Jimmy Wales: eine Ikone mit Schönheitsfehlern

Die Weltanschauung von Jimmy Wales

Ich schwöre bei meinem Leben und bei meiner Liebe zum Leben: Ich werde nie für andere leben, und ich werde nie von anderen verlangen, dass sie für mich leben.

Ayn Rand, "Atlas Shrugged"

Jimmy Wales erklärt den Roman "Atlas Shrugged" der amerikanisch-russischen Autorin Ayn Rand zu seinem absoluten Lieblingsbuch, das sein Leben und Denken geprägt habe wie kein Zweites. Das 1957 veröffentlichte Epos ist literaturgeschichtlich unbedeutend, streichelt aber die geschundenen Seelen amerikanischer Konzernherren. Deren Genialität und Würde findet dort wortreiche Lobpreisung.

Diese großartigen Geschöpfe brächten die Welt voran. Und sie könnten noch viel mehr vollbringen, wenn es da nicht diese erbärmlichen Regenten der Nationalstaaten und ihre Handlanger, die Gewerkschaftler und Arbeiterführer gäbe, die die großen Individualisten aus den Chefetagen immer wieder mit Sozialgesetzen und ähnlichem Foltergeschirr fesseln würden wie dereinst Prometheus.

Für die Vertreter der Tea Party-Fraktion der Republikaner in den USA sind Ayn Rands Bücher Pflichtlektüre. Es überrascht gewiss so manchen Jimbo-Anhänger zu erfahren, dass sein Idol einer der eifrigsten Exponenten des Marktradikalismus und dessen Ideologie des Libertarismus ist.

Der zweite wichtige Inspirator von Wales ist nämlich der Vater der marktradikalen Wiener Schule, Friedrich von Hayek. Wales hat gesagt

Man kann meine Ideen über Wikipedia nicht begreifen, wenn man nicht Hayek verstanden hat … Hayeks Werk über die Preistheorie ist zentral für mein eigenes Denken, darüber, wie man das Wikipedia-Projekt zu betreiben hat.

Was hat Preistheorie mit dem Weltlexikon zu tun? Nun, Hayek hatte unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs seinen Aufsatz The Use of Knowledge in Society (auf Deutsch etwa: "Vom Nutzen des Wissens in der Gesellschaft") veröffentlicht. In der Nachfolge von Walter Lippmanns Weg weisendem Buch "Die Gesellschaft freier Menschen" argumentiert von Hayek gegen die Planwirtschaft, die nach dem Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg, zumindest in der Wahrnehmung der Wirtschaftsliberalen, möglicherweise zur alleinigen Wirtschaftsweise zu werden drohte.

Eine zentrale Wirtschaftslenkung würde die schnellen und über die Fläche verstreuten Veränderungen im Wirtschaftsleben ignorieren, unrealistische Preise vorschreiben und damit Ressourcen vergeuden. Nur eine freie, völlig unregulierte Wirtschaft würde im Wettbewerb ständig Anpassungen in Annäherung an den wirklichen Marktwert durch Preise ausdrücken können. Über den Markt könnte das Wissen der einzelnen Marktteilnehmer in den Gesamtprozess eingebracht werden. Der Preis ist für Hayek anzusehen als eine Art von Information. Es gibt einen Absatz in Hayeks Aufsatz, bei dem möglicherweise bei Jimmy Wales der Groschen gefallen ist:

Heutzutage grenzt es an Gotteslästerung zu sagen, dass wissenschaftliche Erkenntnis nicht die Summe allen Wissens ist. Aber ein bisschen Nachdenken zeigt doch, dass es zweifelsfrei einen Bestand sehr wichtigen aber unorganisierten Wissens gibt, den man möglicherweise nicht unbedingt als wissenschaftlich im Sinne eines Wissens verallgemeinerter Gesetze nennen könnte: nämlich das Wissen ganz bestimmter Umstände von Ort und Zeit. Daher kommt es, dass praktisch jede Person einen gewissen Vorsprung gegenüber allen anderen hat, weil sie über eine einzigartige Information verfügt, aus der man Nutzen ziehen könnte, aber deren Nutzen nur in Entscheidungen einfließen kann, der von dieser Person abhängt oder nur getroffen werden kann durch dessen aktive Mitarbeit.