Jeder Tag könnte ein Welttag sein

Genau vor 60 Jahren hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen den ersten Welttag genehmigt. Nämlich einen Welttag für sich selber. Mittlerweile sind die Gedenktage zur Inflation und Plage geworden

Als die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 31. Oktober 1947 den Welttag für die UN per Resolution genehmigte, war klar: Diesen Tag sollten Mitgliedstaaten alljährlich feiern und gleichzeitig die UN bekannt machen, vielleicht sogar eine Identifikation schaffen, nachdem mit dem UN-Vorläufer, dem Völkerbund, alles nur Erdenkliche schief gegangen war. Als UN-Jahrestag wurde der 24. Oktober auserkoren, eigentlich sollte es der 26. Juni sein, doch beharrte 577+ein brasilianischer UN-Vertreter auf Oktober, weil die Schüler der nördlichen Hemisphäre erst dann Schulferien hätten. Damals ahnte niemand, dass die Vereinten Nationen und ihre Unterorganisationen 60 Jahre später um die 70 Welt- und Internationale Tage feiern.

Ein paar Beispiele gefällig? Anfang des Monats war der Welttag für die älteren Menschen, am 3. Oktober Welttag des Wohn- und Siedlungswesens, am 5. Oktober war der Weltlehrertag, kürzlich Welternährungstag und der Internationale Tag für die Beseitigung der Armut. Einige der 70 Welttage sind recht bekannt wie der Frauentag am 8. März oder der Aidstag am 1. Dezember, andere blieben eher unbekannt wie der Welttag der Poesie (21. März), der Tag des audiovisuellen Erbes (27. Oktober) oder der Welttag der Industrialisierung Afrikas (20. November).

Die UN kennt aber nicht nur den Welttag, sondern auch die Woche, das Jahr und die Dekade - sozusagen Welttage, die über einen längeren Zeitraum laufen. Ein Beispiel ist die alljährliche Abrüstungswoche (24. - 30. Oktober). 2005 hatte die UN zum Internationalen Jahr der Physik erklärt, ebenfalls 2005 war das Internationale Jahr der Kleinstkredite und auch das Internationale Jahr des Sports und des Sportunterrichts. 2007 ist übrigens das Jahr der Delphine, außerdem befinden wir uns in den UN-Dekaden „Bildung für nachhaltige Entwicklung“, „Wasser - Quelle des Lebens“ und die „Zweite Internationale Dekade für die Beseitigung des Kolonialismus“.

Findige Köpfe in allerlei Organisationen und PR-Agenturen haben die Welttage bemerkt. Aber nicht, um in Ruhe über die Themen nachzudenken und zu räsonieren. Nein, sie haben eigene Welttage ins Leben gerufen. So kennt die Katholische Kirche den Welttag der sozialen Kommunikationsmittel. Andere begehen die Welttage der Feuchtgebiete, der Fremdenführer und des Schlafes. Später kam die nationale PR auf den Geschmack: Hierzulande wird etwa alljährlich der Tag des Bieres gefeiert, in der Schweiz werden nationale Tage der Akupunktur, der Hochstamm-Obstbäume und der Atemtherapie begangen, meist orchestriert durch Preisvergaben. Jeder Verband, jede Mini-Vereinigung kämpft mittlerweile mit einem Jahrestag um mediale Aufmerksamkeit - und findet wenigstens Erwähnung in den Gratisblättern, die für jeden Gratisbeitrag dankbar sind.

Zurück zum Globalen: Da fehlt nur noch ein Welttag für PR-Bla-Bla. Aber auch das gibt es schon. „Die Welt erlebt eine starke und andauernde Krise der Selbstzerstörung. Die Mehrheit der Menschen möchte in Frieden und Würde leben. Es ist an der Zeit, mit Macht zu beweisen, dass unsere Chorfamilie durch Musik dazu beiträgt, die künstlichen Schranken niederzureißen, die Politik, unterschiedliche Ideologien und Religionen und Rassenhass geschaffen haben." So verkauft die International Federation for Choral Music (IFCM) den Tag des Internationalen Chorgesangs: Also der nächste Chortag ist am 10. Dezember (ebenso wie der Tag der Menschenrechte) und dann singen wir alle. Und alles wird gut.

Obwohl die wichtigeren Welttage ein bisschen Aufmerksamkeit in der weltöffentlichen Kommunikation absorbieren, finden die Anliegen bei den Weltmassen kaum Gehör - geschweige denn sind sie zu einer Art Weltkultur geworden. Die Zahl der internationalen Gedenktage ist ganz einfach zu groß (und auch die Zahl der Trittbrettfahrer), als dass man sich merken könnte, welcher Welttag welchem Thema zugeordnet ist. So gehen sie meist im Des- und Halbinteresse unter und bleiben ein politisches Ritual, das Niemandem weh tut, den Eindruck des Handelns erzeugt und dennoch nichts verändert.

Ein Beispiel, dass die vier Milliarden erwachsenen Erdenmenschen (von Kant schon 1795 in „Zum Ewigen Frieden“ zum Weltbürger geadelt) nicht eben höllisch aufpassen: Trotz Abrüstungswoche sind die Rüstungsausgaben im Jahr 2006 auf einen Rekordwert von 900 Milliarden Euro gestiegen. Kurzum: In 50 Jahren werden wir auch weiter den Weltflüchtlingstag und den „Welttag für die Bekämpfung von Wüstenbildung und Dürre“ feiern. Ob da ein Nachdenk-Welttag „Warum hat ein Welttag noch nie etwas bewirkt?“ überhaupt etwas nützt? (Manfred Weise)

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