen ansteigen. Die Internationale Atomenergiebehörde wäre zudem auch überfordert, alle Programme in allen Ländern beispielsweise auf der Grundlage des Atomwaffensperrvertrags überwachen zu können. (Florian Rötzer)

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