Jemen: Friedensmeldung gefälscht

Frontverlauf im Jemen: Grün: Huthis. Rot: Sunnitenallianz. Weiß: al-Qaida. Karte: Ali Zifan. CC BY-SA 4.0

Konfliktparteien einigten sich nicht auf Einheitsregierung

Am 20. März erschien auf einem Facebook-Profil, das auf den UN-Vermittler Ismail Ould Cheikh Ahmed ausgestellt war, auf Arabisch eine Mitteilung, der zufolge sich die in- und ausländischen Akteure des Krieges im Jemen bei Friedensgesprächen auf eine "politische Lösung und die Formierung einer Regierung der nationalen Einheit" geeinigt hätten. Zahlreiche Medien - darunter auch der öffentlich-rechtliche ORF - brachten diese Meldung.

Inzwischen kam durch Rückfragen bei den UN-Büros in Sanaa heraus, dass sowohl der Inhalt als auch das Profil gefälscht waren.

Wer hinter der Fälschung steckt, ist bislang nicht bekannt. Vorher hatten "Kreise nahe der Führung" der schiitischen Huthi-Milizen Nachrichtenagenturen die tatsächlich nicht existente Übereinkunft angeblich bestätigt. Außerdem soll aus diesen Kreisen verlautbart sein, es gebe einen "gemeinsamen Willen, den Krieg zu stoppen", Vertrauen aufzubauen und eine Waffenruhe an der Grenze zwischen dem Jemen und Saudi-Arabien auszuweiten.

Welchen Nutzen die Huthi-Führung vom Lancieren einer falschen Friedensmeldung gehabt hätte, ist unklar. Vielleicht erwartete man sich, dass andere Verhandlungsteilnehmer eher einlenken als offiziell widersprechen würden, wenn die Meldung einmal in der Welt ist. Möglicherweise waren aber auch die Quellen der Nachrichtenagenturen nicht ganz so nahe an der Führung, wie dies dargestellt wurde.

Zu den Akteuren im Krieg im Jemen zählen neben den schiitischen Huthi-Milizen die sunnitischen Verbände des gestürzten Staatspräsident Abd Rabbo Mansur Hadi, dessen ausländische Verbündeten in der von Saudi-Arabien angeführten Sunnitenkoalition sowie die Terrorgruppen islamischer Staat (IS) und al-Qaida. Der Iran und die libanesische Hisbollah, denen Saudi-Arabien die Unterstützung der jemenitischen Schiiten vorwirft, bestreiten eine Teilnahme.

Der Jemen ist ein Staat, von dem man häufig sagt, dass es nur eins gibt, was seine Bürger verbindet: Die Droge Kath, die ein Großteil der Männer dort täglich kaut. Während an den Küsten und im Osten des Landes fast ausschließlich Sunniten leben, herrschen im nördlichen Hochland zaiditische Schiiten vor, die landesweit 42 Prozent der Bevölkerung stellen. Ihre Lehre verbreitete sich durch den 896 aus dem Irak gekommenen al-Hadi Yahya, der im Südwesten der arabischen Halbinsel politische Macht erlangte und eine Dynastie begründete. Zaiditen verehren als fünften Imam nicht Muhammad al-Baqir, sondern Zaid ibn Ali, der 740 im Kampf gegen die Omajaden unterlag.

In den 1990er Jahren gründeten die zaiditischen Religionsführer Badr al-Huthi, Hussein al-Huthi und Abdul Malik al-Huthi die Erweckungsbewegung "Schabab al-Mumin" ("Gläubige Jugend") als Reaktion auf mit saudischem Geld finanzierte aggressive wahabitische Missionierungsversuche. Diese schiitische Gegenreformation eroberte bis zum Februar 2015 die Westhälfte des Jemen und setzte den Präsidenten ab.

Im März 2015 stoppte eine internationale Sunnitenallianz unter saudischer Führung den Vormarsch, schaffte es aber trotz großen Materialaufwands und trotz logistischer und geheimdienstlicher Hilfe durch die USA bislang nicht, die Huthis zu besiegen. Im Sommer gelang es ihr zwar, die Schiitenmiliz aus der Hafenstadt Aden zu vertreiben - aber die Armee der Vereinigten Arabischen Emirate, die die 800.000-Einwohner-Stadt am 4. August mit französischen Leclerc-Panzern besetzte, muss sich die Kontrolle mit Anhängern der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) teilen, die dort offen ihre schwarze Fahne hisst, Schiiten lyncht und am 6. Dezember den Gouverneur tötete.

Informanten der BBC nach nutzte der IS im Jemen das Chaos, das dort durch die monatelangen Kämpfe entstanden war. Dabei setzte er auch auf die im Irak ausgesprochen erfolgreiche Methode, Gefängnisse zu stürmen und unter den dort eingesperrten Schwerverbrechern und Terroristen massenhaft neue Kämpfer zu rekrutieren.

Im Osten des Landes, im Gouvernement Hadramaut, nutzte die jemenitische al-Qaida-Filiale AQAP die Gelegenheit und übernahm im April die Macht in der 200.000-Einwohner-Gouvernementshauptstadt al-Mukalla. In ihren 51-köpfigen Regierungsrat wurden neben Dschihadisten auch Vertreter der Stämme aufgenommen - allerdings nur solche, die dem politischen Salafismus der AQAP nicht widersprechen. Andere wurden verschleppt. Außerdem errichteten die Terroristen ein Scharia-Gericht im ehemaligen Kulturzentrum und lassen Sittenwächter durch die Straßen streifen, wie sie auch in Saudi-Arabien patrouillieren. Inzwischen weitete die Terrorgruppe ihr Herrschaftsgebiet über die Gouvernements Schabwa und Abyan bis nach Lahidsch nördlich von Aden aus.

Die NGO HaSochnut HaYehudit L'Eretz Yisra'el, die Juden aus Krisengebieten nach Israel bringt, hat nach eigenen Angaben in den Tagen vor dem 21. März in einer geheimen Operation 19 der 69 noch im Jemen lebenden Juden evakuiert. Insgesamt wurden in den letzten Jahren etwa 200 jemenitische Juden nach Israel gebracht. 50 jemenitische Juden verweigerten die Ausreise und wollten trotz der Gefahr in ihrer Heimat bleiben. Sowohl die Huthisten als auch al-Qaida gelten als extrem antijüdisch und gewaltbereit.

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