Jeder will ein fliegendes Auto

Science-Fiction-Autor Charles Stross in Second Life

Wenn jemand etwas von virtuellen Welten versteht, dann dürfte das mit ziemlicher Sicherheit der Brite Charles Stross sein. Der in Schottland lebende Science-Fiction-Autor erschuf wahrhaft kosmische Visionen. Zumindest in den Köpfen seiner Leser ließ er die viel gerühmte technologische Singularität oder besser gleich mehrere alternative Versionen davon schon jetzt Wirklichkeit werden. Stross, der auch Pharmakologe und Informatiker ist, hat zumindest im Kopf erheblichen Vorsprung vor den profanen Grenzen des Jetzt-Internet und des veraltenden Web 2.0. Lässt sich einer wie er dazu herab, sich mit dem Spielzeug Metaversum Second Life zu beschäftigen, ist das irgendwie, als würde ein Stanislav Lemscher Kosmonaut in die Steinzeit zurückversetzt werden, um dort Entwicklungshilfe zu leisten.

Trotzdem hat der Brite eine Einladung der großen Science Fiction Sim Extropia nicht mit einem mitleidigen Lächeln abgelehnt, sondern sich gleich eineinhalb Stunden Zeit genommen, um vor Fans, die sich nicht nur in Stross' Gedankenwelt, sondern auch in Second Life verheddert haben, über Technologie, Wissenschaft, Gesellschaft und seine Bücher zu plaudern.

Bereits 45 Minuten vor Beginn des Gesprächs finden sich die ersten Gäste ein. Mit Mirrorshades bebrillte Cyberpunks flegeln sich auf komfortablen Knautschkissen Seite an Seite neben Papp- und Holzrobotern, Furries, den obligatorischen Second Life Killerblondinen, abstrakten Aliens, einer grünen Lovecraftschen Kreatur, einer virtuellen Philip K. Dick Version und anderem Getier. Sogar Marvin der melancholische Roboter aus „Per Anhalter durch die Galaxis“ ist mit von der Partie. Auf meiner Radarminikarte wimmelt eine Traube grüner Punkte. So große Ansammlungen von Metaversumsbürgern sind selten geworden in Second Life und sonst eigentlich nur ein Anzeichen dafür, dass man an diesem Punkt campen – also Geld ersitzen kann – oder dass sich gerade in einem Sexclub ein Gang Bang anbahnt. Doch heute geht’s in Second Life ausnahmsweise mal um Kultur.

Stross materialisiert sich im Metaversum, knapp bevor die kritische Grenze von 50 Avataren auf der Sim erreicht wird. Wer jetzt noch dazu kommen will, dem wird Second Life den Teleport verweigern. Im Publikum ist man erleichtert, dass niemand vor die Tür gesetzt werden muss, damit der Meister seinen Auftritt absolvieren kann. Einmal mehr zeigt sich, dass die Welt von Second Life Grenzen hat, die noch enger sind als der Rand des Computermonitors.

Stross inkarniert als fotorealistisches Ebenbild seiner selbst mit Vollbart und Brille. Er hat auf den Luxus verzichtet, seinen Realnamen zu tragen und nennt sich hier stattdessen Autopope Writer – eine Anspielung auf seine Website Antipope.org. Wer sich so nennt, für den sind religiöse Lichtgestalten allenfalls Pointengeber. Stross macht keinen Hehl daraus: „Ich habe nicht einen spirituellen Knochen im Körper“, erklärt er im Verlauf des Abends.

Natürlich steht sofort die Frage im Raum, ob er viel Zeit in Second Life verbringt. Nicht von ungefähr, denn Stross beschreibt in seinem Roman „Halting State“ einen Banküberfall, der in einer virtuellen Welt, nicht unähnlich der von Second Life, verübt wird. Der reale Stross hat nach eigener Aussage jedoch eher wenig mit dem Linden Metaversum zu tun. Seine Aufenthalte, so erklärt er, beliefen sich summa summarum höchstes auf ein halbes Dutzend Stunden, in denen er ziellos umhergeirrt sei. Man glaubt ihm das und hält es nicht für die Standardverneinung von Pseudointellektuellen, denen das Herumspielen mit Avatarchats zu peinlich ist, um es zuzugeben. Einer wie Stross hat Besseres zu tun.

Allerdings sind elektronische Konferenzen nichts Neues für ihn, erzählt er. Im Verlauf seiner Tätigkeit für ein großes Unternehmen habe er bereits Erfahrungen mit Telefon- und Bildschirmkonferenzen gesammelt. Letztere seien eine Katastrophe gewesen - weil man plötzlich weder Grimassen schneiden noch in der Nase bohren konnte. Nicht nur an dieser Stelle merkt man, dass der Brite, der blitzgescheite und grenzüberschreitende Romane schreibt, jede Menge Humor hat.

Angesprochen auf Nahzukunft-Science-Fiction erklärt er, dies sei sicherlich die am schwersten zu schreibende Form von Zukunftsliteratur, obwohl es scheinbar umgekehrt ist. Jeder glaubt, dass Nahzukunft-Science-Fiction einfach nur aus dem bestehe, was wir heute kennen, nur dass es zusätzlich noch fliegende Autos gebe, scherzt Stross. Doch tatsächlich wird man beim Aufschlagen der Zeitung an jedem Morgen mit Entwicklungen konfrontiert, die nichts anderes als real gewordene Science Fiction sind. So etwas realistisch vorherzusehen, sei mehr als schwierig.

