"Jederzeit jeden Krieg gewinnen"

Der neue Pentagon-Bericht für den Kongress

Der amerikanische Kongress verlangt seit 1997, dass das Pentagon alle vier Jahre die so genannte Quadrennial Defense Review (QDR) erstellt. Es ist ein Strategiepapier, das die Vorstellungen und Planungen des Verteidigungsministeriums über die Zukunft der US-Streitkräfte in den wichtigsten Linien deutlich machen soll.

Der neueste Vier-Jahres-Masterplan des Pentagon soll nun Anfang Februar dem Kongress vorgelegt werden. Auszüge daraus werden aber schon jetzt in der amerikanischen Presse und auf der Defense-Tech-Webseite diskutiert.

Die Los Angeles-Times, die als Informationsquelle einen anonymen Pentagon-Mitarbeiter zitiert, der an der "Top-to-Bottom-Studie" beteiligt ist, hält vor allem dessen Einschätzung für bemerkenswert, dass der Irak-Krieg als "Ausnahme" gesehen wird. Das US-Militär habe keinen Appetit mehr auf einen weiteren längeren Krieg, der einen Regimewechsel zum Ziel habe:

Irak ist ganz klar etwas Einmaliges. Es gibt ganz sicher keine Absicht, es noch einmal zu tun.

Was wahrscheinlich derzeit auch nicht möglich wäre, auch wenn man das offiziell nicht zugeben möchte. Wenn man aber einem anderen aktuellen Bericht, der im Auftrag des Pentagon verfasst wurde, Glauben schenkt, ist die US-Armee durch ihre Einsätze in Afghanistan und Irak schon derart an der Grenze der Belastbarkeit, dass es sogar fraglich ist, ob man lange genug durchhalten könne, um "das Rückgrat der Aufständischen im Irak zu brechen" - von einen weiteren Krieg ganz zu schweigen.

Dass man an zwei Fronten zugleich agieren können müsse, war noch eine der prominentesten Forderungen der letzten QDR von 2001. Nach den Auszügen der aktuellen Quadrennial Defense Review zu urteilen, reagiert man auf die Erfahrungen des Irak-Kriegs nicht mit einer Erhöhung der Truppenstärke. Vielleicht, weil das zu teuer wäre; nach Schätzungen des Pentagon würde eine Aufstockung um 30.000 Soldaten jährlich drei Milliarden Dollar kosten. Man will die Zahl der Kampfeinheiten erhöhen, weil kleinere Einheiten den Militärplanern mehr Flexibilität bringen sollen, so die Idee.

Nein, so die Stimmung unter den Pentagon-Informanten, die Schlagfähigkeit der US-Truppen sei durch die Einsätze in Afghanistan und dem Irak nicht gefährdet, man könne "jederzeit jeden Krieg, den der Präsident der USA vom Pentagon verlange, gewinnen". Nach außen will man keinesfalls zugeben, dass der Krieg im Irak die Funktionsfähigkeit der amerikanischen Armee in irgendeiner Weise beeinträchtigen würde. Man wäre halt dazu gezwungen, auf "hässlichere Weise" zu gewinnen, so ein Pentagonvertreter gegenüber der LA-Times. Heißt: mehr zivile Tote, mehr Kollateralschäden.

Im neuen Pentagonpapier sollen sich die Erfahrungen aus dem Irak-Kriegs an einigen Stellen wiederfinden: Man wolle sich deutlicher auf "irreguläre Kriegsführung" konzentrieren, es soll mehr und besser ausgerüstete Spezialeinsatztruppen geben. Die Soldaten sollen besser in fremden Sprachen geschult werden, die "cultural-awareness-Ausbildung" soll ebenfalls verbessert werden. Auch die neue Aufmerksamkeit für friedenssichernde Einsätze ("peace keeping missions") deuten die Fachleute als Reaktion auf die dürftige Vorbereitung der US-Truppen auf die Zeit nach den "Hauptkampfhandlungen".

Der interessanteste Aspekt des neuen Pentagon-Papiers ist für manche jedoch der grundsätzliche Strategie-Streitpunkt zweier Schulen: Wird China künftig wichtiger als Osama Bin Laden und der Irak? Mit dieser Frage bringt Noah Shachtman von Defensetech.org die unterschiedlichen Auffassungen der beiden Lager im Pentagon auf den Punkt:

There are two factions jockeying for control in the Pentagon. One thinks that the U.S. military is going to spend a big chunk of the next twenty years hunting down terrorists and stabilizing screwed-up states. The other believes that China has to be smacked down, before it bulks up to superpower status.

Nach seiner Auffassung würde die Anti-Terror-Fraktion den rhetorischen Sieg davon tragen. Die "Vorbereitung auf größere asymmetrische Herausforderungen" sind laut dem neuen Papier "fundamentale Imperative" für das Pentagon, die mit einer 15% Budget-Aufstockung der Special Operations Forces, einem größeren Mitspracherecht ihrer Kommandeure beim Kauf neuer Waffen, einer zahlenmäßigen Truppenverstärkung um ein Drittel und der Verstärkung von Psychological Operations-Einheiten um ebenfalls ein Drittel gedeckt werde.

Die China-Fraktion im Pentagon aber würde "gold-plated Hardware" im Wert mehrerer Milliarden bekommen, das "Neueste und Beste" von allem, neue Flugzeuge und neues High-Tech-Gerät. Mit China könnte der Supermacht ein Supergegner erwachsen, den man zeitig in Schach halten müsse. Die Erfahrungen aus dem langen Kalten Krieg scheinen programmatisch nachhaltiger und dominanter als die aus dem Irak-Krieg, beklagt Shachtman:

Big money will continue to be spent on fighter jets designed to duel with the Soviets and destroyers designed for large-scale ground assaults. Grunts on the ground won´t get much more than they do now. The war on terror may be "long". But, apparently, it´s not important enough to make really big shifts.

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