"Romane über die Eroberung des Weltraums können nur ohne Menschen funktionieren"

Jemand ruft in den Raum, dass er ein fliegendes Auto will. Stross entgegnet, dass jeder Zugang zu einem fliegenden Auto will, aber niemand erleben möchte, dass der 16jährige Sohn des Nachbarn Zugang zu einem fliegenden Auto und einem Sixpack Bier hat. Ob er für Transhumanisten schreibe, will jemand wissen. Stross verneint und entgegnet, dass er für Geeks schreibt. Von denen ist er an diesem Abend zweifellos umgeben. Eine ganze Population von SIM-Bewohnern, die es vorzieht, den Samstagabend vor dem Computer zu verbringen, statt sich ins Nachtleben zu stürzen. Immerhin: Stross ist da und das ist nicht der schlechteste Grund, mal Zuhause zu bleiben.

Auf die Frage, wie sich die Science Fiction verändert habe führt Stross aus:

Von den 20er bis in die 70er ging es in der SF um Beschleunigung, Geschwindigkeit, Reisen. Die Science Fiction befasste sich mit der Besessenheit der Modernisten von Transport und Kommunikation. Aber in den 70er prallten wir auf eine energetische Mauer. Es ging nicht mehr schneller. Währendessen war die IT-Revolution auf dem Weg. Moores Gesetz stellte einen exponentiellen Prozess dar, der anders war als der bei der Entwicklung unserer Raumfahrttechnologie. Die Sorte von Kids, die sich für Wissenschaft interessierten, gingen nicht länger in die Raumfahrt, sondern wurden UNIX-Administratoren.

Diese Entwicklung so erklärt er weiter, hätten die klassischen Autoren verpasst im Gegensatz zu Schriftstellern wie Neal Stephenson, Vernor Vinge und ihm selbst.

In seinem neusten Roman „Saturn`s Children“ kehrt Stross aber zum klassischen Motiv der Kolonisierung des Sonnensystems zurück. Ironischerweise siedelt er seine Geschichte in einer Zukunft an, in der die Menschheit lange ausgestorben ist. Seine Protagonistin ist eine nutzlos gewordene Sexandroidin, die ein mysteriöses Paket vom Merkur zum Mars transportieren soll. Er selbst beschreibt seinen Roman als Hommage an Heinlein und den Versuch, das Thema Kolonisierung des Weltraums „richtig anzugehen“. Später fügt hinzu, dass Romane über die Eroberung des Weltraums nur ohne Menschen funktionieren können. „Affen in Blechbüchsen, solche Geschichten enden zwangsweise in Tränen“, scherzt er.

Nebenbei erzählt er, dass seine Romane auch an unerwarteter Stelle zur Kenntnis genommen werden. So etwas bemerke man spätestens dann, führt er aus, wenn man vom Pentagon in einen Think Tank eingeladen wird.

Auf seine persönlichen Wunschtechnologien angesprochen phantasiert der britische Autor über denkbare Gadgets. Eine Brille wie aus seinem Roman „Halting State“ wünsche er sich, die einerseits hochauflösende Bilder vor dem Auge des Betrachters einspielen kann, verschiedene Spektralbereiche sichtbar macht, 3D-Bilder aus MMROPGs einblenden kann und gleichzeitig alles aufzeichnet, was ihr Besitzer sieht, Draus wird ein persönliches Archiv mit Erinnerungen gespeichert, eine Art „Gedächtnis-Prothese“. Stross ist jemand, der zweifellos weiß, dass die Technik diesen Stand so gut wie erreicht hat.

Kurz darauf entschuldigt sich Stross, kehrt eine Minute später zurück und erklärt, er wäre um diese Zeit eigentlich im Pub und hätte sich deswegen jetzt einfach mal ein Weißbier geholt.

Im weiteren Verlauf spricht Stross über seine große Sorge in Bezug auf die zunehmende Überwachung von Privatpersonen. Die beiden von Politikern immer wieder herunter gespulten Phrasen „Vertraut uns, wir wollen nur euer Bestes“ und „Wer nichts Böses getan hat, der hat auch nichts zu befürchten“ halten in seinen Augen einer kritischen Analyse niemals stand, selbst wenn man tatsächlich ehrenhafte Absichten der Gesetzgeber unterstellt. Die für ihn persönlich furchterregendste Verschwörungstheorie sei jedoch die, dass unsere Politiker tatsächlich ihr Bestes tun, um uns vor etwas so Furchtbarem zu schützen, dass es alle Maßnahmen rechtfertigen würde.

Die derzeitige angespannte Sicherheitssituation würde in den nächsten Jahren etwas wie private Raumfahrt unmöglich machen. Wesentlich besorgniserregender als eine gekaperte Boing 767 sei es, wenn Terroristen das Weltraumschiff eines Milliardärs kapern, um es für Terrorzwecke einzusetzen. Dagegen würde sich die Masse einer 767 ausnehmen wie die einer Cessna.

Der Abend endet mit ein paar Einblicken ins private Leben des Charles Stross, der gern mal Zeit im Pub mit Kollegen wie Richard Morgan oder Ken McLeod verbringt. Schließlich mischt sich Stross unters Avatarvolk und ich nutze die Gelegenheit, um mein Minime gleich neben dem von Charles Stross zu fotografieren. Der wirkt auf dem Schnappschuss aus der virtuellen Welt tatsächlich etwas verdattert. Es mag daran liegen, dass er sich in dieser Sekunde gefragt hat, wo der hübsche – vermutlich - weibliche Avatar geblieben ist, den ich aus dem Bild geschubst habe, um mich neben ihm ins rechte Licht zu rücken. Sekunden später ist Stross aus Second Life dematerialisiert. (Thorsten Küper)

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